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Ostkreis Mit 61 Genossen geht’s los
Landkreis Ostkreis Mit 61 Genossen geht’s los
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14:00 17.07.2021
Doris und Hermann Hammer leisten im Beisein von Karin Lippert die Unterschrift, mit der sie der Genossenschaft Solarwärme Bracht beitreten. 
Doris und Hermann Hammer leisten im Beisein von Karin Lippert die Unterschrift, mit der sie der Genossenschaft Solarwärme Bracht beitreten.  Quelle: Florian Lerchbacher
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Bracht

„Das ist einfach eine saubere Sache“, sagten Doris und Hermann Hammer, die zu den ersten Mitgliedern der Genossenschaft „Solardorf Bracht“ (die sich, genau genommen, noch „in Gründung“ befindet) gehören. Für die Eheleute aus Bracht-Siedlung bedeutet das Mitmachen an dem Millionenprojekt eine Win-win-Situation: Zum einen möchten sie etwas für den Umweltschutz tun, zum anderen steht ohnehin eine Erneuerung der Heizungsanlage in ihrem Haus an. „Und dann haben wir das Projekt auch noch sehr gut erklärt bekommen. Da war uns von Anfang an klar, dass wir dabei sind“, betonten die Hammers während der Gründungsversammlung in der Mehrzweckhalle, an der rund 100 Menschen teilnahmen – 61 von ihnen unterzeichneten die Beitrittserklärung. „Ein guter Anfang“, befand Klaus Pfalz, der im Verlauf der Veranstaltung auch noch zu einem von zwei Beiräten ernannt wurde. Rund 160 Haushalte müssten sich an das Nahwärmenetz anschließen lassen, ergänzte Ralph Vogt, der zum Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt wurde, dann lasse sich das Projekt umsetzen.

Kurz gesagt: Die Brachter wollen auf rund 9 300 Quadratmetern Solarkollektoren aufstellen und mit einem Gruben- beziehungsweise Saisonalspeicher mit einer Größe von 16 600 Kubikmetern arbeiten – und so die CO2-Emissionen bei der Wärmeversorgung in Bracht und der Siedlung um 80 Prozent reduzieren (die OP berichtete ausführlich). 8,5 Millionen Euro soll das deutschlandweit einmalige Projekt kosten – wobei es etwa 5,5 Millionen Euro an Fördermitteln von Bund und Land gibt. „Die Chance, diese Gelder nach Bracht zu holen, gibt es nur einmal“ betonte Pfalz und animiert seine Mitbürger dazu, mitzumachen. „Überzeugt Eure Nachbarn“, sagte auch Walter Fürstenberg, der im Vorstand der Bioenergiegenossenschaft Schönstadt sitzt und auf jahrelange Erfahrung verweisen kann: „Je dichter das Netz ist, umso besser ist das.“ Es sei sinnvoll, den Zug erst vollzumachen und dann loszufahren, erklärte er. Sprich: Bürger sollten sich gleich zur Teilnahme entscheiden, damit sie direkt einen Anschluss an das Nahwärmenetz bekommen, wenn die Straßen einmal geöffnet sind: „Später kostet es auch mehr.“

Internet über Glasfaserkabel gibt es dazu

Kleines Schmankerl am Rande: Wer einen Hausanschluss bekommt, der erhält auch gleich noch einen Internetanschluss über Glasfaser dazu. Diese gute Nachricht überbrachte Rauschenbergs Bürgermeister Michael Emmerich, der auch gleich noch Neil Armstrong, den ersten Menschen auf dem Mond, zitierte – wenn auch in leicht abgewandelter Form: „Das ist ein kleiner Schritt für den Einzelnen, aber ein riesen Schritt für Bracht und Siedlung.“ Oder, wie es Prof. Dr. Klaus Vajen von der Uni Kassel, die das Projekt begleitet, formulierte: Das Millionenprojekt soll die beiden Dörfer ins Jahr 2050 katapultieren.

600 Euro kostet jeder Anteil an der Brachter Genossenschaft – den auch sogenannte „investierende Mitglieder“ erwerben können. „Fördernde Mitglieder“, also jene, die sich ans Netz anschließen lassen, müssen zehn Anteile zeichnen. In diesem Zusammenhang stellte Emmerich – eins von 40 Mitgliedern der Bioenergiegenossenschaft Josbach – heraus, dass in seinem Heimatort jedes Mitglied 2 500 Euro habe zahlen müssen. Die jüngste Bilanz habe gezeigt, dass sich der Wert jedes Anteils inzwischen versechsfacht habe.

Wahlen

Aufsichtsrat

Vorsitzender: Ralph Vogt.

Stellvertreter: Matthias Schütz.

Weitere Mitglieder: Regina Kranz, Karin Lippert, Peter Rambow, Martin Schneider.

Vorstand

Werner Mettke, Hermann Koch, Helgo Schütz.

Beiräte

Klaus Pfalz, Werner Schilhabl.

Daniela Watzke vom Genossenschaftsverband „Verband der Regionen“ steht den Brachtern derzeit beratend zur Seite. Sie erläuterte während der Versammlung unter anderem die 50 Punkte umfassende Satzung, die nur in Teilen individuell für Bracht entwickelt wurde: „Etwa 90 Prozent ergeben sich aus Mustersatzungen.“ Sie erklärte auch die Aufgaben von Aufsichtsrat und Vorstand, die später (für jeweils drei Jahre) gewählt wurden. Der Aufsichtsratsvorsitzende habe keinesfalls mehr Rechte, wohl aber mehr Pflichten als die anderen Mitglieder des Gremiums. Ein weiterer Punkt, der ihr am Herzen lag: Investierende Mitglieder dürfen fördernde Mitglieder nicht überstimmen.

„Solardorf Bracht“ gehört gemäß Satzung nun auch dem Genossenschaftsverband an. Wer derweil noch Mitglied von „Solardorf Bracht“ werden und sein Haus an das Nahwärmenetz anschließen will, findet die entsprechenden Unterlagen auf der Homepage der Initiative (www.nahwaerme-bracht.de). Die Beitrittserklärungen können bei den Aufsichtsrats- oder den Vorstandsmitgliedern abgegeben werden. Der Wunsch nach einem Nahwärmenetz für Bracht war 2013 erstmals aufgekommen. Der erste Spatenstich soll im Herbst 2022 erfolgen – so sich denn genügend Interessenten finden.

Von Florian Lerchbacher