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Ostkreis Ein gutes Zusammenleben
Landkreis Ostkreis Ein gutes Zusammenleben
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10:00 02.05.2022
Die beiden Schwestern Katerina und Marina flohen mit der kleinen Ewa aus der Ukraine. Sie wurden von Schmittdiels in Stadtallendorf aufgenommen.
Die beiden Schwestern Katerina und Marina flohen mit der kleinen Ewa aus der Ukraine. Sie wurden von Schmittdiels in Stadtallendorf aufgenommen. Quelle: Nadine Weigel
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Stadtallendorf

Verstohlen wischt sie sich eine Träne weg. Eigentlich wollte sie nicht weinen. Wollte stark sein, genauso wie ihre Schwester. Doch die Angst und Sorge holen sie immer wieder ein, wenn sie an den Krieg in ihrem Heimatland denken. Katerina ist mit ihrer Schwester Marina und deren kleinen Tochter aus der Ukraine geflohen. Aus Saporischschja, zwei Autostunden von Mariupol entfernt. Sie sind in Sicherheit. Dennoch überwältigen die beiden Frauen die Emotionen, wenn sie über ihre Flucht reden.

„Zwei Wochen waren wir im Bunker, das war schlimm“, sagt die 24-jährige Katerina und blickt zu ihrer Schwester, die ihre Tränen mit einem Taschentuch abtrocknet. Liebevoll streicht die 27- Jährige ihrer kleinen Tochter übers Haar. Die Dreijährige sitzt an ihrem kleinen Tisch und malt gedankenverloren ein Bild aus. Seit einigen Wochen sind sie in Stadtallendorf untergekommen. Familie Schmittdiel hat sie bei sich aufgenommen. Eine spontane Idee. „Wir haben einfach gedacht, wir haben den Platz, und wir wollen nicht, dass die Menschen in irgendeinem Notaufnahmelager hocken“, erklärt Rolf-Werner Schmittdiel. Der Kontakt zu Katerina und ihrer Schwester war über „Wir Hessen Helfen“ zustande gekommen. Die Initiative, die sich im vergangenen Jahr nach der Flutkatastrophe gegründet hatte, nutzt mittlerweile ihr breites Netzwerk, um Geflüchteten aus der Ukraine zu helfen. „Wir haben bislang 220 Menschen in 90 Familien untergebracht, die meisten im Landkreis Marburg-Biedenkopf, aber auch bis nach Frankfurt runter“, berichtet Katja Wiechmann von „Hessen Helfen“.

Wie viele Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine insgesamt seit Beginn des russischen Angriffskrieges im heimischen Landkreis angekommen sind, lässt sich nicht genau beziffern, da sehr viele eben über solche private Initiativen untergekommen sind. Doch allein von den Geflüchteten, die dem Landkreis über das Regierungspräsidium Gießen zugewiesen wurden, oder von denen, die sich direkt beim Kreis gemeldet haben, wurden rund 600 Personen in Privatunterkünfte vermittelt, wie die Pressestelle des Landkreises auf OP-Anfrage mitteilt. In Marburg sind derzeit 856 ukrainische Kriegsvertriebene registriert, erklärt Patricia Grähling von der Pressestelle der Stadt. Sowohl im Landkreis als auch in Marburg seien die Zahlen neu ankommender Geflüchteter rückläufig. Dennoch suchen sowohl die Stadt Marburg als auch der Landkreis weiterhin Wohnraum für Geflüchtete (siehe Infokasten).

