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Ostkreis Unscheinbare Kirche entpuppt sich als Schatz
Landkreis Ostkreis Unscheinbare Kirche entpuppt sich als Schatz
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12:00 02.08.2021
Nicht nur das Gewand des Gotteshauses ist neu, sondern auch der Kirchenvorplatz - den die Schönbacher in Eigenleistung umgestaltet haben.
Nicht nur das Gewand des Gotteshauses ist neu, sondern auch der Kirchenvorplatz - den die Schönbacher in Eigenleistung umgestaltet haben. Quelle: Florian Lerchbacher
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Schönbach

Lange wussten die Schönbacher nicht, was sie für einen Schatz in ihrem Dorf stehen haben. Und so können sie quasi von Glück reden, dass sie vor einigen Jahren beginnen mussten, ihr Gotteshaus zu sanieren – denn im Vorfeld stellte sich heraus, dass das beinahe unscheinbare, in zweiter Reihe stehende Gebäude die älteste Fachwerkkirche Hessens ist. Sie erstrahlt nun in frischem Glanze – und so langsam kehrt nach Jahren der Restaurationsarbeiten das Leben zurück.

Vor sieben Jahren räumten die Schönbacher ihre Kirche aus und stellten die Innenausstattung in der Scheune von Ortsvorsteher Dieter Lauer unter. Nur die Orgel nicht, denn sie kam zu einem Orgelbauer, der sich des Instrumentes annahm. Damals dachten die Gläubigen noch, das kleine Gotteshaus sei im 17. Jahrhundert erbaut worden. Doch dann kam Dr. Bernhard Buchstab, der Leiter der Außenstelle Marburg des Landesamtes für Denkmalpflege in den Kirchhainer Stadtteil und nahm den maroden und zwischenzeitlich notgesicherten Dachstuhl unter die Lupe – der Turm hatte angefangen, bis zu zehn Zentimetern hin- und herzuschwanken, was sogar von außen deutlich sichtbar war.

Innen hatten sich massive Balken verschoben. Es stellte sich heraus, dass das elektrische Läuten der Glocken den Schaden verursacht hatte: Dabei träten ganz andere Kräfte zutage, als wenn die Glocke im Turm manuell durch Ziehen an einem Seil geläutet wird, erklärt Pfarrerin Evelyn Koch. Doch Buchstab habe noch etwas ganz anderes festgestellt: Er sei beim Anblick der Holzbalken und der Konstruktion stutzig geworden, berichtet Lauer. Der Bezirkskonservator habe eine „dendrochronologische Untersuchung“ auf den Weg gebracht, also das Holz inspiziert – und festgestellt, dass es 1451 oder 1452 gefällt wurde. Und da Holz damals immer zeitnah verzimmert wurde, sei klar gewesen: Der Bau der Kirche muss kurze Zeit später erfolgt sein. Und zwar mit Material, das komplett aus der Region stammt, so Lauer: „Wir haben ja alles vor Ort: Steinbrüche, Wald und gute Stellen für den Lehmabbau.“

Pfarrerin Evelyn Koch freut sich über den  frisch renovierten Innenraum. Quelle: Florian Lerchbacher

Doch der überraschenden Entdeckung zum Trotz mussten die Schönbacher erstmal natürlich darauf verzichten, ihr Gotteshaus zu nutzen (abgesehen von einer Konfirmation im Jahr 2018, als die Jugendlichen unter dem Motto „seid behütet“ Helme aufgezogen bekamen). Es folgte eine Jahre andauernde Sanierung, deren Federführung Kirchenvorstand Wolfgang Kurz übernahm. „Er war der heimliche Bauherr“, betont Pfarrerin Koch und lobt: „Er hat sich deutlich mehr engagiert, als man das von einem Kirchenvorsteher erwarten kann.“

