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Ostkreis „Pustegerät“ gibt Hoffnung in der Pandemie
Landkreis Ostkreis „Pustegerät“ gibt Hoffnung in der Pandemie
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08:30 05.11.2020
Dr. Gerhard Scheuch ist weltweit einer der führenden Aerosol-Experten. Er entwickelt ein Gerät, das Corona-Superspreader erkennt. Nach einer Minute Pusten weiß man, ob man infektiös ist. Quelle: Fotos: Nadine Weigel
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Gemünden

Denn Dr. Gerhard Scheuch entwickelt gerade ein Gerät, das im Optimalfall zur weltweiten Pandemie-Bekämpfung beitragen könnte. Scheuch, der in Halsdorf lebt und aus Gemünden stammt, ist einer der weltweit führenden Aerosol-Experten. Der 64-Jährige erforscht die winzigen Teilchen, die maßgeblich an der Verbreitung des Corona-Virus beteiligt sind. Bereits im Frühjahr, zum Beginn der Pandemie, war ihm klar, dass die Übertragung von Sars-Cov-2 über Aerosole – also durch Schwebeteilchen in der Luft – stattfinden muss.

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„Lange Zeit stand auf der Homepage des Robert-Koch-Institutes eine falsche Definition von Aerosolen, das konnte ich so nicht stehen lassen und habe denen eine böse Mail geschrieben “, erklärt Scheuch augenzwinkernd.

Seit dieser Mail hat sich einiges getan. Mittlerweile steht der Biophysiker in regem Austausch mit Professor Lothar Wieler, dem Leiter des Robert-Koch-Institutes.

Scheuch, der seit einem Sturz von einem Kirschbaum vor zwei Jahren im Rollstuhl sitzt, sprüht nur so vor Energie. Selbst der Schicksalsschlag der Querschnittslähmung kann den eifrigen Forscher in seinem Tatendrang nicht bremsen. Vielleicht liegt es daran, dass sein Spezialgebiet, diese kleine Nische der Aerosolphysik, plötzlich die ganze Welt aus den Fugen hebt.

Der 64-Jährige hat in München und den USA geforscht, war Präsident der internationalen Gesellschaft für Aerosole in der Medizin. Bereits in den 80er-Jahren hat er mit seinen Kollegen herausgefunden, dass der Mensch selbst Aerosole in der Lunge produziert. Und genau diese Erkenntnis könnte nun bahnbrechend im Umgang mit der Pandemie sein. Denn mittlerweile scheint auch bewiesen, dass ein infektiöser Mensch mehr Aerosole ausscheidet als ein gesunder.

Superspreader stecken

sehr viele Menschen an

„Wir wissen heute, dass rund 75 Prozent der Infizierten so gut wie niemanden anstecken“, erklärt Scheuch. Allerdings steckten ein bis zehn Prozent der Infizierten rund 80 Prozent der Menschen an.

Genau diese gefährlichen Superspreader will Scheuch mit seinem Gerät aufspüren. Der Apparat, der aussieht wie eine Mikrowelle mit Schläuchen, misst die Aerosol-Konzentration in der Ausatemluft. Sind die Aerosol-Teilchen außergewöhnlich zahlreich, kann man davon ausgehen, dass der Proband infektiös ist. Sprich – in die vielen Aerosol-Teilchen können sich dann eben auch viele Viren anheften. Egal, ob das Corona- oder Influenza-Viren sind. Das Hightech-Pustegerät aus dem Wohratal zeigt an, wenn die eigene Ausatemluft für andere gefährlich sein könnte.

Anzeichen, dass dies wirklich funktioniert, kommen aus seinem eigenen Unternehmen. Seine MitarbeiterInnen von „GS Bio-Inhalation“ pusten regelmäßig in das Gerät. Eines Tages habe eine der Kolleginnen festgestellt, dass sie plötzlich die hundertfache Menge an Aerosolen ausatmete wie gewöhnlich. „Sie hat sich noch fit gefühlt, aber wir haben sie heimgeschickt. Am nächsten Tag war sie richtig krank“, erinnert sich Scheuch. Wäre sie weiter an der Arbeit geblieben, weil sie sich ja gesund gefühlt hatte, hätte sie viele Menschen anstecken können. Ihr Corona-Test war negativ, Ursache war ein „normaler“ Virus-Infekt. Aber hätte sie das Virus in sich gehabt, wäre sie ebenfalls zum „Superspreader“ geworden. Einen ganz ähnlichen Fall hatte Scheuch auch schon während seiner Arbeit in Frankfurt entdeckt, wo ebenfalls ein Kollege, einen Tag ehe er erkrankte, zum „Superspreader“ geworden war.

