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Ostkreis Lebenswerk dreht sich um die Hugenotten
Landkreis Ostkreis Lebenswerk dreht sich um die Hugenotten
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11:00 17.04.2022
Rund 20 Jahre lang hat Gerhard Badouin an ganz vielen Orten dieser Welt für sein Buch recherchiert.
Rund 20 Jahre lang hat Gerhard Badouin an ganz vielen Orten dieser Welt für sein Buch recherchiert. Quelle: Foto: Florian Lerchbacher
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Schwabendorf

„Es gibt sehr viel französisches Blut in unserer Region“, sagt Gerhard Badouin und berichtet von zahlreichen Gesprächen mit Menschen, die bei einem kurzen Blick auf ihre Ahnentafel überrascht feststellten, dass sich unter ihren Vorfahren Hugenotten oder Waldenser befinden. In der Region gibt es mit Schwabendorf, Hertingshausen, Todenhausen, Frauenberg, Frankenhain, Wiesenfeld und Louisendorf sieben sogenannte Kolonien, die geflohene Hugenotten und Waldenser im 17. oder 18. Jahrhundert gegründet hatten. König Ludwig XIV. hatte im Jahr 1685 die Ausübung des protestantischen Glaubens in Frankreich verboten – daraufhin verließen hunderttausende Menschen ihre Heimat in der südfranzösischen Dauphiné oder dem Piemont.

So entstand der Name des Dorfes

Einer von ihnen war auch Claude Badouin, ein Urahne Gerhard Badouins, der sich – nachdem er seinem Glauben hatte abschwören müssen – mit seiner Familie aus Aiguilles im Val Queyras in den Cottischen Alpen für die unter Strafe gesetzte Flucht entschied und letztendlich in Schwabendorf eine neue Heimat fand. Eigentlich sei das Land, das Landgraf Carl den Hugenotten zur Verfügung stellte, nicht das beste gewesen, betont Gerhard Badouin, aber besseres habe es für die Geflüchteten eben nicht gegeben. Er erklärt, es habe nicht zu Ackerland getaugt und sei für die Viehhaltung genutzt worden. Um dies zu ermöglichen, musste jede Menge Gebüsch und Bäume entfernt und verbrannt werden. Die Asche wurde als Dünger genutzt – ein Prozess, der „Schwabern“ genannt wurde. So entstand der Name des Dorfes.

Basierend auf seinem großen Interesse für die Geschichte, insbesondere die der Hugenotten und Waldenser, begann Badouin vor rund 20 Jahren mit einem Lebenswerk: Er machte sich an die Ahnenforschung – aber nicht nur die der eigenen Familie, sondern gleich an die aller hugenottischen und waldensischen Familien, die nach 1685 als „réfugiés“ (Flüchtlinge) die hiesigen Kolonien gründeten und die Region prägten. Insgesamt erfasste er dafür mehr als 3 000 Familien, deren Namen und Daten er auf rund 350 Seiten seines neuen Buches „Hugenotten und Waldenser und ihre Familien im Marburger und Frankenberger Land“ präsentiert. Er beschränkt sich dabei aus datenschutzrechtlichen Gründen auf die Zeit zwischen 1685 und etwa 1830. Für rund 20 Familien hat er zudem eine Art kurzer Biographie erstellt, die unter anderem Informationen darüber enthält, wo sie herkamen, was sie bewegte und wo sie hingingen.

Denn Badouin führt in seinem Buch nicht nur die Menschen auf, die ihr Leben lang in der Region lebten: Er verfolgte die Spuren zahlreicher Hugenotten und Waldenser in nahezu der ganzen Welt, recherchierte dafür beispielsweise nicht nur in Frankreich oder Spanien, sondern auch in den USA oder in Australien.

Jede Menge Archive durchforstet

„Down Under“ führte ihn der Weg unter anderem nach Marburg in der Nähe von Brisbane. „Auf dem Friedhof dort begegnete ich einer Vielzahl von Namen, die man auch aus der Region rund um Schwabendorf kennt“, berichtet der 76-Jährige – der die Archive in jeder Menge County Offices, Départements und Landkreise durchforstete. Insgesamt etwa 10 000 Stunden Arbeit stecken in seinem Buch, das er mit Liebe und Hingabe recherchierte und verfasste. Aber einige Male sei ihm auch die Lust vergangen, gibt er zu: Vor allem die Lücken in den wenig sorgfältig geführten Kirchenbüchern hätten ihn so manches Mal zur Verzweiflung gebracht – und dafür gesorgt, dass nicht alle Angaben vollständig sind.

Aber aufzugeben sei eigentlich nie in Frage gekommen. Sein Buch hat Badouin in drei Teile unterteilt: Neben dem genealogischen Part hat er sich auf rund 30 Seiten noch der über 300-jährigen Geschichte der von Hugenotten und Waldensern geprägten Kolonien im Marburger und Frankenberger Land gewidmet. Zudem berichtet er auf weiteren 30 Seiten über die Herkunftsorte der geflüchteten Menschen. „Erschütternd sind seine Beschreibungen des Terrors, den die Hugenotten und Waldenser dort erleiden mussten und der zu ihrer gefahrvollen Flucht und Vertreibung nach Hessen führte“, kommentiert Dr. Albert de Lange (Karlsruhe), der Kirchenhistoriker und unter anderem Wissenschaftlicher Vorstand der Deutschen Waldenservereinigung ist.

Von Florian Lerchbacher

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