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Ostkreis Das Bier, die Fresse und die Geldstrafe
Landkreis Ostkreis Das Bier, die Fresse und die Geldstrafe
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20:52 24.10.2021
Der Konsum von Alkohol ist auf Stadtallendorfs Spielplätzen verboten. Das ignorierte ein Mann - wodurch ein heftiger Streit mit einer Mutter entbrannte.
Der Konsum von Alkohol ist auf Stadtallendorfs Spielplätzen verboten. Das ignorierte ein Mann - wodurch ein heftiger Streit mit einer Mutter entbrannte. Quelle: Florian Lerchbacher
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Stadtallendorf

Erst beleidigte und bedrohte er eine Frau, dann verpasste er es, über eine vor ihm aufgebaute goldene Brücke zu laufen und seine Geldstrafe zu drücken. Kurzum: Das Jahr 2021 hätte für einen 36 Jahre alten Stadtallendorfer bisher durchaus besser laufen können.

Im Mai hatte der Mann zusammen mit seinem Sohn einen Spielplatz besucht und dabei Bier getrunken – alkoholfreies, wie er während der Verhandlung vor dem Kirchhainer Amtsgericht behauptete. Die Mutter eines Mädchens sprach ihn daraufhin an und verwies auf das auf Spielplätzen geltende Alkoholverbot sowie darauf, dass aufgrund der Corona-bedingten Pandemievorgaben der Genuss von Alkohol in der Öffentlichkeit generell verboten sei. Der Angeklagte quittierte dies mit den Worten „Halt die Fresse, Du Fotze.“ Außerdem drohte er der Frau, ihr „auf die Fresse“ zu hauen.

Vor Gericht behauptete der Angeklagte, die Aggression sei von der Frau ausgegangen. Sie habe ihn verbal attackiert, dann gedroht, ihm „eine zu klatschen“ und ihn letztendlich auch noch nachgeäfft. Er habe daraufhin gesagt, dass er die Polizei informieren wolle, letztendlich aber darauf verzichtet: „Es wäre doch komisch, als Mann ein Mädchen anzuzeigen wegen Beleidigung. Hätte ich aber gewusst, dass sie so hinterlistig ist und mich anzeigt, dann hätte ich es gemacht.“

Dies seien allerdings alles Schutzbehauptungen gewesen, resümierte Richter Joachim Filmer, nachdem eine 28 Jahre alte Zeugin ausgesagt hatte (die Hauptzeugin war nicht anwesend, da ihre Tochter erkrankt sein soll). Die Frau berichtete, sie habe gesehen, dass der Angeklagte Flaschen mit sich führte: „Außerdem roch er nach Alkohol.“ Die andere Frau – eine Freundin von ihr – sei später dazugekommen und habe beschlossen, den 36-Jährigen anzusprechen, da sie ihn schon öfters mit Bier auf dem Spielplatz gesehen habe: „Sie bat ihn freundlich, er solle die Flaschen wegpacken. Da ist er aggressiv geworden, trank extra einen Schluck, baute sich auf und drohte, er würde sie schlagen.“ Ihre Freundin habe daraufhin beschlossen, die Polizei zu informieren. Rund zehn Minuten später sei der Mann dann auf sie zugekommen und habe sie „angepampt“, erklärte die Zeugin und berichtete, was sie dann sagte: „Pass mal auf: Ich habe Dir schon mehrmals gesagt, dass ich von Alkoholkonsum auf dem Spielplatz nichts halte. Da wurde er auch mir gegenüber aggressiv.“

Einspruch verspricht wenig Erfolg

Richter Filmer fragte daraufhin noch einmal explizit nach, von wem die Aggression ausgegangen sei. Die Zeugin erklärte, sich nicht mehr genau an die gefallenen Worte zu erinnern: „Aber was ich weiß: Er war es, der aggressiv wurde.“ Und auch daran, dass er zu ihrer Freundin „Halt die Fresse, Du Fotze“ gesagt habe, wisse sie noch genau.

„So richtig erfolgreich ist Ihr Einspruch gegen den Strafbefehl nicht“, sagte der Richter daraufhin in Richtung des arbeitsuchenden Angeklagten und erklärte ihm, dass er nun drei Möglichkeiten habe: Den Einspruch zurückzuziehen und 40 Tagessätze à 30 Euro als Strafe zu akzeptieren, den Einspruch aufrechtzuerhalten und ein Urteil zu bekommen, bei dem das Strafmaß eher höher ausfalle. Oder den Einspruch nur auf das Strafmaß zu beschränken und dessen Höhe so zu drücken – dazu rate er ihm. „Wofür?“, fragte der Angeklagte, blieb bei seinem Einspruch und bekam dann zunächst noch einmal seine Vorbelastungen zu hören: In der Vergangenheit war er wegen des Besitzes von Betäubungsmitteln, gemeinschaftlicher Sachbeschädigung (beides 2007), gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung (2008), gemeinschaftlichen Diebstahls in besonders schwerem Fall (2009), Körperverletzung und Bedrohung (2011) sowie Urkundenfälschung in Tateinheit mit versuchten Betruges (2017) verurteilt worden.

Filmer folgte letztendlich der Forderung des Vertreters der Staatsanwaltschaft und verurteilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe in Höhe von 60 Tagessätzen à 15 Euro. Er könne keinerlei Reue erkennen – und das Einzige, was für den 36-Jährigen spreche, sei, dass dieser sich vier Jahre lang nichts habe zu Schulden kommen lassen. Angesichts der Vorbelastungen sei es dennoch angezeigt, das Strafmaß im Vergleich zum Strafbefehl um 20 Tagessätze zu erhöhen. Dass die Gesamtsumme der Strafe letztendlich mit insgesamt 900 statt 1200 Euro niedriger ausfalle, liege daran, dass der Angeklagte arbeitslos sei und deshalb die Tagessätze geringer als ursprünglich vorgesehen angesetzt werden müssten.

Von Florian Lerchbacher