Das Dach wurde neu gedeckt und die Kirche insgesamt neu verschindelt. Der Turm wurde komplett saniert und bekam quasi einen neuen Dachstuhl. Innen musste die Decke, die herunterzubrechen gedroht hatte, erneuert werden. Viele Balken mussten ausgebessert oder ersetzt werden, die Heizungsanlage ist neu und von den Wänden galt es, etliche Tonnen Gipsputz und sogenanntes Streckmetall zu entfernen. Dabei entdeckten die Arbeiter Wandmalereien aus verschiedenen Jahrhunderten. Ein Teil davon ist sogar noch zu sehen, da sie diesen beim Streichen der Wände aussparten. Was auf dem Bild aus wahrscheinlich dem Jahr 1720 dargestellt wird, ist unklar, sagt Koch: An einer Stelle sei wohl eine Hand zu sehen.

Eine Mischung aus alten und neuen Balken bildet nun das Gerüst des Glockenturms. Quelle: Florian Lerchbacher

Die Kirchenbänke bekamen einen frischen Anstrich und werden noch mit einigen Stühlen ergänzt. Die Sakristei wechselte den Standort, das Taufbecken bekam Rollen, die Fenster öffnen nun automatisch und „an Altar und Beleuchtung sind wir auch noch dran“, sagt Lauer und betont, dass der riesige Altar aus Sandstein durch eine kleinere Version ersetzt werden soll. Außerdem steht im vorderen Teil der Kirche nun eine handgefertigte, mit Einlegearbeiten verzierte Truhe, die der Großseelheimer Adam Fus gespendet hat. Ein ähnliches Kunstwerk stehe im Gotteshaus in Großseelheim, wirft Koch ein. Diese werde genutzt, um darin Altardecken, Taufgeschirr und andere Gegenstände zu verstauen – ähnlich werde das wohl in Schönbach sein.

Doch damit noch lange nicht genug: Die Bürger des Dorfes brachten sich durch Eigenleistung ein und gestalteten die Außenanlage um, sodass die Kirche nun barrierefrei zu erreichen ist. Außerdem legten sie eine Drainage, füllten den neuen Kirchenplatz mit Kies auf und pflasterten die Zuwegung. Hinzu kommt, dass die Schönbacher kräftig Geld spendeten: Bei Sammlungen im Ort kamen 32 000 Euro zusammen (4 850 Euro überreichten jüngst die Waldinteressenten, die Jagdgenossen, die Feuerwehr, der Strohhut-Club, die Damengymnastik, der Bürger- und Verschönerungsverein, der Ortsbeirat, der FC 73 und – so Lauer – der Nikolaus). Diesen Betrag habe die Landeskirche über den Kirchenerhaltungsfonds noch verdoppelt, freut sich Koch und stellt heraus, dass auch Gläubige aus Groß- und Kleinseelheim, die ebenfalls zum Kirchspiel gehören, für die Sanierung des Schönbacher Gotteshauses gespendet hätten: „Die Kirchengemeinde wächst immer mehr zusammen.“

Dieter Lauer nimmt im Dachstuhl einige der historischen Balken unter die Lupe. Quelle: Florian Lerchbacher

Insgesamt kostete die Sanierung rund eine Million Euro. „Wir können von Glück reden, dass sich unsere Kirche als älteste Fachwerkkirche Hessens herausgestellt hat“, betont die Pfarrerin, denn so sei nicht nur Geld von der Landeskirche, sondern auch von der Denkmalpflege geflossen. Sie hofft nun, dass – obwohl die Arbeiten noch nicht komplett abgeschlossen sind – es in der Kirche wieder so lebendig wird wie vor der renovierungsbedingten Schließung. Die Gläubigen in Schönbach seien immer sehr aktiv gewesen und hätten beispielsweise alljährlich ein „Mehrgenerationen-Krippenspiel“ auf die Beine gestellt. „Kommet zuhauf“, zitiert sie ein bekanntes geistliches Lied – ist sich aber gleichzeitig sicher, dass dies wieder der Fall sein wird.

Von Florian Lerchbacher