Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis In der Hoffnung auf den Aha-Effekt
Landkreis Ostkreis In der Hoffnung auf den Aha-Effekt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:20 28.06.2019
Kübra Sekin (rechts) stand Jungen und Mädchen 
von der Martin-von-Tours-Schule Rede und Antwort. Quelle: Florian Lerchbacher
Neustadt

Warum bist Du so klein? Ist es Dir peinlich, nach Hilfe zu fragen? Wie schwer ist Dein Rollstuhl?

Welche Frage auch immer den Martin-von-Tours-Schülern auf dem Herzen lag: Kübra Sekin gab ihnen ausführlich Antwort.

„Inklusion ist in Deutschland als Recht anerkannt – aber faktisch ist im Alltag viel zu tun“, erklärte Kübra Sekin während eines Workshops der Aktion Mensch, den Lars Kietz über die Schulsozialarbeit initiiert hatte. Seit sie vier Jahre alt ist, sitzt die an der Glasknochen-Krankheit leidende Moderatorin, Performerin, Schauspielerin und Studentin der Heil- und Inklusiv-Pädagogik im Rollstuhl.

Aktion fällt auf fruchtbaren Boden

Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kinder und Jugendliche für die Themen Gleichberechtigung und Inklusion zu sensibilisieren. Und so vermittelt sie Schüler Informationen zur Thematik und steht ihnen Rede und Antwort zu allen Fragen, die ihnen auf dem Herzen liegen.

Barrieren aufbrechen und für Aha-Momente sorgen, um Vorurteile zu überkommen, gibt sie als Ziel ihres Engagements für die Aktion Mensch aus. Bei den Neustädter Schülern stieß sie auf fruchtbaren Boden.

„Der Rollstuhl war eine echte Befreiung“

Die Jungen und Mädchen stellten am Ende der Veranstaltung unverblümt Fragen. So erfuhren sie beispielsweise, dass die 29-Jährige erst mit sechs Jahren ihren ersten eigenen Rollstuhl bekam. Davor sei sie oft getragen oder im Kinderwagen umher gefahren worden: „Das war in dem Alter nicht mehr so cool. Der Rollstuhl war eine echte Befreiung. Ich konnte von da an schließlich selber bestimmen, wo ich hin will.“

Sie beantwortete den Schülern aber beispielsweise auch Fragen zu ihrer Körpergröße: „Dass ich so klein bin, hängt mit den Glasknochen zusammen. Die Knochen wachsen durch das Spröde nicht so gut und verwachsen sich. Außerdem habe ich eine starke Skoliose.“

Keine Probleme mehr, nach Hilfe zu fragen

Spannend war dann auch die Frage, ob ihr es peinlich sei, nach Hilfe zu fragen: „In der Pubertät schon. Da wollte ich so sein wie die anderen und nicht auffallen. In der Zeit hatte ich meine Probleme, nach Hilfe zu fragen. Aber je älter ich wurde, desto geringer war die Hemmschwelle. Heutzutage habe ich keine Probleme mehr, nach Hilfe zu fragen und diese dann auch anzunehmen.“

Meist kann sie also mit ihren Einschränkungen gut leben: „Aber es nervt mich, wenn die Außenwelt nicht barrierefrei gestaltet ist.“ Konsequenz beim Einkaufen sei, dass sie solche Geschäfte dann meiden oder mit einem leichteren und kleineren als ihrem Elektro-Rollstuhl zurückkommen oder die Besitzer auf die Defizite aufmerksam machen müsse.

Schule muss sich auf Behinderte einstellen

„Sie war sehr offen – aber auch die Schüler waren sehr offen und neugierig“, freute sich Kietz im Nachgang des Workshops über das Interesse der Jugendlichen. Einige hätten bereits mit dem Thema Inklusion Berührungspunkte gehabt – andere noch gar nicht. Für sie waren die persönlichen Erfahrungen Sekins von besonders großem Interesse.

„Inklusion bedeutet, dass Menschen in allen gesellschaftlichen Bereichen integriert werden“, betonte sie noch einmal. Ein behinderter Mensch habe beispielsweise das Recht, sich eine Schule auszusuchen. „Die Schule muss sich dann auf meine Bedürfnisse einstellen“, erläuterte sie und bedauerte, dass dies auch heute noch lange nicht gegeben sei.

Direkte Fragen, ungefilterte Antworten

„In meiner Heimat gab es keine behindertengerechten Schulen oder es gab die Aussage, es sei zu gefährlich für mich, an eine reguläre Schule zu gehen“, stellte sie heraus und ergänzte: „Ich musste daher auf eine Förderschule gehen.“ Dies sei ein untragbarer Zustand – doch die Hoffnung bestehe, dass sich dies in Zukunft weiter ändere.

„Es war super für die Schüler zu sehen, dass Kübra Sekin mit beiden Beinen im Leben steht und total selbstbewusst ist“, kommentierte Lars Kietz: „Wir müssen aber allen Menschen begreifbar machen, dass Behinderte nicht unbedingt immer auf Hilfe angewiesen sind – aber in vielen Köpfen steckt das noch drin. Daher ist es optimal, dass die Schüler direkte Fragen stellen können und ungefilterte Antworten erhalten.“

von Florian Lerchbacher