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Ostkreis Schüler führen beängstigendes Stück auf
Landkreis Ostkreis Schüler führen beängstigendes Stück auf
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11:53 05.11.2019
Neurolinguistin Diana (Sümeyye Yalcin, Mitte) will die wahnwitzige Nachricht nicht wahrhaben. Widerstand formiert sich. Quelle: Karin Waldhüter
Kirchhain

Das Stück zeichnet eine erschreckende Zukunft: 100 Wörter am Tag – mehr dürfen Frauen nicht sprechen. Sie werden aufs Hausfrauendasein reduziert, haben keine Pässe, kein Geld, widersprechen nicht. Sie kommunizieren nicht mit ihren Kindern. Die Töchter wachsen damit auf, dass Frauen nicht reden, Kinder gebären, einkaufen, kochen.

Kontrolliert wird das durch ein Armband, das Rebellinnen mit Stromstößen bestraft. Der amtierende Präsident fordert eine neue Identitätspolitik, er will die Kontrolle über das Land zurückgewinnen. Durch Beeinflussung und Indoktrinierung gelingt es, alle Errungenschaften der Emanzipation wegzuwischen und ein patriarchales System einzurichten.

In bemerkenswerter Weise zeigt das Musiktheater – platziert in die #MeToo-Zeit – ein aufwühlendes Szenario, das zwar in der nahen Zukunft angesiedelt ist, sich aber dennoch auf die Gegenwart bezieht und die Besucher mit der Frage zurücklässt: „Was seid ihr bereit zu tun für eure Freiheit?“ Die Zuschauer erlebten ein zum Nachdenken anregendes Stück. Und zwar in einer Aula, die bei allen vier Aufführungen ausverkauft war.

Über ein Jahr lang hatten die Schüler des Kurses Darstellendes Spiel (DSL) und des Musikleistungskurses 13 intensiv an dem Stück, basierend auf Christina Dalchers Buch „Vox“, gearbeitet. Dabei entwickelten sie viele Szenen, die sich schließlich auch in einer Klausurersatzleistung wiederfanden, und ­viele Ideen, wie die Luftballonszene oder den Klischee Blues.

Als die 14 Schüler des Musikleistungskurses in Herbst 2018 das Stück bekommen hatten, hieß es erst einmal, die Romanvorlage zu lesen. Als die DSLer dann erste Szenen festgelegt hatten, in der Musik benötigt wurde, begann der Musikkurs, der sich als stark im Songwriting erwies, seine Arbeit. Schlagwörter wie „Titelsong“, „Demo“ oder „Armband“ wurden in Songs verwandelt.

Es entstanden Stücke wie „Das Volkslied der Hausfrau“, das beeindruckende Liebeslied zwischen Clara und Steven oder der „100 Wörter Song“. Insgesamt zehn wunderbare Eigenkompositionen entwickelten die Schüler für das Stück. Eine zwölfköpfige Tanzgruppe mit Schülerinnen des Jahrgangs 12 formierte sich extra für das Stück und entwickelte zu den Szenen und Liedern passende Choreographien.

Ein viertägiges Probenwochenende in Mücke nutzten die Schüler, um Songs und Tänze zusammenzufügen und mit den Szenen zu verbinden. Zu Ende ging der Abend so, wie er begonnen hatte: mit dem starken „Demo Song“. Mit lauten Stimmen und Plakaten sagen die Schüler „Nein“ zu Homophobie und Atomkraft, zur Einteilung in Frau und Mann und fordern Gleichberechtigung. Zum Schluss feierte das Publikum die Bühnenakteure mit einem Riesenapplaus.

Die Spielleitung hatte Silke Trux inne, die musikalische Leitung Anna Klein und Michael Korte, die tänzerischen Leitung Julia Popovic und die technische Leitung Torsten Mihr. Als Darsteller begeisterten: Marlon Böttner, Marie Eisenhaber, Lara Ertle, Marie Fuchs, Gzim Hajrizi, Florian Haupt, Yvonne Immel, Laura Jung, Kristin Lederer, Felix Müller, Anke Parusel, Luisa Schmitt, Kim-Lara van der List, Lucas van der List, Katharina Weber, Daniel Weimer, Jonathan Willsch, Lorena Winkler, Sümeyye Yalcin. Es sangen und musizierten: Marlon Böttner, Florian Haupt, Luise Holland, Kevin Lein, Julia Reich, Selina Röder, Niklas Schlosser, Luisa Schmitt, Lee Ann Schneider, Johanna Stieler, Frederike Wagner, Katharina Weber, Jonathan Willsch, Pascal Wolf. Es tanzten: Luisa Balzer, Gina Drescher, Marie Fuchs, Jana Garanzha, Valeria Horst, Lara Klemmer, Anna Knupp, Larissa Krämer, Christin Kreyling, Laura Lipensky, Lelia Seckinger, Lena Vorig.

von Karin Waldhüter