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Ostkreis Wie sicher ist das Wasser?
Landkreis Ostkreis Wie sicher ist das Wasser?
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07:54 04.05.2021
Das Archivbild aus dem Juli vergangenen Jahres zeigt das sanierte Gelände der Füllgruppe II, über das teilweise die A 49 verlaufen wird.
Das Archivbild aus dem Juli vergangenen Jahres zeigt das sanierte Gelände der Füllgruppe II, über das teilweise die A 49 verlaufen wird. Quelle: Tobias Hirsch
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Stadtallendorf

Befindet sich „Gift auf dem Weg ins Grundwasser“, wie die Organisation „Parents for Future“ es in einer Pressemitteilung fürchtet? Die Mitteilung bezieht sich auf die Altlastensanierungen auf der A-49-Trasse im sogenannten Wasag-Gebiet. Jene Sanierung wurde im vergangenen August von der Projektgesellschaft Deges beendet (die OP berichtete). Die Fläche liegt auf Bundeswehrgelände.

Im Wesentlichen fußen die Befürchtungen von Parents for Future auf vier Punkten: Es gebe krebserregende Sprengstoffe, die nicht vom Planfeststellungsbeschluss für die Autobahn erfasst worden sein sollen, außerdem sollen Baumwurzelstöcke von dem Gelände einfach geschreddert und verteilt worden sein. Bäume können über ihre Wurzeln sprengstofftypische Stoffe aufnehmen und speichern, wie schon aus früheren Altlastensanierungen auch in Stadtallendorf bekannt ist.

Giftstoffe im Grundwasser?

Die weiteren Aussagen: Auch Ton- und Gesteinsschichten auf dem Gelände könnten belastet sein. Außerdem sehen Parents for Future die Gefahr, dass bereits jetzt Giftstoffe ins Grundwasser gelangen oder gelangen könnten, da auf der Trasse gearbeitet wird. Fazit bei Parents for Future: Der Planfeststellungsbeschluss sei in diesem Punkt lückenhaft, es müsse davon ausgegangen werden, dass das Gelände nicht umfassend genug saniert wurde, um eine Trinkwassergefährdung auszuschließen. Die Forderung der Autobahngegner und Klimaschützer ist klar: Baustopp an dieser Stelle und eine Nachsanierung!

Bei den Sanierungsarbeiten ging es, wie die OP berichtete, um die sogenannte Füllgruppe II des Sprengstoffwerkes der Westfälisch-Anhaltischen-Sprengstoff-AG (kurz Wasag genannt). Den Teil dieser Parzelle, der auf der A-49-Trasse liegt, ließ die Deges sanieren, sie war für die Bauvorbereitung verantwortlich. Wichtig: Ein Teil der Fläche jener früheren Abfüllgruppe vor allem für Marinemunition lag außerhalb der Trasse und wurde unter Verantwortung des Landes mitsaniert.

Hexa, Teer und andere Gifte

Um welche Schadstoffe geht es? Nachgewiesen wurden auf der Fläche bereits in der Vergangenheit vor allem Hexa (unter anderem ein Unterwassersprengstoff), in kleineren Mengen auch TNT und Teerreste (polyaromatische Kohlenwasserstoffe, Paks genannt). Jene Paks fanden sich vor allem an den alten Gebäuden, und zwar in massivem Umfang.

Wie reagiert das Regierungspräsidium auf die Vorwürfe von Parents for Future und was erklärt Deges als Ausführende dazu? Das Regierungspräsidium Gießen (RP) hatte den Sanierungsplan für die Fläche 2017 genehmigt und ist auch für die Kontrolle der Arbeiten und der Ergebnisse verantwortlich – wie auch schon an anderer Stelle in Stadtallendorf. Aus seiner Sicht gibt es keine Schadstoffe, die nach den Voruntersuchungen nicht erfasst und im Planfeststellungsbeschluss nicht berücksichtigt wurden.

