Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Skulptur soll Leben zurückgeben
Landkreis Ostkreis Skulptur soll Leben zurückgeben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:58 01.01.2021
Ein Mitarbeiter der Firma Bauscher baute das Denkmal auf dem Rathausplatz auf. Quelle: Foto: Florian Lerchbacher
Anzeige
Neustadt

„Wir möchten den Menschen das Leben zurückgeben und sie wieder in der Stadtgesellschaft aufnehmen“, sagt Bürgermeister Thomas Groll über die Idee der Neustädter, ein Kunstwerk vor dem Rathaus aufzustellen, das an die durch die Nationalsozialisten vertriebenen und/oder ermordeten jüdischen Mitbürger erinnert. Die Idee, Stolpersteine zu verlegen, verwarfen die Neustädter ebenso wie den Ansatz, eine Tafel aufzustellen – insbesondere der zweite Ansatz sei nicht geeignet, die Idee der Stadt umzusetzen, erklärt der Rathauschef.

Und so fiel die Wahl auf ein Kunstwerk, zu dem der Anzefahrer Künstler Hans Schohl nach Gesprächen mit Kommunalpolitikern und Monika Bunk von der Jüdischen Gemeinde Marburg die ursprüngliche Idee hatte. Bauarbeiter stellten die Skulptur nun vor dem Rathaus aus: Sie besteht aus einer Bank und einem Pult, auf dem ein Buch ausliegt – und das die fiktive Lebensgeschichte des Neustädters Hans Lilienthal beinhaltet. Dieses Detail war eine Gemeinschaftsidee, die während eines Gruppentreffens (als dies noch möglich war) entstanden war.

Anzeige

Hans Lilienthal war im Jahr 1930 in Neustadt geboren worden – und wurde 1944 im Konzentrationslager Auschwitz von den Nazis ermordet. Ehrenstadtrat Ludwig Dippel könne sich noch erinnern, berichtet Groll: „Er erzählte mir, dass er in seiner Schulklasse war. Sie spielten manchmal miteinander – doch eines Tages sei der Junge weg gewesen und es war alles anders.“

Hans Schohl hat sich nun überlegt, wie Hans Lilienthals Leben hätte aussehen können. „Es gäbe zahllose und unendliche viele Möglichkeiten, wie dieser Lebensweg von Hans Lilienthal hätte weiter verlaufen können; auf schmalen Pfaden oder auf breiten Alleen, kurz oder lang, glücklich, chaotisch, traurig oder normal – was immer das auch bedeuten mag.“

In seiner Version lebt der junge Neustädter später in einem Dorf bei Kaiserslautern, arbeitet in einem Büro, kocht gerne und ist leidenschaftlicher Radfahrer – und kehrt eines Tages nach dem Tod seiner Frau Charlotte im Jahr 200 nach Neustadt zurück. Schohl hat zahlreiche Details hinzugefügt: So gibt es beispielsweise ein Foto Lilienthals mit dem Lauterer Boxer Karl Miltenberger, der Muhammad Ali am Rande des Knockouts hatt – aufgenommen am Werbestand der Bayerischen Brauerei Kaiserslautern. Außerdem ist er Fan des FCK, sein Lieblingssong ist „When I’m Sixty Four“ und sein erstes Auto ist ein grauer VW Käfer.

„Diese Erzählung gibt jedem dieser Menschen eine persönliche Geschichte und damit ein Gesicht. Der Mensch hinter der Zahl wird durch die Fiktion lebendig. Der Leser wiederum liest diese Geschichte auf dem Hintergrund seines eigenen Lebens, seiner ganz persönlichen Erfahrungen und seines Wissens.

Beide, Verfasser und Leser, werden so zu aktiven Mitgestaltern des Erinnerns. Bank und Tisch sind lediglich der Ort; die Erinnerung und Mahnung entsteht durch die Erzählung, im Autor und im Leser“, erklärt Schohl seinen Ansatz des Gedenkens .

Die Skulptur sei zwar oberflächlich gesehen ein Tisch mit Bank, auf dem ein Buch liege. Es sei aber viel eher ein Erinnerungsort für ermordete Menschen, die einem grausamen und mörderischen nationalsozialistischen Regime voller Niedertracht zum Opfer gefallen seien. „Bank und Tisch werden zu einer Skulptur, der bewussten künstlerische Gestaltung einer Form. Diese Form enthält und erzählt eine Geschichte - sie hat ein Narrativ“, so der Anzefahrer.

Es gehe um die Verbindung des Betrachters/Lesers auf der Bank mit dem „Lebensbuch“ auf dem Pult: „Das Metallband verbindet für die kurze Zeit des Lesens zwei Leben, das des Lesenden mit dem des Ermordeten, das Heute mit dem Damals.“ Auch das Material habe er bewusst gewählt: „20 Millimeter wetterfester Stahl verbildlicht das Beständige, die Ernsthaftigkeit, die Dauer. All diese gerät durch das Material in den Blick und wird unmittelbar erfahrbar.“

„Das Erinnern und die Empathie mit jedem Einzelnen der ermordeten Menschen trägt dazu bei, dass in Deutschland vergleichbare Taten nie wieder möglich werden“, betont Schohl, während Groll sagt: „Wir können Vergangenes nicht rückgängig machen, aber an das Geschehene erinnern – und Position beziehen.“ Vorgesehen sei, noch eine Tafel an dem Denkmal anzubringen mit Worten Immanuel Kants: „Der Mensch hat keinen Preis. Der Mensch hat Würde.“

Von Florian Lerchbacher