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Ostkreis In die Kammer statt über die Treppe
Landkreis Ostkreis In die Kammer statt über die Treppe
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11:58 07.08.2021
So sah die Pilotanlage an der Wohra bei Rauschenberg aus.
So sah die Pilotanlage an der Wohra bei Rauschenberg aus. Quelle: Foto: Florian Lerchbacher
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Rauschenberg

Klingt vielleicht komisch, ist aber so: Fische müssen wandern. Tun sie das nicht, sterben viele von ihnen aus, sagt Hermann Henkel und erklärt, dass menschgemachte Hindernisse wie Wasserkraftwerke das lebensnotwendige Durchwandern vieler Flüsse verhinderten. Aale und Lachse hätten beispielsweise kaum Chancen. Zwar gebe es Fischaufstiegsanlagen, die im Volksmund meist Fischtreppen genannt werden, doch diese hätten gleich mehrere Schwachstellen: Der Einstieg könne nicht unmittelbar am Hindernis angebracht werden, wodurch die Fische diese oft verfehlten. Dann sei die „Lockströmung“ der künstlichen Umgehung weitaus geringer als die eigentliche Strömung, was auch nicht dazu beitrage, dass die Eingänge leicht zu finden sind. Und dann sei die „Fallhöhe“, also quasi die Höhe der Fischtreppenstufen, meist so, dass sie für größere Fische kein Problem darstelle, für kleinere aber ein unüberwindliches Hindernis wäre. Von Verstopfungen durch Treibgut ganz zu schweigen.

Aus diesen Gründen hat sich der Josbacher Ingenieur auf die Suche nach Alternativen gemacht und Komponenten, die in der Wassertechnik bereits zum Einsatz kommen, neu zusammengesetzt. Sein Ansatz kurz zusammengefasst: Unterhalb des Wasserkraftwerks kommen zwei Rechen zum Einsatz, durch die das Wasser fließen kann – die Fische passen aber nicht hindurch. Diese Rechen werden dann vorsichtig zusammengeschoben, um die Fische mithilfe einer großen Kelle, der Fangkammer, aus dem Wasser zu schöpfen und ein Stück nach oben zu fahren. Anschließend könnten sie in eine Fließrinne gesetzt werden, um am Wasserkraftwerk vorbei und entgegen der Strömung ihren Weg fortzusetzen, der sie hinter dem Hindernis wieder zurück ins Fließgewässer führt. Wahlweise könnten sie in einem Trog über ein Schienensystem am Kraftwerk vorbeitransportiert werden.

Dieses letzte Stück ist allerdings noch Theorie, den Rest hat Henkel bereits in Zusammenarbeit mit der Marburger Bürogemeinschaft für fisch- und gewässerökologische Studien und unter wissenschaftlicher Begleitung durch die Uni Kassel erprobt. Zunächst hatte es Voruntersuchungen im Labor mit kleineren Fischen wie Groppen und Schmerlen gegeben. Später dann folgte der Praxistest mit künstlich eingesetzten Forellen an einer vom Land Hessen geförderten Pilotanlage, die Henkel an der Schmaleicher Mühle an der Wohra am Ortseingang von Rauschenberg gebaut hatte. Dort durften die Fische aber nur den „Aufzug“ nutzen. Danach wurden sie Untersuchungen unterzogen, um herauszufinden, ob sie Schaden genommen haben.

Die wissenschaftlichen Untersuchungen laufen zwar noch, aber das bisherige Ergebnis gibt Grund zur Freude beim Erbauer: Die Anlage sei nicht nur sehr schnell und effizient, sondern auch sehr schonend. Kein einziger Fisch habe Schaden genommen, freut sich Henkel und berichtet, dass die Anlage auch für die „Nullplusgeneration“ – also die in diesem Jahr geborenen Kleinstfische – geeignet sei: „Sie funktioniert bei Klein und Groß und ist also nicht selektiv“, erklärt er. Selbst Kritiker von Wasserkraft und Fischtreppen seien ganz angetan gewesen, berichtet er von einem Besichtigungstermin, den er organisiert hatte.

Der Weg flussabwärts sei einfacher, sagt Henkel: Dort würde beispielsweise wieder eine Fließrinne reichen. Unterhalb des Kraftwerks wäre zwar der zweite Schrägrechen im Weg, doch dort ließe sich dann quasi einfach eine Türe öffnen, um die Fische hindurchzulassen.

Die Anlage an der Schmaleicher Mühle hätte der Josbacher gerne stehen gelassen, muss sie aber abbauen, um an einer anderen Stelle eine Referenzanlage aufzubauen. Das Kuriose: Genau dort, wo seine Fangkammer bisher stand, lässt das Regierungspräsidium Gießen derzeit eine Fischaufstiegsanlage bauen – ein Projekt, das komplett über die Wasserrahmenrichtlinie der EU gefördert wird.

Von Florian Lerchbacher

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