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Landkreis Ostkreis Räumchen, wechsle dich
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17:58 18.01.2021
Alle tragen Maske und halten Abstand - außerdem sitzen die Schüler in zwei Räumen. So sieht Frontalunterricht mit Sebastian Sack in der Klasse 13 derzeit aus.
Alle tragen Maske und halten Abstand - außerdem sitzen die Schüler in zwei Räumen. So sieht Frontalunterricht mit Sebastian Sack in der Klasse 13 derzeit aus. Quelle: Florian Lerchbacher
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Kirchhain

Einfach und normal – so läuft’s momentan einfach nicht. Davon können Schüler und Lehrer derzeit ein Liedchen singen. Und zwar eins in mehreren Strophen.

Will Sebastian Sack Unterricht in seinem Geschichtstutorium geben, muss er an die Alfred-Wegener-Schule fahren – ins Oberstufengebäude, das eigentlich schon längst abgerissen werden sollte, was der Lehrer aber derzeit als Segen bezeichnet: Denn dort hat er Platz, kann seine Schüler in zwei Gruppen trennen und in unterschiedlichen Räumen unterrichten – Maske tragen und Abstand halten sind auch da natürlich Pflicht. Will er die Schüler des Jahrgangs elf in katholischer Religion unterrichten, kann Sack dies aus dem heimischen Wohnzimmer tun – muss aber auf Laptop und Handy zurückgreifen und hoffen, dass die Technik mitspielt.

Doch das ist nicht immer der Fall. Eigentlich ist beides nicht optimal, gibt der Lehrer zu. Doch insgesamt ist er froh, dass überhaupt geordneter Unterricht möglich ist, dass die Schüler mitziehen – und er nicht in einem gerammelt vollen Klassenzimmer wie vor dem zweiten Lockdown stehen muss. Damals habe er sich komplett unwohl gefühlt, jetzt sei es schon besser – doch sorgenfrei sei derzeit wahrscheinlich ohnehin nicht möglich.

Eigentlich kommen nur die Schüler der Abschlussjahrgänge (also des Jahrgangs 13 des Gymnasiums, des Jahrgangs 10 der Real- und des Jahrgangs 9 der Hauptschule) derzeit in die Bildungseinrichtung, erklärt Schulleiter Matthias Bosse. Und für die Kinder der Jahrgänge 5 und 6 gebe es eine Notbetreuung, berichtet er und freut sich, dass lediglich neun der insgesamt 450 Schüler dieses Angebot nutzen müssten. „Das sind Kinder, die zuhause während der Schulzeit nicht betreut werden können“, sagt der Leiter.

Doch zurück zu den angehenden Abiturienten, die sich derzeit den Ostverträgen und in diesem Zusammenhang auch der Berliner Mauer widmen – irgendwie passend zur derzeitigen Situation, denn auch sie werden durch Mauern voneinander getrennt. Und Sack muss zwischen den Räumen hin und her wechseln und mit seinen Schülern alles doppelt erarbeiten. „Klar nervt das“, sagt er und verflucht auch das Lüften, das alle 20 Minuten ansteht, und für eisige Kälte im Raum sorgt – aber es sei eben beides sehr sinnvoll.

Nur Gruppenarbeiten sind natürlich derzeit nicht wirklich möglich - was Sack extrem schade findet, da er diese Arbeitsweise für sehr effektiv hält, weil die Schüler sich gegenseitig helfen und gemeinsam Themen erarbeiten. Wechselt der Lehrer in den anderen Raum, müssen die Schüler selbstständig arbeiten - und dann am Ende, sozusagen als Ersatz für das Arbeiten in Gruppen, ihre Ergebnisse zusammentragen.

„Es ist zum Kotzen“, lautet das knallharte Urteil von Schülerin Beyza Koc. Vor den Weihnachtsferien seien jede Menge Fächer gar nicht unterrichtet worden, viele Themen ließen sich kaum noch aufarbeiten – und zu allem Überfluss fiel dann auch noch die Kursfahrt der Pandemie zum Opfer. Doch herausgestellt sei dabei insbesondere, dass die Kritik der jungen Frau nicht in Richtung der Lehrer geht, denn die würden versuchen, das Beste herauszuholen. Sie kritisiert ebenso wie Mitschüler Julian das Land, das nicht für einheitliche Strukturen sorge. „Man fühlt sich von der Politik alleingelassen“, kommentiert Julian. Die beiden haben den Eindruck gewonnen, die Regierung wolle das Schuljahr schnell und irgendwie durchziehen – ohne sich intensiv Gedanken zu machen, wie sich Unterricht auch in Pandemiezeiten gut gestalten lasse.

Sebastian Sack ist derweil stolz, wie gut sich die Schüler schlagen würden: „Sie sind sehr kameradschaftlich und empathisch – und helfen einander viel. Das klappt sehr gut“, lobt er – bedauert aber dennoch, dass gleichzeitig viel Menschlichkeit auf der Strecke bleibe. Gerade ein Tutorium lebe vom Zusammenhalt und gemeinsamen Aktionen, die zusammenschweißen und auf die erste große Prüfung im Leben vorbereiten. Davon kann gerade Fabienne Weitzel ein Liedchen singen, denn die chronisch kranke Schülerin bleibt quasi seit Beginn der Pandemie aus Sicherheitsgründen der Schule fern.

Sack und Kollegen versuchen sie, so gut es eben geht, mitzunehmen. Die junge Frau wird per Video live zugeschaltet. Einfach sei es nicht, dem Unterricht auf diese Art und Weise zu folgen, berichtet sie: „Die Lehrer verstehe ich gut, meine Mitschüler, die weiter entfernt vom Mikrofon sitzen, zumeist nicht.“ Hinzu kämen immer wieder auftretende Übertragungsprobleme, sagt sie und betont, dass ihr eins besonders fehle: der zwischenmenschliche Kontakt und der Austausch mit ihren Mitschülern.

Nicht überall an den Schulen gibt es funktionierendes Internet, was mobiles Unterrichten schwieriger macht. In einem Raum, der in einem auf der Abrissliste stehenden Gebäude steht, sei das verständlich, kommentiert Sack. In anderen Räumen gelte es, möglichst schnell Abhilfe zu schaffen – aber damit setze sich der Landkreis auseinander und versuche, Stück für Stück bessere Voraussetzungen zu schaffen.

Dass dies nicht von einem auf den nächsten Tag möglich sei, könne er gut verstehen, sagt Sack. Unterrichtet er via Internet, macht er dies von zuhause.

Von Florian Lerchbacher