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Ostkreis Jugendarbeiter dürfen „nichts verschlafen“
Landkreis Ostkreis Jugendarbeiter dürfen „nichts verschlafen“
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10:59 13.06.2020
Sebastian Habura hat den Ball übernommen und ist neuer Stadtjugendpfleger Stadtallendorfs. Quelle: Michael Rinde
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Stadtallendorf

Seit wenigen Tagen ist Sebastian Habura Stadtallendorfs Stadtjugendpfleger und damit Verantwortlicher für die Jugendarbeit. Er folgt auf Walter Mengel, der diese Aufgabe 37 Jahre lang ausfüllte.

Habura ist aber alles andere als ein Neuling. Er arbeitet schon seit 2014 als Streetworker bei der Stadtallendorfer Stadtjugendpflege. Vorher war er bereits Jugendpfleger in der Nachbarschaft Neustadt und auch dort als Streetworker im Einsatz. Streetworker suchen Jugendliche auf, schaffen niedrigschwellige Angebote, um sie zu erreichen.

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Jetzt steht der 40-jährige Diplom-Sozialpädagoge vor einer neuen Herausforderung – und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Er ist Kopf eines Teams. Und dieses Team muss derzeit auch mit den Folgen der Corona-Pandemie für die Jugendlichen und für die eigene Arbeit klarkommen und darauf reagieren.

Derzeit ist Improvisationstalent gefragt

„Diese ersten Tage als Stadtjugendpfleger sind darum spannend, aber auch anstrengend zugleich“, sagt Habura. Auch er müsse sich jetzt noch einmal umstellen. Von Walter Mengel habe er Vertrauen bekommen, jetzt wolle er selbst seinen Kollegen Vertrauen geben, im Team arbeiten und gemeinsam planen.

Die Frage sei immer, was für die Kinder und Jugendlichen gerade nötig und möglich sei. Und darin steckt viel Dynamik in der aktuellen Situation. „Irgendwann wird es ganz sicher ein ,Auferstehen’ nach Corona für unsere klassische Jugendarbeit geben“, ist sich Habura sicher.

Doch bis dahin muss oft auch improvisiert werden. Erstmals fällt die zentrale Freizeit in Bad Kissingen aus, es muss die Frage geklärt werden, wie ein alternatives Programm in den Ferien aussehen könnte. Ziel sei es jetzt, unter den bekannten Einschränkungen Jugendliche „zu Hause herauszuholen“.

Bis zu 500 Betreute in Stadtallendorf

Deshalb werden zum Beispiel verstärkt Ausflüge angeboten. Da gibt es Resonanz: „Unsere Radtouren sind voll belegt, das Interesse und der Spaß sind groß“, sagt er. Dazu kommen kreative Angebote. „Wir sind da als Team gut aufgestellt“, meint der 40-Jährige. Alles passiert aber immer unter Einhaltung der Regeln, die der Umgang mit der Pandemie eben vorschreibt.

„Wir wollen so viel Normalität bieten, wie es das Gesetz erlaubt und ohne Risiken einzugehen“, bringt es der Stadtjugendpfleger auf den Punkt. Drei hauptamtliche Mitarbeiter und ein Streetworker gehören zur Stadtjugendpflege.

Die Stelle des Streetworkers ist derzeit neu ausgeschrieben. Hinzu kommen fünf nebenberufliche Betreuer. Sie sind sonst zum Teil im Café Babylon im Jugendzentrum im Einsatz und übernehmen in Corona-Zeiten jetzt verstärkt andere Aufgaben. Im Laufe eines Jahres betreut die Stadtallendorfer Jugendpflege zwischen 400 und 500 Kinder und Jugendliche. Die Zahlen schließen Freizeiten und Ferienspiele mit ein. „Wobei viele auch mehrere Angebote parallel nutzen“, sagt Sebastian Habura.

Thema Sucht gewinnt an Bedeutung

Er will vieles von seinem Vorgänger weiterführen, einige Punkte bei der Jugendarbeit aber auch behutsam verändern. Die Erlebnispädagogik und die Naturerfahrungen für Kinder und Jugendliche behalten ihren großen Raum in jedem Falle.

Wenn Jugendliche auf einen dreitägigen Ausflug in die Natur mitkämen, sei das für sie oft eine Herausforderung. Sie müssten zugleich auch durchhalten. „Am Ende sind sehr viele froh, diese Erfahrung zu machen“, sagt Habura.

Für die Entwicklung der Jugendarbeit sieht der Stadtallendorfer, selbst Vater von drei Kindern, einige langfristige Herausforderungen. So gewinne das Thema Süchte eine zunehmende Relevanz, womit Habura beileibe nicht nur Drogen meint. Spielsucht werde ebenso immer mehr ein Problem.

„Überforderung von Eltern nimmt zu“

Gravierend findet er auch, dass die Jugendarbeiter immer mehr mit Jugendlichen zu tun haben, die nach der Schule noch keine Ahnung davon haben, was sie aus ihrem Leben weiter machen möchten. Dazu gebe es auch immer mehr Kontakte mit Eltern.

„Sie haben mit dem Blick auf ihren Nachwuchs Existenzängste. Die Überforderung von Eltern nimmt generell zu“, so seine Feststellung. Er sieht einen riesigen Beratungsbedarf, den aber die Stadtjugendpflege nicht stemmen kann. Dort sind Netzwerke zu anderen Angeboten und Experten gefragt, die helfen können.

Generell sieht Habura bei den Stadtallendorfer Jugendlichen eine große Dynamik. Das werde auch für den künftigen Streetworker wieder wichtig: „Er braucht die Fähigkeit, sich schnell auf Dinge einzulassen. Wenn du etwas verschläfst, verlierst du eine Gruppe“.

Aber da komme es dem ganzen Jugendpflege-Team entgegen, dass es die Chance habe, Dinge auszuprobieren. „Bei uns wird auch in der Verwaltung nichts von vorneherein kaputtgeredet“, sagt Habura.

Von Michael Rinde

10.06.2020
10.06.2020
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