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Ostkreis Spezialkräfte räumen Baumhäuser
Landkreis Ostkreis Spezialkräfte räumen Baumhäuser
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22:41 01.10.2020
Polizisten nehmen einen Aktivisten fest, der versucht hatte, die Rodung zu stören. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Stadtallendorf

Die Rodungsarbeiten für den Weiterbau der Autobahn 49 haben begonnen. Los ging es am Donnerstagmorgen unter massivem Polizeischutz im Herrenwald bei Stadtallendorf in unmittelbarer Nähe der dortigen Baumhäuser. Dafür wurde die Bundesstraße 454 zwischen Stadtallendorf und Neustadt gesperrt. Der ganze Verkehr musste sich durch Erksdorf und Speckswinkel schlängeln – sehr zur Empörung der dortigen Anwohner, die nicht mit der Flut an Fahrzeugen gerechnet hatten. Die OP informierte während des gesamten Tages auf ihrer Internetseite www.op-marburg.de über das aktuelle Geschehen. Auch heute wird es wieder einen Liveticker geben.

Ab etwa 8 Uhr umstellte die Polizei mit einem Großaufgebot das Waldbesetzer-Camp im Herrenwald. Der Tag im Wald begann mit einem Dialog, den die Polizei, nachdem sie die Baumhäuser umstellt hatte, mit den Besetzern führte. Sie bot den Besetzern an, ihr Camp friedlich zu verlassen. Auf einer Wiese warteten schon die Spezialkräfte der Polizei und bereiteten sich auf ihre Einsätze vor – in unmittelbarer Nähe von Carola Rackete, die ihre Bekanntheit nutzte, um im Gespräch mit zahlreichen Medien noch einmal zum Umdenken aufzurufen.

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Um kurz nach zehn Uhr gaben drei von etwa 40 Waldbesetzern auf, während andere versuchten, trotz der Absperrungen zu ihren Mitstreitern zu gelangen – größtenteils vergeblich. Gegen 9 Uhr fielen die ersten Bäume. Die Rodungsarbeiten liefen während des gesamten Tages gut abgeschirmt weiter. Nach Angaben der Firma Deges werden in diesem Teil des Waldes in den nächsten Tagen etwa 6 Hektar Bäume fallen.

Zahlreiche Beamte umstellten die eingerichtete, sogenannte „Gefahrenzone“ – und mussten sich jede Menge Kritik von Autobahngegnern anhören. „Ihr seid Mörder, ihr seid Zerstörer. Der Wald sorgt dafür, dass ihr etwas zu essen bekommt. Hört auf zu essen, hört auf zu trinken, hört auf zu atmen“, rief eine Frau. Der Ruf „Schämt euch“ hallte immer wieder durch den Herrenwald.

Rodungen werden am Freitag fortgesetzt

Um die Mittagszeit schickte die Polizei ein Räumfahrzeug und zwei Hebebühnen zu den insgesamt acht Baumhäusern. Rund 20 Protestierende versperrten den Fahrzeugen den Weg, wurden allerdings weggetragen. Die Stimmung spitzte sich zu, als die Beamten die rund 20 Menschen anschließend einkesselte und die Überprüfung der Personalien ankündigte – was sich allerdings hinzog. Und zwar so lange, bis das Räumfahrzeug an den Baumhäusern angelangt war. Die Polizei appellierte noch einmal an die Besetzer, die Baumhäuser zu verlassen, dann begann die Räumung. Erst schnitt sie einige Äste und Zweige weg, die die Arbeiten behinderten. Dann fällten Forstarbeiter unter Polizeischutz zwei Bäume, die einer Hebebühne im Weg waren und ohnehin für die Trasse hätten gefällt werden müssen. Anschließend machte sie sich ans Entfernen der Baumhäuser – weiterhin unter massiven Protesten. Gegen 18 Uhr hatten Spezialeinsatzkräfte mit Hilfe der Hebebühnen bis auf zwei Baumhäuser alle geräumt. Sie mussten sich den Weg zu den Baumbesetzern dabei Ast für Ast freischneiden.

Stand Donnerstagabend werden die Rodungen am Freitag unter Polizeischutz fortgesetzt. Autofahrer müssen sich in jedem Falle auf erneute Sperrungen einstellen.

Von Nadine Weigel, Michael Rinde und Florian Lerchbacher