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Ostkreis Seniorin kennt alle Höhen und Tiefen
Landkreis Ostkreis Seniorin kennt alle Höhen und Tiefen
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09:58 19.01.2021
Ruth Rockmann schreibt gerne Briefe – nach ihrem 100. Geburtstag wartet einiges an Arbeit auf sie.
Ruth Rockmann schreibt gerne Briefe – nach ihrem 100. Geburtstag wartet einiges an Arbeit auf sie. Quelle: Foto: Florian Lerchbacher
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Kirchhain

„Ich hätte nie gedacht, dass ich 100 Jahre alt werde“, sagt Ruth Rockmann und erinnert sich an schwere Krankheiten und Operationen. Und doch: Am Sonntag war es so weit und die im Haus Elisabeth lebende Kirchhainerin feierte im engsten Familienkreis eben jenen runden Geburtstag.

Im Gespräch mit dieser Zeitung blickte sie auf ein bewegtes Leben zurück, das am 17. Januar 1921 in Magdeburg begann. „Das waren wirtschaftlich ganz schlechte Jahre“, betont sie – doch es sollte noch schlimmer kommen: „Die Zeit unter Hitler war grauenvoll“, sagt die Seniorin, die im ersten Kriegsjahr 1939 im Alter von 18 Jahren ihr erstes Kind bekam: „Viel zu früh. So jung ist man so unwissend – ich war eigentlich überfordert.“ Noch dazu habe es an allem gefehlt: So musste sie beispielsweise aus ihrem Rock einen Mantel nähen, damit ihre Tochter etwas Warmes zum Anziehen hat.

Mit 21 Jahren bekam sie dann noch einen Sohn. Doch dann kam das Jahr 1945. Ihr Mann sei aus Finnland geflohen und habe sie aufgefordert, ihn in der Altmark zu besuchen. Dem Wunsch kam sie nach, doch dafür musste sie ihre Kinder bei ihren Eltern zurücklassen – es sollte das letzte Mal sein, dass sie sie sieht. Denn während sie ihren Mann traf, wurde Magdeburg komplett ausgebombt, und Ruth Rockmann verlor ihre Kinder und ihre Eltern.

Wenig später war der Krieg zu Ende – doch wirklich besser sollte es nicht werden. In der Ostzone habe es kaum etwas zu essen gegeben: „Die Kriegsjahre waren im Vergleich goldene Zeiten.“ 1948 kam Tochter Ingrid (heute mit Nachnamen Ziegenbein) zur Welt. „Ich hatte kein Geld, kein Essen, keine Windeln. Also zerschnitt ich die Gardinen, um daraus Windeln zu machen.“ Und diese sollten noch große Bedeutung haben, denn 1952 entschied sie sich, ihrem Mann zu folgen und in den Westen zu fliehen.

Eine Schwester besorgte ihr die Papiere einer Freundin, die ebenfalls ein Kind hatte. Nur mit ihrer Tochter, einem Koffer voller Bettzeug und einer vollen Windel – voll, weil sie Westmark darin versteckt hatte – machte sie sich daran, die Grenze zu überqueren. Angst habe sie dabei keine empfunden, berichtet sie und erklärt, dass sie während und nach dem Krieg so viele unangenehme und brenzlige Situationen erlebt habe, „dass man an eine Stelle kommt, an der man keine Angst mehr empfindet“.

Die Rockmanns kamen bei Verwandten in Sulingen und später in Schöningen unter, wo ihr Mann eine Anstellung fand – und Stück für Stück ging es bergauf: „Das war kein Vergleich zum Osten. Eigentlich war es, als käme man aus dem Dunklen ins Helle“, erinnert sich die heute 100-Jährige.

Ihr Mann ging krankheitsbedingt mit 49 in Rente, das Ehepaar zog daraufhin nach Hannover – und dann nach Kirchhain, wo ihre Tochter mit ihrer Familie ein Haus gekauft hatte. Wenig später verstarb ihr Ehemann – und Ruth Rockmann war froh, ihre Tochter in der Nähe zu haben. „Ich habe gelebt“, sagt sie über die seitdem vergangene Zeit. Sie war in Kirchhain in verschiedenen Vereinen tätig, unter anderem im Tanzkreis oder dem nicht mehr existierenden Hausfrauenverein, vor allem aber malte sie leidenschaftlich gerne: am liebsten Natur-Motive mit Wasserfarben. Insbesondere Vögel hatten es ihr angetan. Außerdem gestaltete sie Ostereier, Grußkarten und Seidentücher und verkaufte diese bis ins Alter von 91 Jahren auf dem Kirchhainer Ostereiermarkt.

Vor rund einem Jahr zog die zweifache Großmutter ins Haus Elisabeth – und blickt eigentlich nicht so gerne zurück: „Ich lebe jetzt und nicht in der Vergangenheit“, sagt sie. Die Tochter bezeichnet ihre Mutter als energiegeladen, offen und insbesondere ehrlich. Sie spreche auch mal Unbequemes aus, betont sie und attestiert Ruth Rockmann eine starke Persönlichkeit. Und da passt es irgendwie auch, dass die 100-Jährige Worte von Bundeskanzlerin Angela Merkel leicht abwandelt und über die aktuellen Lebensbedingungen sagt: „Das ist die verrückteste Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg.“ Doch wer denke, die Welt bleibe aufgrund der Corona-Pandemie und ihrer Auswirkungen stehen, der irre: „Es geht immer weiter.“

Von Florian Lerchbacher