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Ostkreis Sebastian Unverricht ist der beste Zimmermann Deutschlands
Landkreis Ostkreis Sebastian Unverricht ist der beste Zimmermann Deutschlands
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13:44 24.11.2021
Sebastian Unverricht, der beste Zimmermann Deutschlands, saniert derzeit mit seinen Kollegen den Dachstuhl der Kirche in Wolzhausen.
Sebastian Unverricht, der beste Zimmermann Deutschlands, saniert derzeit mit seinen Kollegen den Dachstuhl der Kirche in Wolzhausen. Quelle: Foto: Tobias Hirsch
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Emsdorf

Selten hat es ein Zugezogener, der eigentlich gar nicht aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf kommt, innerhalb eines Jahres so oft in unsere Heimatzeitung geschafft wie Sebastian Unverricht. Im Juli machte der damals 21-jährige Zimmerer-Azubi mit einem selbst gebauten Kanu Schlagzeilen. Monatelang hatte er an dem Boot gebaut, bevor er es – unter Anteilnahme von Familie, Freunden und Kollegen – im Emsdorfer Feuerwehrteich zu Wasser ließ.

Zwei Monate später, bei der Sommer-Freisprechungsfeier der Kreishandwerkerschaft, lächelte er wieder von der Titelseite, als einer der besten Auszubildenden. Und nun lacht der mittlerweile 22-jährige Zimmerergeselle erneut in einem Zeitungsartikel: Unverricht holte nämlich bei den 70. Deutschen Meisterschaften in den Bauberufen die Goldmedaille und ist damit der beste Zimmerer Deutschlands des Jahres 2021.

Wenn ein „Holzwurm“ eine so steile Karriere hinlegt, hat er bestimmt schon im frühen Kindesalter seine Bauklötze verzapft und bearbeitet, mögen viele jetzt denken. Aber weit gefehlt. „Erst in der Oberstufe habe ich angefangen, an Möbeln rumzubasteln“, gesteht Sebastian Unverricht, der, wie er selbst sagt, ohne jegliche handwerklichen Vorkenntnisse seine Ausbildung bei der Firma Holzbau Pfeiffer in Emsdorf begonnen hat.

Talent und Willen

Vorkenntnisse mag er vielleicht nicht gehabt haben, dafür aber jede Menge Talent und Willen, sind sich Firmenchef Hartmut Pfeiffer und der für die Ausbildung mitverantwortliche Altgeselle Jörg Eberhardt sicher.

„Er hat nicht nur seinen Ausbildungsplan im Kopf gehabt, sondern auch noch rechts und links davon geguckt und sich zahlreiche zusätzliche Fähigkeiten angeeignet“, lobt Hartmut Pfeiffer – und Jörg Eberhard ergänzt: „Er war nicht unbedingt ein Überflieger, aber stets bei der Sache. Er hat sich Arbeitsschritte abgeguckt, nachgefragt und dann perfekt umgesetzt.“

Der Wettkampf, der in diesem Jahr in Erfurt stattfand, lief über drei Tage. „Insgesamt hatten wir 22 Stunden Zeit. Wir waren neun Zimmerer, aber nur drei davon sind fertig geworden“, berichtet Unverricht. Die Aufgabe der Zimmerer umfasste die Erstellung eines Pultdaches mit Walm, geneigtem First und Dreiecksgaube.

Fortbildung steht an

Das erste Modul stellte die Unterkonstruktion mit Fuß-, Mittel- und geneigter Firstpfette dar, das zweite Modul dann das Pultdach mit Walm und geneigtem First. „Am Ende als Sieger auf dem Podium zu stehen, hätte ich überhaupt nicht erwartet. Andere Teilnehmer waren eineinhalb Stunden früher fertig als ich. Ich war ziemlich überrascht, aber glücklich“, sagt Unverricht nicht ohne Stolz. Und auch Hartmut Pfeiffer ist stolz auf seinen Noch-Gesellen: „Die Anforderungen für die Deutsche Meisterschaft sind auf Meisterniveau an der obersten Stufe anzusiedeln.“

Aber wieso Noch-Geselle? Unverricht möchte sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen. In zieht es in die Denkmalpflege als Geselle für Restaurierungsarbeiten. Die Fortbildung beginnt im nächsten Jahr. Bis dahin bleibt Unverricht der Emsdorfer Zimmerei erhalten. Kollege Jörg Eberhardt bedauert Unverrichts Weggehpläne: „Ich versuche ihn ja immer noch zu bequatschen“, sagt er lachend. Hartmut Pfeiffer hingegen ist nicht ganz so betrübt. Als Unternehmer finde er es natürlich schade, einen so guten Mitarbeiter zu verlieren: „Aber er bleibt dem Handwerk erhalten – und das ist für alle ein Gewinn“.

Von Tobias Hirsch