Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Drei Angeklagte, drei Versionen
Landkreis Ostkreis Drei Angeklagte, drei Versionen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:04 15.06.2020
Blick auf den See im Stadtallendorfer Heinz-Lang-Park. Hier kam es zu der gewaltsamen Auseinandersetzung, die nun als versuchter Totschlag vor Gericht verhandelt wird. Quelle: Thorsten Richter
Anzeige
Marburg

Nach sechs Aussagen wurden die gegen zwei der drei Angeklagten vorliegenden Haftbefehle wegen versuchten Totschlags aufgehoben. Ein dringender Tatverdacht liege nicht mehr vor, erklärte Staatsanwalt Timo Ide – was auch Anwälte und Richter so sahen. 

Der Vorwurf lautet, dass sie im Oktober des vergangenen Jahres im Heinz-Lang-Park in Stadtallendorf drei andere Männer mit einem gefährlichen Werkzeug verletzt haben sollen. Dabei soll einer von ihnen ein Messer mit sich geführt und damit auch zugestochen und zwei seiner Gegenüber verletzt haben, einen schwer am Hals. Auslöser sei eine verbale Auseinandersetzung gewesen, sagte Staatsanwalt Timo Ide. Er erklärte, einer der Angeklagten sei mit zwei Frauen durch den Park gegangen, als einer der Zeugen die beiden Frauen angesprochen und letztendlich sowohl sie als auch den Mann beleidigt habe.

Anzeige

Anschließend folgten die Aussagen der drei Angeklagten und der drei als Zeugen auftretenden, mutmaßlichen Opfer – die allesamt ihre eigenen Versionen des Hergangs schilderten. „Keiner hatte den Durchblick“, sagte dabei einer der Zeugen – eine Aussage, die angesichts von drei angeklagten Brüdern, fünf Verteidigern und drei Dolmetschern, die für die Angeklagten und die Zeugen übersetzten, auch so manchen Zuschauern durch den Kopf gegangen sein dürfte.

Jüngster Bruder kam aus der U-Haft ins Landgericht

Der jüngste der Brüder, der direkt aus der Untersuchungshaft in Wiesbaden ins Landgericht kam, berichtete, einer der Zeugen sei angetrunken gewesen, habe die Frauen und ihn im Park angesprochen und ihnen Angst gemacht. Er habe die Frauen als Schlampen und Huren und ihn als Mädchen bezeichnet. Dann habe der Mann ihn sogar angegriffen und mit seinen Freunden verfolgt. Er sei daraufhin nach Hause geflohen und habe seine Brüder kontaktiert, um mit ihnen gemeinsam mit den Männern im Park zu sprechen. Diese hätten jedoch nicht reden wollen, sondern sie angegriffen.

Einer habe ein Fahrradschloss geschwungen, ein anderer ein Messer gezückt. Er habe sich ebenso wie seine Brüder verteidigt, dem Mann das Messer weggenommen, aus Angst zugestochen und das Messer dann in den Teich geworfen. Die Zeugen hätten sich noch einmal aufgebäumt, aber sie seien weggelaufen.

Auch sein Bruder bezeichnete die Zeugen als die Aggressoren und erklärte, sie hätten nur mit ihnen reden wollen, sich aber dann verteidigen müssen. Von einem Messer oder einem anderen gefährlichen Werkzeug wollte er nichts wissen und auch Blut habe er keines gesehen. Ähnlich klang die Version des ältesten der Brüder, der aber nicht aussagte, sondern seinen Anwalt für sich sprechen ließ.

Danach folgten die Aussagen der mutmaßlichen Opfer, die ein ganz anderes Bild zeichneten. Der jüngste Mann berichtete, sie hätten zu dritt im Park gesessen und Wodka (Menge und Sorte variierten) getrunken. Einer seiner Freunde habe dann mit einem der vorbeilaufenden Mädchen reden wollen, was dem Hauptangeklagten nicht gepasst habe, und es sei zum Streit gekommen, in dem auch das Wort „Schwuchtel“ in Richtung des Mannes gefallen sei. Anschließend seien er und seine Freunde zu einer Tankstelle gegangen – wobei erwähnter Freund sehr aufgebracht gewesen sei. Als dann die drei Angeklagten später in den Park kamen, habe er schon gewusst, dass es Ärger gibt. Sie seien auf seinen Freund zugegangen und hätten ihn geschlagen. Dann sei einer auf ihn zugekommen, habe sich weder davon abhalten lasse, dass er sagte, nichts mit der Sache zu tun zu haben, noch davon, dass er sich mit seinem Schloss verteidigen wollte.

Opfer will vom Streit nichts mitbekommen haben

Insgesamt sei die Situation sehr durcheinander gewesen. Er sagte, bei dem Angriff seien auch Gegenstände zum Einsatz gekommen, die aussahen „wie ein Messer und ein Schlagstock“. Die Aussage des Zeugen, der mit einer Stichwunde am Hals ins Krankenhaus kam, ist schnell zusammengefasst: Er habe nichts von einem Streit mitbekommen. Irgendwann sei aber sein Freund angegriffen worden, er habe dazwischen gehen wollen, einen Schlag kassiert und sei erst am nächsten Tag schwer verletzt im Krankenhaus aufgewacht.

Als letztes sagte der Mann aus, der mit den Frauen hatte reden wollen. Der Angeklagte habe wohl gedacht, er sei betrunken – so sei es zum Streit gekommen. Er sei dann zurück zu seinen Freunden gegangen, sei aber nicht aufgebracht gewesen. Und Schimpfworte habe er auch nicht benutzt, schließlich sei er verheiratet und Vater dreier Kinder. Über die Attacke der Angeklagten berichtete er nur, dass er plötzlich Füße vor sich gesehen und einen Schlag kassiert habe – und dann im Krankenhaus wieder aufgewacht sei. Am Donnerstag um 9 Uhr wird die Verhandlung wegen versuchten Totschlags in Saal 101 des Landgerichts fortgesetzt.

von Florian Lerchbacher

15.06.2020
14.06.2020
14.06.2020