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Ostkreis Belobigung für zwei Lebensretter
Landkreis Ostkreis Belobigung für zwei Lebensretter
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09:58 09.05.2022
Einen Defibrillator hatten Björn Beck (links) und Wolfram Vogel nicht zur Hand, als sie ein Menschenleben retteten. 
Einen Defibrillator hatten Björn Beck (links) und Wolfram Vogel nicht zur Hand, als sie ein Menschenleben retteten.  Quelle: Florian Lerchbacher
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Stadtallendorf

Die Dankbarkeit ist Ingo Blumenauer (59) ins Gesicht geschrieben, als er Björn Beck und Wolfram Vogel vor dem Magistratszimmer im Stadtallendorfer Rathaus in den Arm nimmt. Die beiden Männer haben gerade aus den Händen von Bürgermeister Christian Somogyi und Erstem Stadtrat Otmar Bonacker sogenannte „öffentliche Belobigungen“ entgegengenommen, die Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier aussprach – und zwar dafür, dass Beck und Vogel das Leben Blumenauers gerettet hatten.

Die drei Männer waren allesamt für den Sabotageschutz in der Herrenwaldkaserne tätig, als es im August 2021 zu einem Zwischenfall kam: Blumenauer kehrte gerade von der Streife zurück, als er plötzlich kurz aufstöhnte, sich ans Herz griff und zusammenbrach. Während einige Kollegen vor Schock zu Salzsäulen erstarrten, riefen Vogel und der Streifenkollege Blumenauers den Rettungsdienst. Beck bemerkte dabei, dass der Zusammengebrochene keine Atmung und keinen Puls mehr hatte, und begann mit der Herzdruckmassage.

Nicht der erste Einsatz von Björn Beck

Als er sich verausgabt hatte, übernahm Vogel die Reanimation – und zwar so lange, bis der Rettungswagen eintraf. Und dessen Besatzung fand deutliche Worte: Ohne das beherzte Eingreifen Becks und Vogels hätte ihr damaliger Kollege den Zusammenbruch nicht überlebt. „Ich bin sehr froh, dass die beiden vor Ort waren. Manchmal denke ich, es sollte einfach so sein“, betont dieser und freut sich, dass auch der zweite Zusammenbruch seines Lebens gut endete. Schon im Jahr 2015 sei ihm gesagt worden, dass 99,9 Prozent der Menschen solche Situationen nicht überlebten, erinnert er sich.

„Ich habe nicht groß nachgedacht, sondern einfach reagiert“, erinnert sich der aus Hertingshausen stammende und inzwischen in Stadtallendorf wohnende Björn Beck.

Christian Somogyi (hinten, von links) und Erster Stadtrat Otmar Bonacker überreichten im Auftrag des Ministerpräsidenten die Belobigungen an Wolfram Vogel (links) und Björn Beck (rechts), die das Leben von Ingo Blumenauer gerettet hatten. Quelle: Florian Lerchbacher

Er habe schon einmal versuchen müssen, einen Menschen zu reanimieren – damals aber ohne Erfolg. Das sei ihm in dieser Situation im vergangenen Jahr aber nicht durch den Kopf gegangen – auch wenn er jahrelang mit dem Kollegen zusammengearbeitet habe und dieser aufgrund der langen Arbeitszeiten quasi zum Kreis seiner „zweiten Familie“ gehörte: „Man denkt eigentlich nicht, sondern ist einfach konzentriert und versucht das umzusetzen, was man gelernt hat. In so einem Moment ist alles andere egal“, berichtet der zweifache Vater.

Ihm sei auch kein Lied durch den Kopf gegangen, nach dessen Rhythmus Experten die Herzdruckmassage empfehlen (beispielsweise „Stayin’ alive“ von den Bee Gees oder „Highway to hell“ von AC/DC). „Ich habe einfach schnell, regelmäßig und tief gedrückt und mich dabei auch nicht von brechenden Rippen irritieren lassen. Das gehört dazu.“

So handeln Sie im Notfall

Was tun, wenn ein Mensch zusammenbricht, keine Lebenszeichen mehr erkennbar sind und Sie keinen Defibrillator zur Hand haben? Die Rettungsdienste empfehlen in solchen Situationen folgendes Vorgehen: Sprechen Sie die Person an und prüfen Sie die Atmung. Ist die Person bewusstlos, atmet nicht mehr oder nicht mehr regelmäßig: Rufen Sie den Notruf unter 112 (oder bitten Sie andere Personen, diesen Anruf zu tätigen). Machen Sie dann eine Herzdruckmassage. Drücken Sie senkrecht mit den Handballen auf der Brust etwa sechs Zentimeter tief – etwa 100- bis 120-mal pro Minute (am besten bleiben die Arme des Helfers dabei gestreckt, und die Finger werden verschränkt). Allein schon die Herzdruckmassage hilft. Wenn möglich sollten Sie die Person auch beatmen: Nach 30-mal Drücken die Nase mit den Fingern verschließen und zweimal Luft in den Mund blasen (jeweils bis sich der Brustkorb hebt). Diesen Prozess fortsetzen, bis der Rettungsdienst eintrifft – oder die Person wieder atmet.

Ähnlich erging es dem aus Rabenau stammenden Vogel. Es sei eine eigentümliche Situation gewesen. „Man steht vor einem Kollegen und fragt sich, ob jetzt alles vorbei sein soll.“ Er habe einfach schnell handeln wollen – und während der Reanimation einfach nach dem Motto „pumpen, pumpen, pumpen, lauschen“ agiert. „Durch ihr beherztes, sofortiges Handeln haben Sie ein Menschenleben gerettet“, lobte Bürgermeister Somogyi die beiden Helden und stellte heraus, dass in solch einer Situation auch viel Mut und Überwindung notwendig seien. „Nicht jeder ist in solchen Momenten bereit, dem Mitmenschen zu helfen“, betonte er.

Eigentlich sollte das aber normal sein, entgegneten die beiden Lebensretter – wohlwissend, dass aber nicht alle Menschen reagieren und helfen. „Es gibt auch Leute, denen ist es egal und sie würden weitergehen – weil ja bestimmt jemand anderes sich kümmert oder sie Angst haben, etwas falsch zu machen. Das finde ich traurig“, sagt Vogel und antwortet, ob er wieder so handeln würde, mit nur einem Wort: „Selbstverständlich.“

Von Florian Lerchbacher