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Ostkreis Eine Branche kämpft um Fachkräfte
Landkreis Ostkreis Eine Branche kämpft um Fachkräfte
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00:17 12.06.2019
Die Fahrerbranche sucht Nachwuchs und greift immer mehr auf internationale Fachkräfte zurück. Allein die Sprachbarrieren sind oft nicht zu überwinden. Quelle: Uwe Anspach
Stadtallendorf

Vor 20 Jahren noch unvorstellbar, gehören internationale Kraftfahrer heute zur Normalität in deutschen Speditionen. Auch bei Gert Kautetzky, Geschäftsführer­ der gleichnamigen Spedition in Stadtallendorf. Denn es gibt kaum noch Berufskraftfahrer auf dem deutschen Markt.

Die viel beschriebenen schlechten Arbeitsbedingungen und Niedriglöhne entsprechen bei deutschen Arbeitgebern zwar heute nicht mehr der Wahrheit, trotzdem ist es nach wie vor schwer, Nachwuchs zu finden. Und wenn er gefunden wurde, dann wandert er oft nach der Ausbildung ab. Auch diese­ Erfahrungen musste die Spedition Kautetzky machen, bildet aber nach einer mehrjährigen Pause jetzt wieder aus, „in der Hoffnung, dass sie nach Abschluss der Ausbildung bei uns bleiben“.

Jährlich 60.000 Fahrer, die aufhören

Dafür investieren die Unternehmer-Brüder viel. Sowohl in die Flotte als auch in die Mitarbeiter. Regelmäßige Schulungen, freie Wochenenden, gute Bezahlung, Zuschläge, Sonderleistungen. Und trotzdem werden Fahrer abgeworben. Die jetzt aufgekommene Diskussion über die Kopfprämie ist nicht neu: „Das ist schon über Jahre gang und gäbe, auch in der Industrie“, weiß der Geschäftsführer. Eine Lösung des Problems ist es aber nicht.

Das sieht auch Klaus Poppe vom Fachverband Güterkraftverkehr und Logistik Hessen so. „Prämienzahlungen zur Mitarbeitergewinnung lösen das grundsätzliche Problem des Fahrpersonalmangels nicht. Die Ausbildung von jungen Menschen als Kraftfahrer in einer dreijährigen dualen Ausbildung sowie die Ausbildung von Quereinsteigern aus dem In- und Ausland sind geeigneter, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken“, ist er sich sicher.

Allerdings „hält das Fachkräfte­angebot nicht mit dem aktuellen Branchenwachstum mit“, so der Geschäftsführer im OP-Gespräch. Und das, obwohl 2018 3.689 junge Menschen sich für eine Ausbildung entschieden haben. „So viele neue Ausbildungsverträge gab es noch nie“, freut sich Klaus Poppe. 99 davon wurden im Gebiet der Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg (IHK) unterschrieben, 13 im Altkreis Marburg.
Als Quereinsteiger gab es im gleichen Jahr rund 16 000 Neuzugänge im Land.

Demgegenüber stehen jährlich mindestens 60.000 Berufskraftfahrer, die ausscheiden. Klaus Poppe: „Damit fehlen jährlich etwa 40 000 Fahrer, was inzwischen zu akuten Engpässen in der gesamten Logistikbranche führt. Dies hat gravierende Folgen für die gesamte deutsche Wirtschaft und die Gesellschaft.“

5-Punkte-Plan gegen Fahrermangel

  • Attraktivität des Fahrerberufs erhöhen: angemessene Wertschätzung, fairer Umgang, auskömmliche Entlohnung, sicherer, moderner Arbeitsplatz, Work-Life-Balance, innovative­ Arbeitszeitmodelle, Frauenquote erhöhen.

  • Ausbildung und Qualifizierung verbessern und stärken: „beschleunigte Grundqualifikation“, attraktive Berufsausbildung, einfachere Anerkennung von ausländischen Berufsqualifikationen und Nicht-EU-Fahrerlaubnissen, Führerschein-Förderung für Quereinsteiger.

