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Ostkreis Hebamme half bei mehr als 2200 Hausgeburten
Landkreis Ostkreis Hebamme half bei mehr als 2200 Hausgeburten
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09:00 01.01.2022
Josefine Huhn – mit Ehemann Erich in der einen und ihrer 45 Jahre alten Hebammen-Tasche in der anderen Hand – nahm zum Abschied aus dem Beruf und zum 90. Geburtstag eine Urkunde aus den Händen von Nina Rinkleff, der Kreissprecherin der Hebammen, entgegen.
Josefine Huhn – mit Ehemann Erich in der einen und ihrer 45 Jahre alten Hebammen-Tasche in der anderen Hand – nahm zum Abschied aus dem Beruf und zum 90. Geburtstag eine Urkunde aus den Händen von Nina Rinkleff, der Kreissprecherin der Hebammen, entgegen. Quelle: Florian Lerchbacher
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Stadtallendorf

„Wenn Konrad Adenauer mit fast 90 Jahren noch Deutschland regieren konnte, dann werde ich in diesem Alter doch wohl noch nach einem Nabel schauen können“, sagt Josefine Huhn, die sage und schreibe 66 Jahre lang als Hebamme tätig war. Nun allerdings hat sie ihren 90. Geburtstag gefeiert und beschlossen, ihre schwere Hebammentasche – die 45 Jahre lang ein treuer Begleiter war – an den Nagel zu hängen. „Es hat viel Spaß gemacht. Hebamme ist der schönste Frauenberuf der Welt“, betont sie, während ihr Mann Erich hinzufügt: „Die Arbeit hat sie einfach glücklich gemacht.“

Über 2 200 Hausgeburten hat Josefine Huhn, geborene Gockel, in 66 Jahren als Hebamme begleitet. Die letzte liegt allerdings zehn Jahre zurück, denn zum Ende ihrer „Karriere“ konzentrierte sie sich nur noch auf die Nachsorge – sonst hätte sie einen viel höheren Versicherungsbeitrag zahlen müssen: „Und das lohnt sich einfach nicht“, erklärt sie.

Aus dem Nähkästchen über das Erlebte plaudern möchte sie übrigens nicht – ganz einfach, weil sich die Familien doch bestimmt wiedererkennen würden, auch wenn sie die Geschichten anonym erzählen würde.

Nur so viel: Huhn half in 60 Orten, Babys zur Welt zu bringen. Einmal musste sie sogar bis nach Storndorf fahren – eine Anfahrt, die gerade zu Beginn ihres Berufslebens schwierig gewesen wäre, denn damals war sie noch mit dem Fahrrad unterwegs.

Mit dem Rad zur Arbeit

Als sie 14 war habe der damalige Bürgermeister sie angesprochen, ob der Beruf der Hebamme nicht etwas für sie wäre, erinnert Huhn sich zurück. Sie sollte in Mardorf, Erfurtshausen, Rüdigheim und Schweinsberg in die Fußstapfen ihrer Mutter treten, die verstorben war. Zwar sei eine Hebamme aus Berlin gekommen, um die Stelle zu besetzen: „Aber die Großstadtpflanze fühlte sich bei uns auf dem Dorf nicht so wohl“, sagt Huhn – die dem Bürgermeister letztendlich zusagte, die Hebammenschule in Marburg besuchte und danach zunächst die vier Orte übernahm.

Doch so einfach wie heute war es damals weder bei der Anreise noch beim Bescheid geben: Wenn in Erfurtshausen ein Kind zur Welt kommen wollte, musste sich der Mann dort auf ins Postamt machen, von wo aus ein Anruf nach Mardorf erfolgen sollte. Dort wiederum galt es für den Angestellten des Postamtes, sich dann auf den Weg zu Josefine Huhn zu machen, die dann alles stehen und liegen ließ und ins Nachbardorf radelte – egal, wie das Wetter war. „Das war schon etwas anders“, erinnert sich die Hebamme – die an der Schule übrigens auch eine Arbeitskollegin aus Allendorf kennenlernte, die zur Fortbildung in Marburg war: Diese berichtete ihr, seit 25 Jahren keinen Urlaub gemacht zu haben, weil es keine Vertretung gab. Huhn erfuhr, dass die Allendorferin ein Moped hatte – und da sie ihr dieses zur Verfügung stellen wollte, erklärte die Mardorferin wiederum ihre Bereitschaft, die Vertretung zu übernehmen und einzuspringen.

Drei Geburten in einer Nacht

Doch nicht nur das: Die Allendorferin zeigte ihr auch ein Foto ihres Sohnes Erich – und schon hatte Huhn nicht nur eine Vertretungsstelle, sondern auch noch einen Ehemann gefunden. Nach drei Jahren heiratete das junge Paar, und die Hebamme zog ins damalige Allendorf und war im Laufe der Zeit dann unter anderem für ihren neuen Wohnort, für Kirchhain, Rauschenberg, Wohratal und Neustadt tätig.

Einmal brachte sie in einer Nacht drei Kinder zur Welt. Und selbst in der Nacht, als sie ihre eigene Tochter zur Welt brachte, half sie noch einer anderen Frau bei der Geburt. „Meins kam ja noch nicht“, erinnert sie sich lachend und stellt heraus, dass sie in 66 Jahren nicht eine einzige Geburt künstlich eingeleitet habe.

„Kinder aus aller Welt“ hat Huhn zur Welt gebracht. Dem ersten Baby mit türkischen Wurzeln half sie im Jahr 1963, das Licht der Welt zu erblicken. Um sich mit der Mutter verständigen zu können, musste ein Dolmetscher helfen – der vor der Tür stand und auf Zuruf notwendige Begriffe übersetzte.

Weil Huhn diese Situation nicht gerade gefiel und sie die Nähe zu den Menschen pflegen wollte, brachte sie sich einfach selber Türkisch bei. „Hebamme auf Türkisch heißt ,Ebe’ – und das bedeutet so viel wie große Mama“, erklärt die Stadtallendorferin und freut sich, dass viele Familien sie heute immer noch als „große Mama“ ansehen und auf der Straße grüßen.

Ihr Beruf werde ihr durchaus fehlen, gibt sie zu – aber irgendwann müsse einfach Schluss sein. So schön der Job auch sei.

Von Florian Lerchbacher