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Ostkreis Ortsbeirat sorgt sich um Lebensqualität
Landkreis Ostkreis Ortsbeirat sorgt sich um Lebensqualität
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18:00 05.11.2021
Ein Windrad soll drei ersetzen – die Anlage bei Speckswinkel hat aber eine vorgesehene Höhe von 250 Metern.
Ein Windrad soll drei ersetzen – die Anlage bei Speckswinkel hat aber eine vorgesehene Höhe von 250 Metern. Quelle: Archivfoto: Thorsten Richter
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Neustadt

Die Stadtverordnetenversammlung hat zwar die entsprechenden Verträge rund um das Projekt „Repowering Speckswinkel“ einstimmig abgesegnet, aber erst, nachdem die HessenEnergie einige von Magistrat und Ortsbeirat des Stadtteils angeregten Veränderungen im städtebaulichen Vertrag aufgenommen hatte. Das Unternehmen plant, in den Jahren 2024 oder 2025 drei Windkraftanlagen bei Speckswinkel abzubauen und dafür ein neues, größeres Windrad zu errichten.

Ortsvorsteher Martin Naumann hatte von Stadtverordnetenvorsteher Franz-W. Michels Rederecht für die Sitzung der Stadtverordneten eingeräumt bekommen. Er betonte, dass angesichts der Klimakrise ein Umdenken stattfinden müsse und es wichtig sei, dem Klimawandel entgegenzuwirken. Erneuerbare Energien deckten 45 Prozent des Stromverbrauchs ab – und dabei komme mehr als die Hälfte des Ökostroms von Windrädern. Der Ortsbeirat befürworte den Strategiewechsel in Sachen Energiepolitik, lehne das geplante Repowering aber ab: Das Gremium befürchtet, dass die Lebensqualität im Dorf negativ beeinflusst werde.

„Der Drang nach der bestmöglichen Rendite und die technische Weiterentwicklung lassen die Windkraftanlagen bis in den Himmel wachsen“, sagte Naumann und verwies darauf, dass das neue Windrad (derzeit stehen 19 Anlagen im Windpark Erksdorf/Speckswinkel) 250 Meter hoch werden solle. In Bayern gelte zum Schutz der Anwohner die sogenannte 10-H-Regel. Das heißt, der Abstand zu Wohngebieten müsse das Zehnfache der Höhe der Windkraftanlagen betragen: „In unserem Fall wären das 2,5 Kilometer – im Vergleich dazu ist in Hessen ein Kilometer Entfernung ausreichend.“

Der Betreiber erfülle zwar alle gesetzlichen Anforderungen, dennoch seien die „Einschnitte für den Ort nicht schönzureden“, monierte Naumann. Die neue Anlage werde 100 Meter höher sein als alle bisherigen Windräder. Bisher seien diese nicht sichtbar, das neue werde es aber sein. Hinzu komme, dass auf den Feldern oberhalb des Ortsrandes auch Schattenwurf erwartet werde. Vom Lärm ganz zu schweigen: Er sei jüngst einmal mehr schockiert gewesen, „wie stark das Rauschen überall im Ort zu hören ist“.

Gleichzeitig sei dem Ortsbeirat aber auch bewusst, dass sich die Anlagen in einem Windvorranggebiet befinden und es keine planungsrechtlichen Möglichkeiten gibt, das Repowering zu verhindern. Aber immerhin seien in Zusammenarbeit mit dem Magistrat Änderungen im städtebaulichen Vertrag erwirkt worden. Demnach verpflichte sich die HessenEnergie, das Genehmigungsverfahren mit Öffentlichkeitsbeteiligung sowie eine Umweltverträglichkeitsprüfung auf den Weg zu bringen, die gesetzlich nicht zwingend vorgeschrieben wären. Zudem werde das Unternehmen sicherstellen, dass das Planvorhaben für die relevanten Immissionspunkte zu keiner Verschlechterung auf die heute schon bestehenden Vorbelastungen durch die Bestandsanlagen in Sachen Schall und Schatten führen wird. Des Weiteren solle ein Fachbüro im Zuge des Genehmigungsverfahrens Gutachten erstellen. Und es stehe zur Diskussion, dass die HessenEnergie eine Bürgerbeteiligung in Form von festverzinslichen Nachrangdarlehen über eine Genossenschaft anbietet. „Am Ende bleibt zu hoffen, dass die Erlösbeteiligung der Kommune nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz dort bleibt, wo die meisten Einschränkungen spürbar sind: in Speckswinkel.“

Bürgermeister Thomas Groll sagte zu, dass die „Akzeptanzabgabe“ in Höhe von 20 000 Euro sowie die Pacht „im Ort“ eingesetzt werden. Gleichzeitig appellierte er in Richtung Land und Bund, dass die Kommunen beziehungsweise der ländliche Raum, wo die Energiewende auch tatsächlich umgesetzt werde, mehr finanzielle Unterstützung dafür bekommen müssten.

Hans-Gerhard Gatzweiler kritisierte indes Naumanns Forderung nach der 10-H-Regelung. Auch er werde, wenn am Dreiherrenstein die geplanten Anlagen errichtet werden, so wie die Speckswinkler in der Nähe von Windrädern leben. Nicht die Hessen sollten die Abstandsregelungen überdenken, sondern eher die Bayern. Es gelte, die Energiewende weiterhin voranzutreiben – auch wenn das Nachteile für Anwohner mit sich bringe. Zudem sagte der SPD-Fraktionsvorsitzende, dass der Wald rund um Neustadt erheblich gelitten habe und es statt alter Bäume nur noch „Kleinwuchs und Durcheinander“ gebe: „Das Klima wird die Landschaft stärker verändern als der Bau von Windrädern.“ Die Menschen müssten darauf achten, dass sie sich beim Bau von Windkraftanlagen nicht auf die Nachteile konzentrierten und sollten die entsprechenden Veränderungen in Kauf nehmen.

Von Florian Lerchbacher