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Ostkreis Eine musikalische Legende tritt ab
Landkreis Ostkreis Eine musikalische Legende tritt ab
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00:17 02.04.2019
Noch heute übt Ewald Bieker täglich in seinem Probenraum – natürlich auch seine beiden Lieblingsstücke. Quelle: Florian Lerchbacher
Roßdorf

„Musik war mein Leben“, sagt Ewald Bieker und übertreibt kein bisschen: 65 Jahre lang spielte der 88-Jährige Instrumente – vornehmlich das Saxofon. Und dabei ließ er sich nicht einmal von vermeint­lichen Hindernissen abhalten, die den Griff zum Instrument unmöglich zu machen scheinen:

Einmal war er von der Leiter gefallen, hatte sich beide Arme gebrochen und musste wochenlang Gips tragen. Mit der Eisensäge schnitt der Roßdorfer selbigen so zurück, dass er die notwendige Arm- und Fingerfreiheit hatte. Und schon konnte er wieder in sein geliebtes Saxofon blasen – unter Schmerzen, aber das war ihm egal.

„Solange ich das Ding halten kann, mache ich Musik“, betont Bieker – allerdings am Samstagabend, 30. März, zum letzten Mal öffentlich. Nach dem Konzert „Frühlingsklänge mit den Roßdorfer Musikanten“ (19.30 Uhr in der Mehrzweckhalle) macht er Schluss mit den Auftritten. Damit geht eine Ära zu Ende, denn Bieker ist das letzte Gründungsmitglied, das in der vor 65 Jahren aus der Taufe gehobenen Musikgruppe noch aktiv war.

Klarinette hat er in Ungarn gelernt

Ein Instrument konnte er damals noch nicht spielen. Eines der ersten Bilder zeigt ihn mit einer Ziehharmonika – die er seinem Onkel gemopst hatte. „Er wollte mich da nicht ranlassen, aber ich wollte unbedingt Musik machen“, erinnert sich Bieker. Und Ziehharmonika ist seiner Meinung nach eben einfach zu spielen: „In die eine Richtung ziehen kommt ein Ton, in die andere kommt ein anderer.“ Dass sich diese noch mittels Tasten variieren lassen, sei doch keine Schwierigkeit: „Das habe ich mir selber beigebracht.“

Das Gleiche gilt für das Saxofon. Das Spielen der Klarinette hatte er sich von im Dorf lebenden Ungarn beibringen lassen: „Wie die spielen konnten – toll.“ Und so spielte er dann bei den Musikanten eben auch jene Klarinette. Georg Gräf, der erste Dirigent der damaligen „Musikgruppe Roßdorf“ fand, dass ein Saxofon in einer Kapelle nichts zu suchen habe.

Erst als dieser sein Amt niederlegte, bekam Bieker die Chance, das Instrument zu wechseln. Weil Ansatz und Technik sehr ähnlich sind, war es kein Problem, sein musikalisches Spektrum zu erweitern – für 500 Mark hatte er sich in Marburg das lang ersehnte Instrument geleistet.

Jahrelang fast jedes Wochenende unterwegs

Seitdem blieb er den heutigen Musikanten stets treu, spielte aber in zahlreichen weiteren Kapellen. Die erste hieß „Die Kolibris“, mit denen er beispielsweise auf der Schweinsberger Kirmes spielte – für fünf Mark am Tag.

„Das Saxofon stand zwar auch auf der Bühne. Aber da ich das noch nicht spielen konnte, habe ich nur mit der Klarinette musiziert“, berichtet Bieker und zählt jede Menge weiterer Gruppen auf, für die er aktiv war: von „Melodias Homberg“ über „Die Karleros“ bis zu „Die Jupiters“ oder „Los Amigos“. „Jahrelang habe ich fast jedes Wochenende auf Volksfesten in der Region Musik gemacht.“ Manchmal so lange, dass er sonntagsabends blutige Lippen hatte. Höhepunkte seien die Auftritte in den „Glastanzdielen“ Hermershausen und Rüddingshausen gewesen.

Ein besonderes Duo gründete der Vater von vier Kindern dann 1990 gemeinsam mit seinem Vornamensvetter Ewald Rausch. „Ewald und Ewald“ nahmen gemeinsam CDs auf mit Liedern, die der vor einigen Jahren verstorbene Ewald Rausch geschrieben hatte – obwohl er keine Noten lesen konnte. Den Erlös spendeten die beiden Roßdorfer. Insgesamt kamen über 13.000 Euro zusammen.

Die Füße wollen nicht mehr marschieren

Dieser Tage spielt Ewald Bieker noch mit Keyboarder Bernd Feußner zusammen. Seit rund zehn Jahren tritt das Duo gemeinsam auf, unter anderem beim Seniorenkarneval. Doch Bieker spielt auf Anfrage auch immer noch auf Geburtstagen, Hochzeiten oder bei Begräbnissen. Am liebsten seine beiden Paradestücke „Amazing Grace“ und „Ich bete an die Macht der Liebe“.

Als kleines Kind hatte der heute 88-Jährige immer wieder vor Bühnen gewartet, Musikgruppen gelauscht und sich gedacht, dass er dort auch gerne mal stehen würde. Nach 65 Jahren im musikalischen Rampenlicht Schluss zu machen, fällt ihm nicht leicht, aber er meint, es sei an der Zeit:

„Letztes Jahr war ich noch bei den Prozessionen dabei. Aber wenn ich blase und die Füße wollen dabei nicht mehr geradeaus marschieren, dann ist das vielleicht nicht mehr das Richtige. Es ist anstrengend und man braucht eben Luft.“ Und dass diese mit dem Alter weniger wird, überrascht auch Bieker nicht. Aber immerhin hat er sich ja auch seinen Traum erfüllt. 65 Jahre lang.

von Florian Lerchbacher