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Ostkreis Eigentlich sind die Menschen ganz zufrieden
Landkreis Ostkreis Eigentlich sind die Menschen ganz zufrieden
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18:55 09.10.2021
Der Soziologe und Buchautor Martin Schröder gestaltet den Auftakt der Reihe "Dem Glück auf der Spur".
Der Soziologe und Buchautor Martin Schröder gestaltet den Auftakt der Reihe "Dem Glück auf der Spur". Quelle: Privatfoto
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Stadtallendorf

Ab Donnerstag, 14. Oktober, können sich Senioren gemeinsam mit der Volkshochschule, der Opera Sociale Ferrero und der Stadt Stadtallendorf dem Glück auf die Spur begeben (die OP berichtete ausführlich). Das ist aber noch lange keine Garantie, sein persönliches Glück auch zu finden – und sich einfach vorzunehmen, glücklich zu sein, geht auch nicht, wie Professor Dr. Martin Schröder vom Institut für Soziologie der Philipps-Universität Marburg betont. Er gestaltet die Auftaktveranstaltung und widmet sich während eines Online-Vortrages dem Thema „Lebensglück – was uns zufrieden macht“. Streng genommen forscht er auch nicht über das Glück, sondern über Zufriedenheit – aber ein enger Zusammenhang zwischen den beiden Begriffen besteht durchaus, wie der Autor der Bücher „Wann sind wir wirklich zufrieden?“ und „Warum es uns noch nie so gut ging“ betont.

Glück ist, so erklärt der Professor, ein „derzeitiges, jetziges Gefühl“, das eher einen emotionalen Hintergrund hat. Menschen seien beispielsweise glücklich, wenn die Sonne scheint, aber eben nicht, wenn sie in eine Pfütze treten. „Es geht hier eher um irrationale Schwankungen“, sagt er und ergänzt, dass der Begriff der Zufriedenheit weniger emotional behaftet sei: Wenn ich frage, ob Menschen glücklich sind, kommt die Antwort meist spontan. Frage ich jedoch, ob sie zufrieden sind, dann gleichen sie eher ab: Wie ist mein Leben und wie hätte ich es gerne?“ Menschen seien also zufrieden, wenn ihr Leben so verlaufe, wie sie es auch gerne hätten.

Zufriedener als man denkt

Seine Forschungen haben ergeben: Die meisten von uns sind viel zufriedener, als manch einer denkt. Der Durchschnittswert auf einer Skala von 0 bis 10 liege bei 7,4. Die Hälfte der Menschen würden ihr Maß der Zufriedenheit mit einem Wert von 8 bis 10 beziffern. „Nur jeder Sechste stuft sich in der unteren Hälfte der Skala ein“, betont Schröder und resümiert: „Eigentlich geht es den Menschen also gut.“

Das Spannende dabei: Fragt man sie danach, wie es anderen Menschen geht, fällt die Einschätzung weniger positiv aus. „Es ist ein bisschen wie beim Autofahren: Viele halten sich selber für einen guten Fahrer, können sich aber nicht vorstellen, dass auch andere sich für gute Fahrer halten.“ Die meisten hielten sich eher für Ausnahmen – und das, obwohl jeder einzelne eher die Regel als die Ausnahme sei. Aber: Den Menschen einfach erklären, dass es ihnen gut geht, sei indes nicht so einfach. Nicht einmal Fakten würden da zwingend helfen – und doch sei Aufklärung das beste Mittel, so Schröder: „Einen magischen Trick gibt es jedoch leider nicht.“

Letztendlich gebe es eine sogenannte Setpoint-Theorie: Jeder Mensch hat also sozusagen einen gewissen Standard an Zufriedenheit. Dieser könne sich zum Positiven, beispielsweise nach einem Lotto-Gewinn, verschieben oder werde durch eine Querschnittslähmung ins Negative verrückt. Aber nach einer Zeit relativiere sich dieser Ausschlag und der Mensch kehre zum Ausgangspunkt zurück: „Auch wenn es unglaublich klingt: Man gewöhnt sich tatsächlich auch an einen Lottogewinn oder einen Schicksalsschlag wie eine Lähmung.“

Die Faustformel

Zufriedenheit lasse sich quasi berechnen: Ein Drittel ist, so Schröder, genetisch bedingt: „Man hat in diesem Zusammenhang also entweder Glück oder Pech.“ Das nächste Drittel hänge von langfristigen Entscheidungen wie der Wahl der Ausbildung oder des Berufes zusammen: Es sei die Frage, ob die gewählte Richtung zur Person passe und sie zufrieden oder unzufrieden ist, wenn’s an die Arbeit geht. Ein Punkt, der sich natürlich nicht so einfach verändern lasse. Das letzte Drittel des Maßes an Zufriedenheit sei indes kurzfristiger Natur und beispielsweise von Entscheidungen, Handlungen oder Geschehnissen abhängig: Urlaub, Gehaltserhöhung, neue Beziehung oder einfach auch ein Sonnentag nennt Schröder als Beispiele.

Und da es den „magischen Trick“ wie erwähnt nicht gibt, hat auch der Marburger Professor keinen konkreten Rat, den er für die Suche nach Zufriedenheit geben kann. Er schlägt vor, ein „Dankbarkeitstagebuch“ zu führen, in das man jeden Abend schreibt, was an einem Tag positiv gewesen sei. So könne man sich bewusst machen, wie gut es einem eigentlich geht. Weitere Stellschrauben, an denen sich drehen lassen: Soziale Kontakte seien ebenso wichtig für das eigene Wohlbefinden wie das Vorhaben, in seinem Leben etwas Sinnvolles zu machen – ein Punkt, den Bürgermeister Christian Somogyi einst bei der Vorstellung der Reihe „Dem Glück auf der Spur“ auch erwähnt hatte. „Alleine auf der Couch findet man garantiert kein Glück“, sagte der Rathauschef und betonte, es sei wichtig, aus den eigenen vier Wänden und aus der Komfortzone herauszukommen, Menschen zu treffen, sich zu engagieren oder Sport zu machen. Passend dazu gibt es am Donnerstag, 9. Juni 2022, ab 14.30 Uhr in der Stadthalle Stadtallendorf die Veranstaltung mit dem Titel „Freiwilliges Engagement macht glücklich“ mit Doris Heineck, Leiterin der Freiwilligenagentur Marburg. Und wenn es schon nicht so einfach ist, Zufriedenheit zu finden, dann könnte es ja zumindest zu Glück reichen: Verschiedene Ansätze beziehungsweise Themen gibt es im Rahmen der Veranstaltungsreihe zu entdecken.

Anmeldungen für den Vortrag gehen per E-Mail an seniorenbildung@marburg-biedenkopf. de, telefonisch an Astrid Stutz, 0 64 28 / 79 34 28, Birgit Thiel, 0 64 28 / 70 72 62 oder Karin Lippert, 0 64 21 / 4 05 67 19. Anmeldeschluss ist der 13. Oktober. Das Programm der Reihe gibt es auch online, beispielsweise unter www.stadtallendorf.de

Von Florian Lerchbacher

09.10.2021
09.10.2021