  • Fahrergewinnung unterstützen: Imagekampagne mit Bund-Hilfe, Aufnahme in die bundesweite Fachkräfteengpassanalyse sowie in die „Positivliste Zuwanderung in Ausbildungsberufe“ der Arbeitsagentur, Integrationsprogramme, Vereinfachung der Anerkennung von Fahrern aus Drittstaaten.

  • Infrastruktur verbessern und Planung beschleunigen: Straßen, Parkplätze und digi­tale Infrastruktur dringend ­optimieren, Straßen-, Verkehrs- und Baustellenmanagement verbessern.

  • Umfassend digitalisieren: Prozesse vernetzen und effizienter gestalten, Zusammenspiel von industriellem Know-how und professioneller Logistik verbessern, Abbau von Bürokratie, europaweite Einführung des intelligenten Fahrtenschreibers sowie elektronischen Frachtbriefs.

Ein weiteres großes Problem ist der Investitionsstau in der Straßeninfrastruktur. Viele Brücken sind für den zunehmenden Lkw-Verkehr gar nicht ausgelegt, die Parkplatzsituation auf den Rastplätzen dramatisch. Schon jetzt fehlen bundesweit 30 000 Parkplätze, allein in Hessen 2 500. „Lkw werden dann in den Ein- und Ausfahrten von Rastplätzen oder einfach auf dem Seitenstreifen einer Autobahn abgestellt. Der Mangel wird zunehmend zum Sicherheitsrisiko“, erklärt Klaus Poppe. Kurios: Lkw-Parkplätze werden auch heute noch so gebaut, dass das Fahrerhaus zur Fahrbahn hinzeigt, was die eigentlich nötige Erholung der Fahrer erschwert. Lärmschutzwände und Parkmöglichkeiten abseits der Fahrbahn gerichtet, wären eine Verbesserung der Lebenssituation von Lkw-Fahrern und der Verkehrssicherheit, die für alle Verkehrsteilnehmer zuträglicher ist.

Auch der IHK ist das Problem bekannt. Sie  unterstützt laut eigener Aussage die Speditionen sowie die Verkehrs- und Transportwirtschaft „wo wir nur können. Seit 2016 existiert ein ‚Team Fachkräfte‘, das sich speziell um die Gewinnung und Sicherung von Fachkräften in allen Branchen sowie um die Beratung darüber kümmert“, sagt Dr. Thomas Fölsch, Bereichsleiter Aus- und Weiterbildung.
Für ihn sind ausländische Fachkräfte zumindest „von Fall zu Fall“ eine Lösung des Problems. Allerdings zeigte eine entsprechende Initiative in Kassel, dass die Sprachbarrieren einfach zu groß sind. Das bestätigt auch Gert Kautetzky bei seinen internationalen Mitarbeitern: „Manchmal wird mit Hand und Fuß kommuniziert.“

Thomas Fölsch spricht auch noch andere Faktoren für den Mangel an: demographischen Wandel und damit verbunden die schwindende Schulabgängerzahlen; verändertes Berufsorientierungsverhalten, verbunden mit der wachsenden Studienorientierung sowie die veränderte Wertehaltungen der Bewerbergeneration seien bisher zu stark gewesen, als dass die bisherigen Initiativen Früchte tragen.
Ob ihm die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt Sorge bereitet? „Ja!“, sagt Gert Kautetzky.

Auch die Agentur für Arbeit will dem Fahrerkräftemangel entgegenwirken. „Wir setzen vor allem auf Qualifikation gegen die Arbeitslosigkeit“, sagt Volker Breustedt, Leiter der Agentur für Arbeit Marburg. Vor diesem Hintergrund könne die Arbeitsagentur die Ausbildung von Berufskraftfahrern bei persönlicher Eignung fördern – die Nachfrage sei aber nicht so hoch. „Wer immer als Berufskraftfahrer arbeiten möchte, kann sich gerne bei uns melden“, sagt Breustedt – man schaue dann immer ganz individuell, ob eine Qualifizierung möglich sei.

von Katja Peters
und Andreas Schmidt