Noch immer wird Wohnraum gesucht

600 Personen, die über das Regierungspräsidium Gießen in den Landkreis kamen oder sich direkt beim Kreis gemeldet haben, wurden bislang in Privatunterkünfte vermittelt. Im Landkreis kamen zu Beginn des Krieges wöchentlich rund 50 bis 60 Personen an, in dieser Woche waren es nur elf, teilt die Pressestelle des Kreises auf OP-Anfrage mit. Noch immer werde Wohnraum gesucht: vor allem abgeschlossene Wohnungen und Wohnraum für größere Familien. Das bestätigt auch die Pressestelle der Stadt Marburg auf OP-Anfrage. In Marburg seien derzeit 856 ukrainische Kriegsvertriebene registriert. „Dankenswerterweise“ lägen der Stadt viele Wohnangebote vor, die schnellstmöglich abgearbeitet – also von städtischen Mitarbeitern besichtigt und dann nach Möglichkeit angemietet würden. Priorisiert würden Wohnungen, die in sich abgeschlossen oder zumindest räumlich getrennt von der Wohnsituation der Eigentümer seien, mindestens teilmöbliert sind und für einen längeren Zeitraum (sechs bis zwölf Monate) zur Verfügung stehen. Wünschenswert sei auch WLAN, so die Pressestelle der Stadt. Wer Wohnraum zur Verfügung stellt, kann entweder mit den Geflüchteten direkt einen Mietvertrag oder mit der Stadt Marburg einen Überlassungsvertrag schließen. Überlassen die Vermieter die Wohnung der Stadt, wählt die Stadt die künftigen Bewohner aus und teilt barrierefreie Wohnungen dann Geflüchteten mit körperlichen Einschränkungen zu. Das vereinbarte Unterkunftsentgelt zahlt die Stadt Marburg direkt. Dabei gilt auch, dass es in der Regel eine Grenze bei den Unterkunftskosten und -größen gibt, da die ukrainischen Geflüchteten die Wohnung über einen Sozialleistungsanspruch finanziert bekommen. Das bedeutet: Bis 50 Quadratmeter maximale Miete 420 Euro, bis 60 Quadratmeter maximale Miete 480 Euro, bis 75 Quadratmeter maximale Miete 580 Euro, bis 85 Quadratmeter maximale Miete 690 Euro. Vorauszahlungen, wie die üblichen Betriebs- und Heizkosten, können noch hinzugerechnet werden, teilt die Stadt auf OP-Anfrage mit.

Um die Priorisierung der Wohnangebote und die Besichtigung effizient zu gestalten, hat die Stadt Marburg einen Fragebogen entwickelt. Den gibt es über die zentrale Ukrainehilfe (Telefon-Hotline: 0 64 21 / 2 01 40 00 oder ukrainehilfe@marburg-stadt.de).

Der Landkreis hat auf seiner Website (www.marburgbiedenkopf.de) ebenfalls einen Fragebogen integriert. Alternativ können sich Anbieter von Wohnraum außerhalb von Marburg auch unter 0 64 21 / 4 05-72 72 melden (Montag bis Freitag von 8 bis 16 Uhr).

Die Initiative www.hessenhelfen.de hilft ebenfalls Geflüchteten mit Wohnraum.

Die Wohnsituation im Haus der Schmittdiels ist optimal. Die Ukrainerinnen haben im Dachgeschoss eine eigene Wohnung und genug Rückzugsmöglichkeiten. „Am Anfang haben wir noch jede Mahlzeit zusammen eingenommen, mittlerweile essen wir noch gemeinsam zu Mittag und ansonsten versorgt sich jeder, wie er Lust und Laune hat“, sagt Rolf-Werner Schmittdiel, der den beiden Ukrainerinnen bei Behördengängen zur Seite stand und ihnen auch sonst das Ankommen in jeder Hinsicht erleichterte. Dabei halfen auch die Enkel der Schmittdiels, die sich liebevoll um die kleine Ewa kümmern. Mittlerweile geht die Dreijährige nun aber sogar schon in die Kita. „Sie ist sehr gerne dort, sie freut sich, dass eine Erzieherin russisch spricht“, bestätigt ihre Tante Katerina. Die 24-Jährige ist wie ihre Schwester Lehrerin. Der Laptop ist das Wichtigste, was sie auf ihrer Flucht vor dem Krieg mitgenommen hat. Er ermöglicht ihr, weiter zu unterrichten, obwohl der Krieg ihre Schülerinnen und Schüler in alle Teile der Welt vertrieben hat. „Aber online finden wir wieder zusammen, und das ist unheimlich wichtig“, sagt die Grundschullehrerin lächelnd. Sie habe ihren Unterricht extra auf den Nachmittag verschoben, damit ihre Schülerinnen und Schüler vormittags in Polen, Ungarn oder Deutschland zur Schule gehen können.

Katerina ist dankbar, dass sie auf diese Weise weiter arbeiten und auch den Kontakt zu ihren Schülern halten kann. Aber trotz der Ablenkung sind die Sorgen und Ängste allgegenwärtig. Vor allem bei Marina. Denn ihr Ehemann dient in der ukrainischen Armee und ist in der schwer umkämpften Ostukraine im Einsatz. „Es ist sehr schwer, sich zu fokussieren. Man versucht weiterzumachen und zu funktionieren, aber es ist einfach sehr schwer“, sagt Katerina mit belegter Stimme. So dankbar sie und ihre Schwester auch sind für die liebevolle Aufnahme in Stadtallendorf, sie haben nur einen Wunsch: Dass der Krieg schnell endet und sie zurückkehren können in ihre geliebte Heimat.

Von Nadine Weigel