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Ostkreis So viele Störche wie noch nie
Landkreis Ostkreis So viele Störche wie noch nie
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16:58 11.07.2020
Quelle: Foto: Tobias Hirsch
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Marburg

Es ist wohl das Jahr mit dem höchsten Storchennachwuchs im Landkreis Marburg-Biedenkopf überhaupt. Davon geht Winfried Kräling nach den ihm bekannten Daten aus. Schon Anfang Juni war Kräling, der Storchenbeauftragte des Naturschutzverbandes Nabu, sehr optimistisch, was die Entwicklung der Weißstörche-Population angeht. Seinerzeit sprach er noch von 69 Jungtieren.

Jetzt, rund fünf Wochen später, zählt Storchenexperte Kräling kreisweit 87 junge Störche, so viele wie noch nie. Es sehe so aus, dass in Teilen Hessens mittlerweile mehr Störche lebten als

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in Mecklenburg-Vorpommern, der früheren Wahlheimat der überwiegenden Zahl der Tiere.

Dabei hat das Wetter der zurückliegenden Wochen auch vieles dazu beigetragen, dass die Zahl der Jungtiere im Landkreis so hoch ist. Denn: „Wir hatten keine schweren Stürme, die für Jungtiere, die noch nicht flügge sind, gefährlich werden können.“ Im vergangenen Jahr seien allein durch Stürme fünf Jungstörche ums Leben gekommen.

Der bisherige Durchschnittssommer hat den Störchen und ihrer Vermehrung also ganz offensichtlich gutgetan, das Nahrungsangebot ist anscheinend auch ausreichend. Ihm seien aus der Zeit bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges Aufzeichnungen bekannt, die von einigen wenigen Tieren im Ohmbecken berichteten, blickt Kräling auf die Historie. Nach langer Pause siedelte sich im Jahr 2007 erstmals wieder ein Weißstorchenpärchen im Landkreis an.

Die Jungstörche verteilen sich auf 36 Horste im Kreis, davon allein 24 Horste mit 42 Jungvögeln in der Radenhäuser Lache, ganz offenbar das „Eldorado“ für Weißstörche im Landkreis. Die Gesamtzahl der Jungstörche dürfte am Ende sogar noch höher liegen. Denn in den bisher genannten Zahlen sind vier Horste in der Radenhäuser Lache nicht enthalten. Diese Horste lägen verdeckt, es ließe sich nicht beobachten, wie viele Jungvögel dort lebten, erklärt Kräling. Auch wenn er sicher davon ausgeht, dass auch in diesen Horsten Nachwuchs großgezogen wird, will der Nabu-Beauftragte nicht spekulieren, sondern ausschließlich gesicherte Zahlen nennen.

Die Jungtiere, die Kräling und zahlreiche ehrenamtliche Unterstützer in diesen Wochen beobachten, entwickeln sich gut. Einige der Tiere sind bereits flügge und verlassen das Nest, um selbstständig nach Futter zu suchen. Andere, Jungtiere von Storchenpaaren, die spät gebrütet haben, stecken mitten in ihren ersten Flugversuchen. In Kleinseelheim hat Kräling kürzlich gleich zwei junge Störche beim Auffliegen beobachtet und fotografiert. „Dass es gleich mehrere Tiere auf einmal waren, die ihre Flugversuche machten, ist schon eine Seltenheit“, freut er sich.

Wie geht es jetzt mit den heimischen Störchen in den nächsten Wochen weiter? Die Jungtiere, die bereits flügge sind, sind schon selbstständig unterwegs und kehren laut Kräling auch nur noch selten an die elterlichen Horste zurück. Die Tiere, die gerade das Fliegen erlernen, werden hingegen noch von ihren Eltern mitgefüttert. Mitte August beginnen die Jungstörche damit, in Richtung Süden zu ziehen. Die älteren Störche bleiben hingegen noch bis etwa September. Und es gibt inzwischen auch Tiere, die in der Region oder zumindest in Hessen bleiben oder zumindest nicht bis Nordafrika ziehen. Im vergangenen Winter sind sieben Störche im Raum Groß-Gerau beobachtet worden. Ein Tier ist nur bis Spanien geflogen (die OP berichtete). Die heimischen Störche seien überwiegend „Westzieher“, die Nordafrika zum Ziel haben. Sie fliegen über die Sahelzone. Die „Ostzieher“ fliegen über den Libanon, was für sie zu einer Gefahr wird. „Denn dort wird Jagd auf sie gemacht“, bedauert Kräling und verweist auf einschlägige Videos im Internet. „Das sind schlimme Bilder“, gruselt es den Experten aus Schröck.

Im heimischen Landkreis dürfen sich die Störche auch in Zukunft sicher und gut aufgenommen fühlen. „Sie sind einfach Sympathieträger“, unterstreicht Kräling. Schon Anfang Juni hatte Kräling Befürchtungen zerstreut, dass es angesichts der Entwicklung der Geburtenzahlen bei den Störchen zu einer Überpopulation in der Radenhäuser Lache kommen könnte. Die Tiere orientierten sich bei der Wahl ihrer Nistplätze auch an der Menge des vorhandenen Futters, hatte der Experte betont.

Von Michael Rinde

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