Apparat soll warnen,

wenn jemand infektiös ist

Laut Scheuch beweise dies auch, dass Fiebermessen bei Passagieren an Flughäfen, um so zu kontrollieren, ob sie eventuell an Covid-19 erkrankt und somit ansteckend sind, „Quatsch“ sei. „Die Leute sind hochinfektiös, bevor sie überhaupt krank sind. Das ist das Teuflische daran“, bringt Scheuch die Gefährlichkeit des Coronavirus’ auf den Punkt.

Spahn und RKI

zeigen Interesse an Idee

Seine Hoffnung: Mit dem Gerät rechtzeitig festzustellen, dass jemand infektiös ist, um dann eingreifen zu können, bevor andere Menschen angesteckt werden. Sein Traum: Das Gerät als Eingangskontrolle zum Beispiel vor Altersheimen oder Krankenhäusern. „Jeder Besucher muss drei Mal pusten und schauen, ob er infektiös ist. Falls er viele Partikel ausstößt – kann er nicht rein. So schützt man die Risiko-Gruppen.“

Acht seiner hochkomplexen „Pustegeräte“ sind momentan in ganz Deutschland im Einsatz. Unter anderem am Stuttgarter Flughafen und in zwei Kliniken. Vergangene Woche testeten Scheuch und sein Team rund 150 Studierende an der Uni Marburg. Auch Professor Lothar Wieler vom RKI sowie Gesundheitsminister Jens Spahn haben großes Interesse an der weiteren Entwicklung der Apparatur.

Gemeinsam mit den Virus-Experten vom RKI soll eine Messstrategie entwickelt werden, um herauszufinden, wo das Gerät am effektivsten eingesetzt werden kann. So sollen die bisherigen vielversprechenden Testergebnisse validiert werden. „Als Physiker bin ich ja immer erst einmal skeptisch“, sagt Scheuch lächelnd. Er würde sich wünschen, das Gerät auch bei einer älteren Zielgruppe, also z. B. im Altersheim, testen zu können. Seine Vermutung: Ältere Menschen stoßen mehr Aerosolteilchen aus als Jüngere. Das gilt es zu überprüfen.

Nicht nur dem bodenständigen Gemündener Aerosolexperten wäre ein Erfolg seiner Erfindung zu wünschen. Im Optimalfall revolutioniert das Wohrataler Hightechgerät die Corona-Teststrategie – und leistet so einen maßgeblichen Beitrag zur Pandemie-Bekämpfung.

Tipps vom Experten

Was sind Aerosole?
„Ein Aerosol ist ein Gemisch aus Luft und irgendwelchen Teilchen in der Luft“, erklärt Aerosol-Experte Dr. Gerhard Scheuch. Der Mensch selbst produziert beim Ausatmen Aerosole in der Lunge. Sie entstehen schon beim Atmen und beim Sprechen, insbesondere aber beim Schreien und Singen. Das Corona-Virus heftet sich an die nur einige Zehntel Mikrometer großen Schwebeteilchen an und kann sich so weiterverbreiten. Diese Teilchen können in einem geschlossenen Raum stundenlang in der Luft verbleiben.

Hilft Lüften?
Ja. „Luftaustausch ist dringend notwendig“, sagt Scheuch und betont: „Corona ist ein Innenraum-Problem. Man steckt sich zu 99 Prozent in Innenräumen an.“ Deswegen sollte man so oft wie möglich die Fenster aufmachen und einen Luftaustausch forcieren sowie sich so oft wie möglich im Freien aufhalten.

Sind Luftreiniger sinnvoll?
Ja, betont Scheuch. Er hat in seinem Labor die gängigsten im Handel erhältlichen Luftreiniger mit Hepa-Filtern selbst getestet und kommt zu dem Schluss, dass „schon recht günstige Luftreiniger die Aerosol-Belastung in einem Raum deutlich senken können.“ Deshalb hat der begeisterte Sänger des MGV Langendorf auch dafür gesorgt, dass in der Dorfscheune einige Luftfilter aufgestellt wurden.

Wo ist es am ungefährlichsten?
Draußen! „Wir wissen, dass maximal 1 Prozent der Ansteckungen im Freien passieren, deshalb würde ich jedem raten, sich so oft es geht im Freien aufzuhalten“, betont Scheuch.

Wie kann ich mich noch schützen?
Durch Abstand, Masken und Händewaschen. Auch wenn eine Alltagsmaske nur wenige Aerosolteilchen abhalte, sei in Innenräumen und geringem Abstand „jede Maske besser als nix“, so Scheuch. Denn durch Mund-Nasen-Bedeckungen werden größere Tröpfchen abgehalten, die in der trockenen Umgebungsluft schrumpfen und zu Aerosolteilchen werden können.

Von Nadine Weigel