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Ostkreis So viele Baumbesetzer wie noch nie
Landkreis Ostkreis So viele Baumbesetzer wie noch nie
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20:24 13.11.2020
Rund 120 Menschen demonstrierten im Dannenröder Forst gegen die A 49 und für eine Verkehrswende. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Dannenrod

Im Baumhausdorf „Drüben“ am nördlichen Rande des Dannenröder Waldes waren am Freitagmorgen bei Ankunft der Polizei so viele Bäume besetzt wie noch nie. Etwa 50 Aktivisten hielten sich auf kleinen Plattformen oder mit Tragegurten in den Bäumen. Hinzu kamen Waldbesetzer in Baumhäusern. Ein langer Einsatz für die Höhenretter aus Spezialeinsatzkommandos begann. Im Vergleich zum Vortag blieb es aus der Sicht der Polizei aber während des Tages friedlich. Lediglich die Brücke über die Bach „Klein“ war beschädigt worden. Im Wald fanden Polizisten auf dem Boden liegende und mit Laub bedeckte Bretter mit Nägeln.

Kurz nach 12 Uhr setzte sich dann der Demonstrationszug von „Fridays for Future“ in Bewegung. Anwohner der Lehrbacher Straße beobachteten kopfschüttelnd das bunte Spektakel, das mit Wald-statt-Asphalt-Fahnen und lautstarker systemkritischer Musik Richtung Dannenröder Forst zog.

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Anwohner wollen ihre Ruhe

„Irgendwann schickt’s auch mal, wir wollen jetzt endlich unsere Ruhe“, sagte eine Niederkleinerin resigniert. Ein anderer Anwohner unterstrich noch einmal seine Sehnsucht nach einer Autobahn: „Dutzende Lkws donnern hier lang, wir brauchen den Lückenschluss“, betonte er.

Ganz anders sah das Reinhard Forst von der Aktionsgemeinschaft Schutz des Ohmtals, der bei der Abschlusskundgebung der Demo, die direkt vor dem besetzten Waldstück nahe der B 62 abgehalten wurde, auf die Sorgen der Anwohner einging. Er wisse, dass diese Menschen unter dem Verkehr leiden. Aber es sei ein Trugschluss, zu glauben, dass der Verkehr mit einer Autobahn weniger werde. „Viele verstehen nicht, dass das, was wir wollen, genau ihnen dient“, so Forst.

Ein junger Aktivist, der am Vortag mit der prominenten Naturschutzökologin Carola Rackete friedlich vom Baumhaus geräumt worden war, rief dazu auf, es ihm gleich zu tun und „zivilen Ungehorsam“ zu leisten, um zu verhindern, dass „dieses aberwitzige Projekt durchgezogen wird“.

Barbara Schlemmer, Sprecherin des Bündnisses „Keine A 49“, kritisierte den Beginn der Fällarbeiten im Dannenröder Wald scharf. Schlemmer wandte sich dabei auch an die Polizei, die sie aufforderte, zwischen friedlichen Bürgern und „unfriedlichen Demonstranten“ zu unterscheiden. Sie berichtete von einem Vorfall, der sich am Donnerstag zugetragen haben soll: Eine Landwirtin sei von Polizeibeamten auf ihrem Feld bei Dannenrod „festgenommen“ worden. „Auf offener Fläche musste sie sich vor versammelter Mannschaft ausziehen. Das widerspricht dem Artikel 1 unseres Grundgesetzes, dass die Würde des Menschen unantastbar ist“, rief Schlemmer wütend in die Menge und erntete zustimmende Buhrufe. Auch in den sozialen Medien wird dieser Vorfall heiß diskutiert. Auf Twitter heißt es sogar, dass sie sich bei der Kälte habe „nackt“ ausziehen müssen.

Auf Nachfrage der OP gibt es ein klares Statement der Polizei. „Das entbehrt jeglicher Grundlage“, erklärte ein Polizeisprecher. Einen solchen Vorfall habe es nicht gegeben. Sollte es zu solch einer Art der Leibesvisitation kommen, so geschehe das in einer Gewahrsamszelle und nie auf offenem Feld, so der Sprecher. Dann gehe es darum, zu prüfen, ob der Betreffende etwa versteckte Waffen am Körper trüge.

Weitere Baumfällarbeiten gab es auch. Bis Ende Februar müssen im Dannenröder Forst etwa 27 Hektar Wald gefällt werden. Die Projektgesellschaft Deges geht weiter davon aus, dass dieses Datum gehalten wird. Gestern habe es allerdings nur Arbeiten in einem sehr geringen Umfang gegeben, so Deges-Sprecher Michael Zarth auf OP-Anfrage.

Gestern Abend verkündete das Verwaltungsgericht Gießen noch ein Urteil in einem Eilverfahren.

Geklagt hatte offenbar ein Waldbesetzer. Der wollte die Polizei durch das Gericht dazu verpflichten lassen, dass sie Forstunternehmen davon abhält, in einem Umfeld von 90 Metern von ihm Bäume zu fällen. Er beklagte, dass dies zuletzt im Herrenwald in der Nähe von Baumhäusern geschehen sei. Das Gericht wies die Klage ab. Es gebe keine Rechtsgrundlage. Die Gefahr verursache der Antragssteller selbst, indem er sich in den Gefahrenbereich von Baumfällungen begebe.

Von Nadine Weigelund Michael Rinde

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