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Ostkreis Schockierend und ergreifend
Landkreis Ostkreis Schockierend und ergreifend
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09:57 02.11.2020
Während ihrer Recherchen stieß Katharina Koch auf das Foto einer goldenen Hochzeit – aufgenommen vor dem Haus in Halsdorf, in dem später ihre Urgroßeltern lebten.  Quelle: Florian Lerchbacher
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Halsdorf

„Man denkt gar nicht, dass die Geschichte so nah an einem dran ist“, sagt Katharina Koch, die zum Ende ihrer Zeit an der Alfred-Wegener-Schule darüber nachforschte, was während der NS-Zeit mit den jüdischen Familien passierte, die in ihrer Heimat Halsdorf lebten. Gleich zu Beginn der Recherchen wurde es dabei sehr persönlich, denn die 20-Jährige entdeckte das Foto einer Gesellschaft, die die goldene Hochzeit von Salomon und Mariana Katten feierten. Das Bild war im Jahr 1907 aufgenommen worden vor dem Haus der Familie Meier Katten – in dem später Katharina Kochs Urgroßeltern lebten. Schon beim ersten Betrachten habe sie gedacht, dass sie das Gebäude kenne, berichtet die Halsdorferin. Eine Vorort-Überprüfung habe ihre Annahme dann bestätigt.

20-Jährige befragte ihre Nachfahren

Schon in den Jahren zuvor während ihres Engagements in der Arbeitsgemeinschaft Stolpersteine habe sie gemerkt, dass durch die Recherchen und das Aufarbeiten der Schicksale die Geschichte Gesichter bekomme und viel näher als gedacht an sie heranrücke. Durch das auf dem aus den USA zugesandten Foto entdeckte Detail bekam Koch noch einen viel näheren Bezug: „Meine Urgroßeltern zogen in das Haus, als die Kattens in die USA ausgewandert waren“, fand sie heraus.

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Ihre Recherchen hatte sie im Dorf und im Marburger Staatsarchiv begonnen. Dabei stellte die heute 20-Jährige fest, dass sich nur wenige niedergeschriebene Informationen finden ließen. Also galt es, bei Nachfahren persönlich nachzufragen. Koch fand heraus, dass einst sieben jüdische Familien in Halsdorf gelebt und Geschäfte betrieben hatten – denen keinesfalls, wie in ihrer Heimat behauptet wurde, allen die Flucht gelungen sei: „Zwei Familien wurden von den Nazis ausgerottet, eine floh nach Palästina, die vier anderen in die USA.“ Im Detail: 29 Menschen gelang die Flucht, elf wurden deportiert und ermordet, zwei begingen Selbstmord. Adolf Katten habe es sogar bis auf das Schiff geschafft, das ihn die USA bringen sollte, sich dann aber während der Reise von Bord ins Meer gestürzt.

Fünf der Familien trugen den Namen Katten, was die Recherche erschwert habe, berichtet Koch. Nichtsdestotrotz habe sie zu fast allen Informationen zusammentragen können. Einige Familien hätten beispielsweise noch alte Fotos gefunden, so zum Beispiel Fred (geboren 1926) und Heinz (1930) Katten, die als Kinder auf erwähntem Foto der goldenen Hochzeit zu sehen sind und später mit ihren Eltern in die USA flohen. Problem dabei: Sie hätten, wie so viele andere, kaum mit ihren Nachfahren über ihre Ängste, die Flucht oder die Gräueltaten der Nazis gesprochen. Meist hätten sie den Blick nach vorne gerichtet und über den Neuanfang in der neuen Heimat geredet. Und das, obwohl so manche Familie viele hundert Jahre in Halsdorf gelebt habe. Ein Grund dafür, dass sich Koch in ihrer Ausarbeitung auch stark dem Thema „Heimat“ widmet.

Recherche wurde immer persönlicher

Ein bisschen Heimat hätten die Menschen nämlich doch aus Halsdorf mitgenommen: So habe es einst eine Synagoge und eine Kirche in Halsdorf gegeben, die während der Pogromnacht geplündert und zerstört wurden. „Aber eine Frau hatte wohl einen Tipp gekommen und einige wichtige Gegenstände in Sicherheit gebracht, unter anderem eine Thora, die sie dann in die USA mitnahm“, berichtet Koch. Dort komme sie in der Synagoge einer jüdischen Gemeinde in Connecticut heute noch zum Einsatz. Solche Details herauszufinden, sei durchaus bedeutungsvoll für sie gewesen, gibt Katharina Koch zu: „Es ist schön, dass sie dann doch etwas retten und mitnehmen konnten.“ Es habe aber eben auch schreckliche Rechercheergebnisse gegeben: So fand die Halsdorferin heraus, dass ein jüdisches Ehepaar sogar aus dem Altenheim deportiert wurde – und an ihren psychisch erkrankten Söhnen in einer Euthanasie-Anstalt noch geforscht wurde, ehe die beiden Männer ermordet wurden.

Ein weiteres Rechercheergebnis: Einer jüdischen Frau sei im Gegensatz zum Rest der Familie zunächst nicht die Flucht gelungen. „Sie kehrte sogar nach Halsdorf zurück und konnte bei einer Familie unauffällig wohnen – verstecken musste sie sich nicht. Nach ein paar Wochen gelang ihr dann doch die Flucht, zunächst nach Stuttgart.“ Dort habe sie ihren späteren Mann kennengelernt, der kurz danach deportiert wurde – aber dann auch befreit. Die beiden wanderten in die USA aus, wo sie später heirateten.

Einmal noch wurde es während der Recherchen so richtig persönlich: Die junge Halsdorferin pflegte (und pflegt) einen intensiven Austausch mit Ronald Katten, dem Sohn Siegmund Kattens, der leidenschaftlich gerne fotografierte und auch einige Aufnahmen mit in die USA genommen hatte. Eines dieser Fotos (aus dem Jahr 1934) kramte Ronald Katten heraus und schickte es nach Deutschland mit der Frage, wer denn darauf zu sehen sei. Katharina Koch fragte also ihren Großvater Erich Koch, dem die Freude beim Betrachten anzusehen war und die Antwort leicht viel: Abgelichtet worden waren damals seine Eltern und sein Bruder, denn die Kochs und die Kattens waren Nachbarn. Die Recherche wurde also immer persönlicher und persönlicher. „Das hat mich zusätzlich motiviert“, betont Katharina Koch. Die Geschichte ist den Menschen eben auch heute noch näher, als sie vielleicht denken.

Von Florian Lerchbacher

01.11.2020
01.11.2020