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Ostkreis 90 Jahre – und noch lange nicht müde
Landkreis Ostkreis 90 Jahre – und noch lange nicht müde
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09:58 22.09.2020
Rosa Schmidt feiert am 22. September ihren 90. Geburtstag. Quelle: Florian Lerchbacher
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Anzefahr

Wenn in Anzefahr ein runder Geburtstag gefeiert wird, gibt in der Regel der Kirchenchor ein Ständchen. Die Corona-Pandemie macht dies dieser Tage unmöglich, was bedeutet, dass eine zentrale Figur der Gruppe einen vergleichsweise stillen Ehrentag erleben muss:

Am Dienstag, 22. September, wird Rosa Schmidt nämlich 90 Jahre alt – Grund genug für ein Ständchen, im Normalfall würden der Seniorin aber wahrscheinlich gleich mehrere Lieder gesungen, denn Rosa Schmidt ist eine prägende Figur der Sangesgruppe.

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Vor 43 Jahren, also im Jahr 1977, gehörte sie – ebenso wie Leiter Reinhold Mößer, der damals wie heute auch schon als Organist fungierte – zu den Gründungsmitgliedern des Kirchenchores der Pfarrei Anzefahr. Pfarrer Dieter Hummel habe gesagt, es sei wichtig, bei besonderen Anlässen auch etwas Besonderes anzubieten, erinnert sich die 90-Jährige zurück.

Und da sie schon immer gern sang, habe sie – ebenso wie andere Sänger aus Himmelsberg, Sindersfeld, Stausebach und ihrem Heimatdorf – auch gar nicht lange über einen Beitritt nachdenken müssen: „Ich war schon beim ersten Kirchenchor aktiv dabei, deshalb war gar nicht die Frage, ob ich mitmache oder nicht.“

Engagement nicht hoch genug zu loben

Doch Rosa Schmidt ist viel mehr als „nur“ Mitglied des Chores: Zunächst war sie zweite Vorsitzende, vor 19 Jahren übernahm sie dann nach dem Tod ihres Vorgängers komplett die Führung – und gab sie bis heute nicht ab. „Ach, bisher ging das alles ganz gut. Mein Alter geht dabei ein bisschen unter, auch wenn es eigentlich an der Zeit wäre, dass mal Jüngere übernehmen.“ Konkret strebe sie einen Wechsel aber nicht an.

Ihr Engagement sei nicht hoch genug zu loben, kommentiert Mößer und erinnert daran, dass die Stadt sie vor zehn Jahren bereits mit der Goldenen Ehrennadel für ihren Einsatz auszeichnete. Neben ihrem organisatorischen Talent sei noch hervorzuheben, dass sie maßgeblich für die im Chor herrschende, gute Stimmung zuständig sei. Sie kümmere sich beispielsweise um die chorinternen Feierlichkeiten – und darum, dass die richtigen Voraussetzungen für das Singen herrschen.

Besonderer Einsatz um die Kranken

„Sie ist für das Schnäpschen zuständig“, verrät er – was die Jubilarin aber sogleich erläutert: „Unserer Präses sagte einst, das ist wichtig, um die Stimme zu ölen. Und es gibt auch immer nur eine Runde – mehr nicht!“ Geselligkeit und gute Stimmung sollen eben nicht zu kurz kommen im Chor, den Schmidt als „eine zweite Familie“ bezeichnet.

„Ihr Kümmern um das persönliche Wohlergehen aller Chormitglieder, besonders aber ihr Mühen um die Kranken des Kirchenchores, ist beispielhaft“, betont Mößer. Das passt, denn die 90-Jährige bezeichnet sich selbst als Familienmenschen. Die gebürtige Anzefahrerin ist verwitwet und war Mutter von drei Kindern: Eine Tochter verstarb bei einem Autounfall.

Und wer Schmidt nicht aus der Kirche kennt, der hat sie vielleicht vor vielen Jahrzehnten auf der Bühne bewundert. In den Nachkriegsjahren wirkte sie im Kolpingtheater bis zu dessen Auflösung mit. Ihr seien Dramen lieber gewesen als Komödien, betont sie: „Da kann ich mich besser reinversetzen.“ Anschließend stand erstmal das Mutter-Sein im Vordergrund. Später dann prägte sie als Verkäuferin in der Bäckerei das Dorfbild.

„Mit Entfernung lässt sich nicht gemeinsam singen“

Rosa Schmidts Lieblingslied ist „Ich bete an die Macht der Liebe“ – weil ihr sowohl der Text als auch die Melodie sehr gut gefallen. Wann der Kirchenchor wieder zusammen auftritt, vermag sie nicht zu sagen. Derzeit ruhe der Betrieb aufgrund der Corona-Pandemie: „Aber wir Sänger pflegen den Austausch.“ Ganz klassisch übrigens: per Telefon.

Gemeinsames Singen dieser Tage lasse sich jedenfalls für sie nicht umsetzen, weder via Internet, wo die Verzögerungen ein vernünftiges Abstimmen nahezu unmöglich machen. Aber auch nicht mit Abstand im Freien: „Das geht meines Erachtens nicht. Man muss doch seinen Nebenmann oder seine Nebenfrau direkt hören. Mit Entfernung zueinander lässt sich nicht gemeinsam singen.“

Und so müssen die Sänger weiter warten, bis sie wieder zusammenkommen können, um ihrem Hobby zu frönen. Auseinanderfallen werde der Kirchenchor durch die Zwangspause nicht, da ist sich Schmidt sicher: Die Mitglieder würden zum einen zu gerne singen, und zum anderen sei die Gemeinschaft zu gut. Ein paar von ihnen werden aber wohl auch an diesem 22. September zusammenkommen, um Rosa Schmidt gemeinsamen an ihrem 90. Geburtstag zu beehren. Auch wenn wahrscheinlich nicht gesungen wird.

Von Florian Lerchbacher

21.09.2020
21.09.2020