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Ostkreis Jetzt halten die Säulen weitere Jahrzehnte
Landkreis Ostkreis Jetzt halten die Säulen weitere Jahrzehnte
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15:55 27.07.2020
Landrätin Kirsten Fründt und der frühere Landrat Professor Kurt Kliem legten auf dem Tor der Gedenkstätte kleine Steine nieder. Quelle: Michael Rinde
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Stadtallendorf

Drei Meter hohe Zäune mit Stacheldraht erwarten Besucher der kleinen Gedenkstätte Münchmühle am Rande von Stadtallendorf. Wer die Gedenkstätte betritt, fühlt sich eingeengt, ja, eingesperrt. Genau das Gefühl sollte erreicht werden. Ein Gefühl, das 1 000 jüdische Frauen im Lager Münchmühle auch hatten, ungleich drastischer und gefährlicher als heute ein Besucher. Das Konzept für die Gedenkstätte entstand im Landratsamt. „Von der Idee bis zur Konzeption hat es damals nur rund 14 Tage gedauert“, erinnert sich Professur Kurt Kliem, seinerzeit verantwortlicher Landrat. Hans Kraft, ein früherer Mitarbeiter der Kreisverwaltung, hatte den Entwurf erstellt.

An der Gedenkstätte Münchmühle hat in den vergangenen Jahren allerdings auch der Zahn der Zeit genagt. Ein tragendes Element ist das rostende Eisentor, gehalten von zwei Steinsäulen. Alles ruht auf der Betonplatte des damaligen Wasch- und Toilettengebäudes. In die Steinsäulen des Tores war Wasser eingedrungen, Frost hatte teils erhebliche Schäden angerichtet. Deshalb war ihre komplette Erneuerung unvermeidlich. Die Neustädter Baufirma „Hainmüller und Klingelhöfer“ übernahm es, die Säulen komplett abzutragen und neu zu errichten. Rund 12 000 Euro hat der Landkreis jetzt in die Gedenkstätte und ihren Erhalt investiert.

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Landrätin Kirsten Fründt kam am Freitag zur Gedenkstätte, um sie nach den Sanierungsarbeiten offiziell wieder freizugeben. Mit ihrem Vor-Vorgänger Kurt Kliem kam ein weiterer besonderer Gast hinzu. Kliem betonte, dass er sich immer noch für Projekte wie dieses interessiere, die ihm als Landrat wichtig gewesen seien. Fründt erinnerte daran, dass es Kliem war, der diese Gedenkstätte seinerzeit durchgesetzt hat, teilweise gegen erhebliche Bedenken vor Ort. „Die Erinnerungskultur war damals noch eine andere als heute“, sagt Fründt rückblickend. Ihre Maxime aus Sicht der Gegenwart, 32 Jahre nach Eröffnung der Gedenkstätte Münchmühle: „Je ehrlicher wir mit unserer Geschichte umgehen, desto wirkungsvoller ist die Erinnerung.“

Im Mai 1988 war die Gedenkstätte eröffnet worden. Vor zwei Jahren, anlässlich des dreißigjährigen Bestehens, sprach die Auschwitz- und Münchmühle-Überlebende Eva Pusztai-Fahidi zuletzt in der Gedenkstätte. Pusztai ist Stadtallendorfer Ehrenbürgerin. Seit den Begegnungswochen in den 1990er-Jahren ist die Budapesterin regelmäßig zu Besuch im Landkreis, vor allem, um vor Schulklassen zu sprechen. Im Jahr 2018 waren auch die Plexiglasplatten mit den Namen der 1 000 Frauen an abgewinkelten Betonpfeilern angebracht worden.

Am Freitag legten Fründt und Kliem gemeinsam kleine Steine in der Torkonstruktion ab, eine jüdische Geste des Erinnerns.

Hintergrund

Das Lager Münchmühle war ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald. Die SS verlieh KZ-Häftlinge gegen Entgelt an Rüstungsbetriebe wie das Werk Allendorf der DAG. Am 19. August 1944 trafen die 1 .000 ungarischen jüdischen Frauen per Zug, untergebracht in überfüllten Viehwaggons, in Allendorf ein. Sie arbeiteten unter menschenunwürdigen Bedingungen mit dem Sprengstoff TNT, füllten unter anderem Bomben und Granaten und waren der brutalen Willkür der SS-Wachmannschaften ausgesetzt. Die Frauen waren angesichts der heranrückenden Befreier, der US-Armee, zum Schluss ihrer Leidenszeit von der SS einem Evakuierungsmarsch ausgesetzt worden.

Von Michael Rinde