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Ostkreis Das Gift schlummert unter dem Keller
Landkreis Ostkreis Das Gift schlummert unter dem Keller
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07:00 01.12.2020
Dieses Haus in der Elbestraße wird gerade abgerissen, um an den Keller heranzukommen.
Dieses Haus in der Elbestraße wird gerade abgerissen, um an den Keller heranzukommen. Quelle: Rinde
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Stadtallendorf

Es begann vor mehr als vier Jahren. Seinerzeit ergaben Raumluftmessungen in einem Wohnhaus im DAG-Gebiet erhöhte Schadstoffbelastungen, verursacht von unter dem Gebäude liegenden Rüstungsaltlasten aus Zeiten der Sprengstoffproduktion. Am Ende kaufte das Land dieses Haus, um es zu einem späteren Zeitpunkt abzureißen und den Boden zu sanieren. Bei einem anderen Gebäude in der Straße Am Plausdorfer Tor ist das im Jahr 2018 schon geschehen. Dort hatte es sich gezeigt, dass eine Altlast unter der Bodenplatte im Keller nicht wirtschaftlich zu sanieren gewesen wäre – außer durch einen Abriss des Hauses.

Noch in diesem Jahr will die HIM als vom Land beauftragter Sanierungsträger ein Gewerbegebäude in der Elbestraße abreißen, um den darunter liegenden Keller im nächsten Jahr aufwendig zu sanieren. Das berichtet Projektleiter Zrinko Rezic von der HIM. Wieder geht es um ein Gebäude, in dem zu Zeiten des Sprengstoffwerkes der DAG sogenannte Toluole gelagert waren. Toluole sind chemische Vorprodukte des Sprengstoffes TNT. Wieder scheint es, als wurde mit den chemischen Stoffen seinerzeit alles andere als vorsichtig umgegangen. „Die Schadstoffkonzentration unter dem Gebäude ist sehr hoch“, erklärt Projektleiter Rezic aufgrund der Messergebnisse und vor allem der gezogenen Bodenproben. Und im Gebäude fanden sich auch entsprechende Schadstoffe in der Raumluft. Genau genommen geht es sogar um zwei historische Gebäude, das erwähnte Toluol-Zwischenlager und ein Gebäude, in dem Abgase aus einer TNT-Herstellung behandelt wurden. Beide Häuser wurden nach Kriegsende einige Male umgebaut und zu verschiedenen Zwecken genutzt.

Dichtes Zelt über der Baustelle

In diesem Sanierungsfall hat das Land Hessen den Inhaber für das Gebäude entschädigt. Er behält allerdings das Grundstück. Die reinen Sanierungskosten übernimmt das Land. Im ersten Schritt erfolgt jetzt der Abriss des Gebäudes bis auf die Höhe des Gebäudekellers. All das ist noch völlig ungefährlich im Hinblick auf Altlasten und Schadstoffe. Denn die befinden sich im Erdreich unterhalb des Kellerbodens. Wenn es im nächsten Jahr zur eigentlichen Sanierung kommt, dann wird über diesen Keller ein Zelt gesetzt. In dem wird, wie bei derartigen Altlastensanierungen üblich, dann mit Unterdruck und entsprechender Abluft gearbeitet. Alle Abluft fließt durch einen Aktivkohlefilter. Das Zelt hat entsprechende Ausmaße. Es ist 55 Meter lang und 25 Meter breit.

Aller Voraussicht nach geht es etwa sechs Meter tief in die Erde. Der Boden wird während der Arbeiten wieder ständig beprobt, um sicherzustellen, dass wirklich alle Schadstoffe entfernt sind. Etwa 4530 Tonnen Boden und weitere 3 30 Tonnen Bauschutt werden abtransportiert werden. Belasteter Boden kommt in besondere, komplett verschlossene Container. Denn: Die Schadstoffe, um die es dort geht, sind in der Luft flüchtig, wie man aus zahlreichen Sanierungen in den vergangenen Jahrzehnten sehr wohl weiß.

Nach aktueller Kalkulation der HIM liegen die Sanierungskosten bei diesem Projekt zwischen 1,5 und 1,8 Millionen Euro. Der Aufwand ist beträchtlich. „Aber nur so ist eine nachhaltige Sanierung möglich“, macht Altlastenexperte Rezic deutlich. Klar ist schon jetzt, dass es weitere Gebäude im DAG-Gebiet geben wird, bei denen noch Sanierungen nötig sind, weil hohe Schadstoffkonzentrationen in der Raumluft gefunden wurden.

von Michael Rinde