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Ostkreis Spenden für Flüchtlinge in Not
Landkreis Ostkreis Spenden für Flüchtlinge in Not
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14:58 07.02.2021
Marvin und sein Vater Johannes Boucsein beladen einen Lkw mit Spenden.
Marvin und sein Vater Johannes Boucsein beladen einen Lkw mit Spenden. Quelle: Privatfoto
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Hertingshausen

„Ende Dezember habe ich in den Nachrichten von den verheerenden Zuständen in den Flüchtlingslagern von Bosnien gehört. Während wir uns hier in Deutschland über Maskenpflicht, Ausgangssperren und weitere pandemiebedingte Einschränkungen aufgeregt haben, ist in Lipa das Flüchtlingslager abgebrannt“, sagt Joachim Boucsein aus dem Hugenotten-Dörfchen Hertingshausen bei Wohra.

„Die Menschen, die schon nicht viel hatten, haben das Wenige, das sie noch hatten, verloren. Mir persönlich ging das sehr nahe und ich beschloss zu helfen.“ Nach wie vor sind nach Angaben der Vereinten Nationen mehrere Tausend Migranten in Bosnien weiter in einer desolaten Lage. Politische und bürokratische Prozesse verhindern eine humanitäre Lösung für die Menschen, die bei Nachttemperaturen unter null Grad teils im Freien oder in unzureichenden Camps ohne Wasser, Strom, Toiletten, Duschen und Heizung ausharren müssen.

Zwei Posts bei Facebook ergeben 1,3 Tonnen Spenden

Joachim Boucsein hat angesichts des Elends geholfen – nicht zum ersten Mal. Er hat Kontakte geknüpft, erfragt, wie er am besten helfen könnte. Sein erster Ansprechpartner war der Hamburger Hilfskonvoi, eine Hilfsorganisation, „mit der wir schon im letzten Jahr Spenden nach Lesbos geschickt haben“.

Er erfuhr, dass eine Aktion mit Hardcore help aus Lüdenscheid in Planung sei. Joachim Boucsein bekam eine Liste mit dringend benötigten Sachspenden, machte zwei Posts bei Facebook: bei „Hessen helfen!“ und bei „Verschenk’s Marburg“.

„Was dann passierte, übertraf alles bisher Dagewesene“, sagt Boucsein. Vom 30. Dezember bis 9. Januar seien Spenden aus ganz Hessen eingetroffen, sogar aus Maulbronn und Stuttgart. „Ich hatte meine Adresse veröffentlicht, sodass die Paketdienste alle Hände voll zu tun hatten. Insgesamt wurden 1,3 Tonnen Spenden zu mir gebracht.“

Herren-, Frauen- und Kinderkleidung für den Winter, Zelte, Schlafsäcke, warme Decken – fast „Alles in einem guten Zustand, gewaschen und gebügelt“, sagt Boucsein. Zudem kamen Geldspenden. Mit dem Geld kaufte er Hygieneartikel und Handschuhe.

125 Kartons mit Kleidung und Hygieneartikeln

Am 14. Januar brachte er 125 Kartons mit Kleidung und Hygieneartikeln sowie zahlreiche Säcke mit Isomatten, Schlafsäcken und Zelten nach Lüdenscheid zu Hardcore help. Seine Frau Tanja (46), seine Tochter Kia (17) und sein Sohn Marvin (16) halfen ihm, die Spenden in einen von seinem Arbeitgeber, dem Kreisverband Treffpunkte e.V. in Frankenberg, zur Verfügung gestellten 3,5-Tonner zu laden.

Die Spenden wurden dann von Hardcore help auf einen 40-Tonner verladen und nach Bosnien geschickt. Die Transportkosten trägt der Hamburger Hilfskonvoi. Die Verteilung vor Ort in Bosnien übernahmen die Organisationen „SOS Bihac“, „SOS Balkanroute“ und das „Aachener Netzwerk“. „Da es nicht nur den Flüchtlingen in Bosnien schlecht geht, sondern auch der Bevölkerung in den umliegenden Dörfern, werden selbstverständlich auch diese Menschen mit warmer Kleidung, Decken und anderen Dingen versorgt.“

Zurück blieben 25 Säcke mit Kinder- und Damenkleidung. Doch auch dafür fand Joachim Boucsein eine Lösung. „Ich verfolge schon seit einiger Zeit die Hilfsaktionen der ,Kinderhilfe Siebenbürgen’ bei Facebook. Der Verein kümmert sich vornehmlich um Sinti und Roma in Rumänien“, sagte er der OP.

150 Euro und Sachspenden von einer Kirchhainerin

Er nahm Kontakt zu Jenny Rasche vom Vorstand der Kinderhilfe Siebenbürgen auf und fragte, ob die Kleidung benötigt werde. Ja, das Spendenlager des Vereins in Deutschland sei gerade leer. Also schicke er am Montag 28 Kartons mit Kinder- und Frauenkleidung dorthin. „Ich bin überwältigt von der Spendenbereitschaft der Menschen. Eine Dame aus Kirchhain drückte mir beispielsweise bei der Übergabe der Sachspenden noch 150 Euro in die Hand, um Hygieneartikel zu kaufen“, sagt Joachim Boucsein.

Es ist nicht die erste Hilfsaktion von Joachim Boucsein. Er ist Teil von „Hessen helfen“, einer Facebook-Gruppe mit rund 500 Mitgliedern, die eng mit der Gruppe „Maulbronn hilft“ zusammenarbeitet. Schon im Dezember 2016 unterstützten sie ein Flüchtlingslager im griechischen Idomeni, das er zweimal besucht hat. Andere Spendenaktionen gingen etwa nach Rumänien in ein Dorf, in dem überwiegend Sinti und Roma „ohne Strom, ohne Wasser, ohne Heizung leben, und das mitten in Europa in der EU“, so Boucsein.

Warum hilft er anderen? Boucsein, der lange als Krankenpfleger in der forensischen Klinik in Haina gearbeitet hat und jetzt als als pädagogischer Mitarbeiter des Vereins Treffpunkte in Frankenberg tätig ist, zitiert Voltaire: „Human ist der Mensch, für den der Anblick fremden Unglücks unerträglich ist und der sich sozusagen gezwungen sieht, dem Unglücklichen zu helfen.“ Er will sein „Bestes tun“, um anderen zu helfen.

Von Uwe Badouin