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Ostkreis Starkes Plädoyer für offene Schulen
Landkreis Ostkreis Starkes Plädoyer für offene Schulen
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10:00 27.01.2022
Für Matthias Bosse, Schulleiter der AWS, und den Schulamtsleiter Burkhard Schuldt steht fest: Der Präsenzunterricht in den Schulen muss weitergehen.
Für Matthias Bosse, Schulleiter der AWS, und den Schulamtsleiter Burkhard Schuldt steht fest: Der Präsenzunterricht in den Schulen muss weitergehen. Quelle: Christoph Soeder (Themenfoto)
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Kirchhain

Deutlich könnte das Plädoyer von Schulleiter Matthias Bosse von der Kirchhainer Alfred-Wegener-Schule (AWS) nicht ausfallen. Nach dem ersten Schulhalbjahr im kompletten Präsenzunterricht ist für den Leiter der größten Schule des Landkreises klar, dass erneute Schulschließungen unter allen Umständen verhindert werden müssen. Darin weiß er sich mit der Landes- und Bundespolitik ebenso einig wie mit dem Leiter des staatlichen Schulamtes in Marburg Burkhard Schuldt.

Warum? Die Abschlussklassen seien im vergangenen Jahr sehr gut aufgefangen worden. „Doch die Klassen 6, 7 und 8 haben wir quasi alleingelassen“, sagt Bosse. Jetzt sei es wichtig, Stoff aufzuholen. „Und dabei zählt jede Unterrichtsstunde“, betont der AWS-Leiter. Mit dem Aufholen könne die Schule umgehen. Doch zugleich sieht er auch die sozialen Folgen von Distanzunterricht und Isolation der Schüler. Und da lässt sich noch nicht absehen, wie sich dies aufarbeiten lässt und welche Zeit dafür nötig ist. Bemerkbar mache sich das auch bei den Fünftklässlern. Denen fehle das vierte Schuljahr in Präsenz gerade beim Sozialverhalten.

Schule als sicherer Ort

Außerdem sei Schule ein sicherer Ort, weil dort die Kontrolle auf das Coronavirus gegeben sei. Im Moment gibt es tägliche Tests auf Bosses dringende Empfehlung hin. Grund sind die hohen Fallzahlen. „Und es gibt eine sehr hohe soziale Akzeptanz für Masken“, hebt Bosse hervor. Doch wie machen sich Unterstützungsprogramme wie „Löwenstark“ an der AWS bemerkbar? Da fällt Bosses Zwischenbilanz unterschiedlich aus. So gibt es Zusatzkurse, gehalten von Lehramtsstudenten, in den Prüfungsfächern Deutsch, Englisch und Mathematik für die Jahrgänge 5, 6 und 7.

Das nötige Personal hat die AWS dank der nahen Hochschulen in Marburg und Gießen gefunden. Doch werde das Angebot höchst unterschiedlich angenommen von den Schülern und auch von den Eltern. Deshalb seien viele seiner Kollegen ständig dabei, Schüler zu motivieren, die Förderkurse aufzusuchen und zu nutzen.

Stichwort „Löwenstark“

Land und Bund stellen bei diesem Programm zur Unterstützung von Schülern und Schulen nach den Schließungen durch Lockdowns insgesamt 150 Millionen Euro für Förderangebote zur Verfügung. Das Paket ist breit angelegt: Förderkurse, Hausaufgabenhilfe, zusätzliche Lehrkräfte und Weiteres.

Klar ist für ihn: Die soziale Schere ist bei den jüngeren Schülern weiter auseinandergegangen in der Zeit von Schließung und Distanzunterricht. Eher gut angenommen wird dagegen das Förderangebot „Schwimmen lernen“ in der Jahrgangsstufe 6. Denn diesen Schülern fehlte diese Möglichkeit in der Zeit der Schließung und der Bedarf sei sehr groß. „Schwimmen zu können ist existentiell“, betont Matthias Bosse.

Unterschiedliche Resonanz auf Förderangebote

Größer denn je ist die Nachfrage nach Hausaufgabenbetreuung und Freizeitbegleitung. Aktuell nutzen 70 Schüler dieses Angebot, doppelt so viele wie vor den Lockdowns. Wie schätzt Schulamtsleiter Burkhard Schuldt die Situation kreisweit ein? Seine vorsichtige Zwischenbilanz fällt etwas anders aus. Auch er bekommt aus einzelnen Schulen die Rückmeldung, dass die Nachfrage nach Förderkursen teilweise „enttäuschend“ sei. Doch gebe es auch Schulen mit sehr guter Resonanz. „Angesichts der großen Palette an Förderangeboten, den unterschiedlichen Schulen und dem Alter der Schüler ist das nicht überraschend“, sagt Schuldt. Sehr gute Rückmeldungen gebe es bei Doppelbeschulungen, also bei Klassen und Kursen, in denen eine zweite Lehrkraft mitarbeitet und Schüler individuell anspricht.

Wie Bosse sieht auch Schuldt das größere Problem bei sozialen Defiziten. „Emotionale Probleme, fehlende Kontakte und Bewegungsmangel machen sich bemerkbar“, erklärt er gegenüber der OP. Sein Fazit für den Augenblick: „Sicher sind weitere Verbesserungen bei der Unterstützung der Schüler möglich und auch nötig, aber einiges ist erfolgreich“. Seine klare Forderung: „Die Sicherstellung des Präsenzunterrichts hat klare Priorität“. Dafür tue das Schulamt alles und in den Schulen werde dies genauso gesehen.

Von Michael Rinde