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Ostkreis „Wir müssen in der Krise sichtbar bleiben“
Landkreis Ostkreis „Wir müssen in der Krise sichtbar bleiben“
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15:51 20.07.2020
Kai Jockel (links) und Jörg Diehl, zwei der vier Geschäftsführer von SW-Motech in Rauschenberg, mit dem Roboter, der Teil des neuen Fräszentrums in der Produktion ist. Quelle: Andreas Schmidt
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Rauschenberg

Die Rahmenbedingungen für ein Unternehmen, das Zubehör für Motorräder herstellt, scheinen während der Corona-Pandemie nicht die Besten zu sein: Kurz nach Beginn des Lockdowns wurde vielerorten dazu aufgerufen, Motorradfahrer sollten doch bitte nicht fahren, damit sie im Falle eines Unfalls keine eventuell benötigten Intensivbetten blockieren.

Hinzu kommen drohende Fahrverbote an beliebten Motorradstrecken wegen Lärmschutzes – dagegen fanden bereits zahlreiche Demonstrationen statt ( die OP berichtete ).

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Dennoch laufen die Geschäfte bei SW-Motech in Rauschenberg gut. Und zwar so gut, dass das Unternehmen eine geplante Millionen-Investition nicht stoppte: SW-Motech schaffte eine top-moderne, hoch automatisierte Fünf-Achsen-Fräse inklusive Roboterzuführung an, die unter anderem die Fertigung immens beschleunigen soll. Invest inklusive infrastrukturellen Umbauten, Mitarbeiter-Schulungen und Aufstellen: Mehr als eine Million Euro.

Das Jahr war „total klasse gestartet“

„Im März, April, haben wir uns natürlich schon die Frage gestellt: Was bedeutet die Pandemie für uns? Das hätte ja dazu führen können, dass keiner mehr Motorrad fahren darf oder will“, sagt Jörg Diehl, einer der vier Geschäftsführer des Unternehmens und unter anderem Finanzvorstand. „Die Menschen haben ganz andere Sorgen und Ängste – das erste Mal in gut 20 Jahren Firmengeschichte wussten wir nicht, was auf uns zukommt“, sagt Diehl.

Also schwang sich der leidenschaftliche Motorradfahrer selbst auf seine Maschine und tourte im April durch Hessen. „Ich habe mit Freude gesehen: Die Leute sind Motorrad gefahren“, sagt er. Ein Vorteil des Unternehmens sei, „dass unsere Kunden häufig solvent und kaufkraftstark“ seien. Zuversicht gab ihm, „dass das Jahr total klasse gestartet ist: Die Messen waren richtig gut“, erinnert sich Diehl.

Anfang März hatte SW-Motech noch einen Stand auf der „Motorräder“ in Dortmund, „wenig später kam der Lockdown, und binnen kürzester Zeit hatten wir etwa 50 unserer rund 150 Mitarbeiter im Homeoffice, um Teams zu splitten und die Handlungssicherheit zu gewährleisten“.

Kommunikation mit Kunden fehlte

Auch Kurzarbeit habe man kurz angemeldet, „Liquiditätsplanung war wichtiger als Ertragsplanung, um die Firma im Gesamtbestand zu sichern“, sagt Diehl. Der Rückhalt der Mitarbeiter sei hervorragend gewesen – dank intensiver Kommunikation und Information.

Kommunikation sei auch das Stichwort gewesen, den Kontakt zu den Kunden nicht zu verlieren, „das drohte uns Mitte März“, sagt Marketingleiter Johannes Klotz. Denn: Weitere Messen – ob groß oder regional – seien ausgefallen. „Diese sind für uns aber extrem wichtig, weil wir eine erlebbare Marke sein müssen“, sagt Klotz. Schließlich sei Motorradfahren ein „kostenintensives Hobby, das wir mit unseren Produkten ein Stück besser machen“. Also hat SW-Motech „die Kommunikation extrem hochgefahren – das hat in der Branche kein Anderer gemacht“, sagt der Marketingleiter.

Die jährliche Mega-Veranstaltung „Open House“ mit mehreren Zehntausend Besuchern fällt dieses Jahr aus? Kein Problem – das Unternehmen bot im Autokino Marburg ein Event mit dem Motorradreisenden und Biker-Influencer Valentin Müller ( die OP berichtete ).

OEM-Geschäft „stabil mit sicheren Umsätzen“

„Wir haben die Kommunikation in ganz Europa vervierfacht“, sagt Klotz. Den Kollegen in Spanien, Frankreich und Italien – alles Länder, die wesentlich härter von Corona betroffen waren und sind – habe man von Rauschenberg aus interimsweise die Arbeit abgenommen „und fünfsprachig kommuniziert, um uns bemerkbar zu machen“.

In der Folge hätten die Direktkunden dem Unternehmen ab Mitte April „wieder gute Geschäfte beschert“. Zugleich sei das OEM-Geschäft, also jenes mit Teilen direkt für die Motorradhersteller, „stabil mit sicheren Umsätzen gelaufen“, erläutert Jörg Diehl. Durch die Kommunikationsstrategie sei die Sichtbarkeit gewährleistet geblieben, „unser Endkunde ist immer der Motorradfahrer – und er ist auch der wertvollste Multiplikator, egal, wie die Zwischenhändler heißen“, weiß Diehl.

Neue Fräse bietet „eine spannende Chance“

Live-Events über Facebook und Youtube, das Beantworten von Kundenfragen, spannende Gäste in Live-Streams – „die Resonanz hat uns gezeigt, dass sich Kunden in der Krise intensiv mit ihrem Hobby beschäftigt haben und das auch wollten“, verdeutlicht Johannes Klotz. Was wird noch kommen? „Wir planen gerade einen virtuellen Messestand“, verrät der Marketingleiter.

All die positiven Erfahrungen hätten – vor dem Hintergrund der Arbeitsplatzsicherung – letztlich dazu geführt, an der Investition in die Fräse festzuhalten. Diese besitze einen immens hohen Automatisierungsgrad „und kann beispielsweise individualisierte Produkte herstellen. Individualisierung ist bei Motorradfahrern ein immenses Thema“, weiß Diehl. Das sei zwar noch eine Vision, „aber eine spannende Chance, gerade in Puncto Ergonomie“.

Von Andreas Schmidt