Nicht berührtes Gelände

Sind die tiefer gelegenen Ton- und Gesteinsschichten, so wie Parents for Future vermutet, belastet und besteht damit akute Gefahr für das Trinkwasser? Das RP sieht kein Risiko. Es differenziert zunächst zwischen den beiden Stadtallendorfer Sprengstoffwerken und ihren Hinterlassenschaften. Das DAG-Gebiet ist von der A49 anders als das Wasag-Gelände nicht berührt. Für die DAG gibt es eine hydraulische Sicherung des Grundwassers mit Abschöpfbrunnen, um Schadstoffe im Grundwasser abzufangen. Das betrifft vor allem die Flächen unterhalb der früheren „Tri-Halde“, einst eine der gefährlichsten Altlasten in Europa.

Behördensprecher Thorsten Haas spricht gegenüber der OP davon, dass in der Wasag davon ausgegangen wird, dass es geringfügige sprengstofftypische Belastungen im Festgestein geben könne. Sie seien nicht sanierungsbedürftig. Im Übrigen verweist die Behörde auf das Sanierungsleitbild von Stadtallendorf, nach dem in der Regel nur bis zu einer Tiefe von drei Metern überhaupt saniert werde und nur bis zum Beginn fester Gesteinsschichten. So verfährt aktuell auch die Him GmbH als Sanierungsträger auf einer Baustelle im DAG-Gebiet.

600 Tonnen Holz verbrannt

Eine Gefahr für das Trinkwasser sieht die Behörde nicht – auch aufgrund der ohnehin vorhandenen Überwachung der Grundwasserleiter im Stadtgebiet. Diese Überwachung läuft permanent, im Wasserwerk Stadtallendorf existiert eine zusätzliche Aktivkohlefilterung für den Fall der Fälle. Auch die Deges weist die Vorwürfe von Parents for Future entschieden zurück. Sie verweist auf die hohen Auflagen, unter denen die Sanierungsarbeiten stattgefunden hätten.

Bleibt der Vorwurf rund um Baumwurzeln und den Umgang damit im Umfeld der früheren Füllgruppe auf der Autobahntrasse. Untersuchte Wurzelstöcke, das RP spricht von Deklarationsanalysen, hätten keine Schadstoffe aufgewiesen, heißt es hierzu aus Gießen. „Diese Holzabfälle, insgesamt mehr als 600 Tonnen, wurden in Folge energetisch verwertet (Verbrennung) und somit ordnungsgemäß entsorgt.

RP sieht „keinen Grund“

Ein Verbleib dieser Holzabfälle auf dem Trassenbereich kann somit ausgeschlossen werden“, schreibt Thorsten Haas dazu. Wurzelstöcke, die außerhalb des Sanierungsgebiets auf der Trasse verblieben seien, seien unproblematisch. Hierzu äußert sich auch Deges in einer Pressemitteilung: „Die Flächen, auf denen der Auftragnehmer für den Lückenschluss der A 49 gegenwärtig Wurzelstubben entnimmt, befinden sich jenseits belasteter Verdachtsflächen ...“

In Summe sieht das Regierungspräsidium keinen Grund, den Forderungen von Parents for Future nachzukommen. Negative Auswirkungen auf die Trinkwassergewinnung seien – auch aufgrund der unabhängig von der A 49 erfolgenden Überwachung – nicht zu erkennen.

Füllgruppe II

Etwa 1 000 Tonnen Munition konnten in dieser Füllgruppe ab 1941 abgefüllt werden, berichtet Jürgen Wolff in seinem Buch „Die Allendorfer Sprengstoffwerke DAG und Wasag“. Bei der Sanierung wurden nach früheren Angaben 60 000 Tonnen Boden ausgetauscht, 28 000 Tonnen davon hochbelastet. Neun frühere Gebäude wurden abgetragen.

Von Michael Rinde