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Ostkreis Rechte Gewalt im Vollrausch
Landkreis Ostkreis Rechte Gewalt im Vollrausch
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17:57 03.11.2020
Ziel des Trios war auch ein Haus im südlichen Schwalm-Eder-Kreis. Betrunken warf einer der Männer eine Scheibe ein. Ein Hydrantenschild und ein schwerer Pflasterstein wurden zu Wurfgeschossen.
Ziel des Trios war auch ein Haus im südlichen Schwalm-Eder-Kreis. Betrunken warf einer der Männer eine Scheibe ein. Ein Hydrantenschild und ein schwerer Pflasterstein wurden zu Wurfgeschossen. Quelle: privat
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Schwalmstadt

Drei Männer aus dem Umfeld der Partei „Die Rechte“ müssen sich zurzeit unter anderem wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung vor dem Jugendschöffengericht in Treysa verantworten.

Alle drei Angeklagten kommen aus dem südlichen Schwalm-Eder-Kreis. Da einer von ihnen zum Tatzeitpunkt minderjährig war, findet die Verhandlung zumindest teilweise unter Bedingungen des Jugendrechts statt – auch wenn die beiden Mitangeklagten deutlich älter sind.

Wie ein roter Faden zog sich massiver Alkoholgenuss in Verbindung mit Rechtsextremismus durch die Taten, die auch Ermittlungen des Staatsschutzes zur Folge hatten. Auch ein – nach eigenen Angaben – Aussteiger aus der rechten Szene kam als Zeuge zu Wort.

Wie tief die Männer im rechten Milieu verortet sind, zeigte die Aussage eines Polizisten, der von Hausdurchsuchungen berichtete. Da bei einer Tat auch Flyer der Partei „Die Rechte“ im Spiel gewesen seien, habe eine politische Motivation im Raum gestanden, sagte der Beamte. Bei den Durchsuchungen der Wohnungen fand die Polizei unter anderem Bettwäsche mit der Reichskriegsflagge und T-Shirts mit der Aufschrift „Hitler-European-Tour“.

„Da war mir schon mulmig zumute“

Teilweise berichteten die Zeugen kuriose, geradezu absurde Details. So verlor einer der Angeklagten bei einer Tat seine Hose, ein anderer fiel betrunken eine Treppe herunter und ein Dritter wurde von Zeugen wiedererkannt, da er bei einer Sachbeschädigung im Landkreis Marburg-Biedenkopf eine markante Pandabären-Mütze mit Öhrchen auf dem Kopf trug.

Erschreckend die Aussagen einiger Zeugen, die noch heute unter den Folgen der von dem Trio ausgehenden Attacken leiden. Eine Zeugin berichtete dem Gericht von rechtsextremen Pöbeleien der Männer in einem Bistro in Kirchhain. Ein Angeklagter habe ihr gesagt, dass Deutschland rein werden müsse, sagte die Frau: „Da war mir schon mulmig zumute, da ich auch keine rein Deutsche bin, obwohl ich einen deutschen Pass habe.“

Angeklagte äußern sich nicht

Als er herausfand, mit welchem Hintergrund bei ihm eine Scheibe eingeworfen wurde, sei er sehr nachdenklich geworden, sagte ein türkischstämmiger 49-jähriger Zeuge dem Gericht: „Ich hätte so etwas nicht erwartet, da ich im Dorf voll integriert bin.“ Mit dem Wissen, welche Geisteshaltung hinter der Tat stecke, habe er nun Angst um seine Familie, erklärte der Mann und erzählte, dass er sein Grundstück nun mit Kameras überwache.

Der zweite Verhandlungstag stand ganz im Zeichen der Zeugen. Die Angeklagten äußerten sich nicht.

Während der jüngste der drei Männer der Verhandlung nervös folgte und dabei oft seine Finger knetete, war der Wortführer des Trios sehr ruhig. Hin und wieder rollte er bei Zeugenaussagen mit den Augen oder machte sich Notizen. Der Dritte im Bunde starrte ohne größere Regung vor sich hin.

Bereits der erste Verhandlungstag ging bis in den späten Nachmittag und auch die Verhandlung am dauerte knapp siebeneinhalb Stunden. Ein dritter Prozesstag ist für Mitte November angesetzt, dann wird es wohl auch Urteile geben.

Von Matthias Haass

Hygieneauflagen

Die Verhandlung gegen das Trio erfolgte unter besonderen Corona-Hygiene-Bedingungen im Gemeindesaal der katholischen Kirche gegenüber des Amtsgerichts in Treysa. Nur dort war ausreichend Platz für die lange Anklagebank, denn zusätzlich zu den drei Männern mussten auch noch die Verteidiger mit Abstand einen Platz finden. Nach jedem Zeugen wurde der Raum für mehrere Minuten gelüftet. Die Vorsitzende Richterin überließ dabei nichts dem Zufall und stoppte die Zeit. Für Zuschauer des öffentlichen Prozesses galt eine Maskenpflicht. Zeugen durften die Maske erst im Zeugenstand ablegen.