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Ostkreis Rathaussturm im Homeoffice
Landkreis Ostkreis Rathaussturm im Homeoffice
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11:58 16.02.2021
Gardist Michael Schmittdiel (links) und Andreas Gnau nehmen den Hinweis „Abstand halten" mehr als wörtlich. 
Gardist Michael Schmittdiel (links) und Andreas Gnau nehmen den Hinweis „Abstand halten" mehr als wörtlich. 
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Neustadt

An einem normalen Rosenmontag ist in Neustadt nichts normal: Dann finden sich Hunderte Narren vor einem der beiden Rathäuser ein und blasen zum Sturm. Die Bürgerwehr ergibt sich meist nach kurzem und alles andere als erbittertem Kampf, Bürgermeister Thomas Groll überreicht die Schlüssel zum Zentrum der Macht, das Prinzenpaar und die Sitzungspräsidenten halten Büttenreden, und die Gardemädchen aus den fünf karnevalstreibenden Vereinen lassen die Beine fliegen. Und dann ist den Rest des Tages vor allem eines: Party!

Dieses Jahr jedoch herrscht gähnende Leere vor dem historischen Rathaus, das die städtische Mitarbeiterin Sonja Stark mit Vereinsvertretern zumindest ein bisschen geschmückt hatte, um an das zu erinnern, was eigentlich das Bild prägen sollte. Lediglich zwei Clowns lassen es sich nicht nehmen, kostümiert in der Innenstadt aufzutauchen. „Wenn sonst nix los ist, dann machen wir eben einen los“, erklärt Hermann Schulze – eine rheinische Frohnatur, die jedes Jahr bunt kostümiert der Rathauserstürmung beiwohnt.

Und auch Michael Launer ist nur wenige Meter entfernt vom Rathausplatz: Der VfL-Sitzungspräsident unterhält allerdings nicht mit seinem ruppigen Charme die Massen, sondern bereitet sich mit dem Bauhof auf den Einsatz im Winterdienst vor. So heißt es für ihn: Schneeschild anmontieren und Salz auffüllen, anstatt (Rathaus-)Chef veräppeln. Der letzte Rosenmontag, an dem er gearbeitet habe, liege mehr als 20 Jahre zurück, erinnert er sich und gibt zu: „Karneval fehlt mit doch sehr. Einfach nur einen schönen Tag haben und die Menschen begeistern – das hätte ich gerne gemacht.“

Ähnlich sieht das Andreas Gnau, der Sitzungspräsident der Kolpingfamilie – der sich immerhin auch in der Nähe des Rathauses aufhält. Allerdings auch nur, weil dort sein Unternehmen für Heizungsbau und Sanitärinstallationen angesiedelt ist. Sonst steht der Rosenmontag klar im Zeichen des Feierns – dieses Mal im Zeichen des Arbeitens. „Es gibt lauter Frostschäden. Alle sind im Einsatz“, erklärt er und berichtet, dass beispielsweise Sohn Jakob – der beim Rathaussturm eigentlich im wahrsten Sinne des Wortes auf die Pauke haut – gesagt hat: „Wenn wir eh nix machen können, dann mache ich auch nicht frei.“ Und so verbringt der Banker einen Tag auf der Arbeit, statt die Stadtkasse zu plündern. Der Vater resümiert derweil: „Ein Jahr ohne Fasching ist zwar möglich, aber doof.“

Ebenfalls Banker ist Michael Schmittdiel – ein Mitglied der Bürgerwehr, das sowohl schon auf der Seite der Verteidiger als auch auf jener der Eroberer gestanden hat. Den Rosenmontag bezeichnet er als „Feiertag" und bedauert, darauf verzichten zu müssen. Wahrscheinlich ist es daher umso schöner für ihn, das Homeoffice kurz unterbrechen zu können, sich fürs OP-Foto in die Uniform der Bürgerwehr zu werfen und seinen Hauptmann – beim Rathaussturm sein Gegenüber – zu besuchen.

Auch erst das Kostüm anziehen muss Greta Pieper, die in diesem Jahr eigentlich aus der kleinen Garde des VfL in eine ältere Garde hätte „aufsteigen“ müssen. Sie verbrachte den Morgen in der Schule statt auf dem Rathausplatz. Ein wenig traurig sei sie schon, berichtet Mama Stefanie – vor allem das Training vermisse sie. Was aber auch für die 35-Jährige gilt, die eigentlich die Rote Garde des Frauenvereins anleitet. Ein kleiner Trost für sie: Just an Rosenmontag treffen Pakete voller druckfrischer Exemplare ihres Kinderbuchs „Du schaffst das, Luzie – kleines Gardemädchen ganz groß“ bei ihr ein. Ihr Erstlingswerk stellt die Neustädterin dieser Tage übrigens in den Kitas Neustadts vor – natürlich Corona-konform von außerhalb der Gebäude und mit ordentlich Abstand.

Apropos Kitas: Ebenfalls im Kindergarten statt auf dem Rathausplatz hält sich Carmen Cloes-Kleiner auf – die eigentlich die Nachwuchsnarren vom Jugendblasorchester anführt, dieses Mal aber eben ihre eigentlichen Arbeit nachgeht und die Kindertagesstätte Niederklein leitet. Dort springen immerhin einige verkleidete Kinder herum, denen die Erzieherinnen Kasperletheater vorspielten. Das Stück würden sie noch einmal zeigen, wenn der Lockdown vorbei ist und alle Kinder wieder in die Einrichtung kommen, verspricht sie.

Felicitas Trebes-Börner, Sitzungspräsidentin von Sankta Maria, muss ebenfalls das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit an Rosenmontag arbeiten. Sie arbeitet im Zentrum für neuroendokrine Tumore als Krankenschwester – und trägt unterm Kittel das Karnevalsshirt ihrer Frauengemeinschaft und hat mit Kollegen im Büro eine kleine Ecke mit Luftschlangen verziert. Ein echter Ersatz für den Rathaussturm sei das aber nicht, gibt sie zu.

Und selbst Bürgermeister Thomas Groll ist nicht glücklich – auch wenn im 14. Jahr seiner Regentschaft erstmals das Rathaus an Rosenmontag nicht in die Hände der Narren fiel. Als Sieger fühle er sich aber nicht, betont er, denn schließlich habe er das Haus ja nicht gegen Erstürmer verteidigen müssen. Außerdem hätte er lieber auf einen Rosenmontag dieser Art verzichtet. Ihm wäre es lieber gewesen, einen bunten Rathausplatz mit vielen Menschen zu sehen – und vor allem mit Gardemädels, die die Beine fliegen lassen. Um den Karnevals-Nachwuchs macht er sich nämlich die meisten Sorgen: Er könne nur hoffen, dass die Begeisterung für den Karneval trotz des Ausfalls nicht nachlasse und nächstes Jahr wieder ein Rathaussturm stattfindet. Wie auch immer dieser dann aussehen möge.

Von Florian Lerchbacher