Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Protestierer verzögern Fällarbeiten
Landkreis Ostkreis Protestierer verzögern Fällarbeiten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:29 22.10.2020
Die Demonstranten führten während ihres „Trauermarschs“ sogar einen Sarg mit. Quelle: Florian Lerchbacher
Anzeige
Niederklein

Ein skurriles Bild bot sich gestern den Bewohnern Niederkleins: Ein vom BUND organisierter „Trauermarsch“ von Lehrbach in den Stadtallendorfer Stadtteil endete an der zentralen großen Kreuzung der Landesstraße 3290 und der Bundesstraße 62 – symbolisch führten die Teilnehmer einen Sarg mit sich mit der Aufforderung „Keine A 49“. Dipl. Biologe Dr. Wolfgang Dennhöfer vom BUND Vogelsberg betonte, die Demonstrierenden würden den Sarg bewusst nicht in Niederklein vergraben, sondern ihn wieder mit zurücknehmen. Das sei als Zeichen an Politiker zu sehen, dass auch nach einem langen Weg ein Umkehren möglich sei.

Die offizielle Demonstration endete in Niederklein. Ein Teil der Demonstranten machte sich als „Spontanversammlung“ auf zum von den A-49-Gegnern sogenannten „Jesus Point“ zwischen dem Dorf und Stadtallendorf – in dessen Nähe derzeit die Fällarbeiten für den Autobahn-Weiterbau stattfinden. Die Landesstraße war aufgrund der Arbeiten gestern von morgens bis abends gesperrt, wegen der Demonstration war außerdem die Verbindung Niederklein – Lehrbach (B 62) mehrere Stunden lang dicht. Außerdem wurde auf der Bundesstraße in der entgegengesetzten Richtung (also nach Kirchhain) die Asphaltschicht erneuert, sodass auf einem Teilstück kein Begegnungsverkehr möglich war und eine Regelung über eine mobile Ampelanlage nötig war. Ganz zu schweigen davon, dass auf der B 454 Richtung Stadtallendorf dann noch Pflegearbeiten stattfanden, was eine weitere Verlangsamung des Verkehrs bedeutete.

Anzeige

Anwohner reagieren genervt

Zwei Anwohner der B 62, an denen die Demonstranten direkt vorbeizogen, waren entsprechend genervt – insbesondere von Auto- und Lastwagenfahrern, die alle Schilder ignorierten, die auf die Sperrung hinwiesen, und dann direkt vor den Haustüren drehen mussten. „Das ist schlecht organisiert“, kritisierte die Frau. „Das ist doch kein Zustand“, ärgerte sich ihr Nachbar und monierte auch noch, dass auf Waldwegen und anderen Strecken, die Fahrradfahrer nutzten, Blockaden der Waldbesetzer lägen. Er respektiere Proteste: „Aber hier wird der Bevölkerung auf dem Kopf herumgetanzt. Das geht nicht.“ Ähnlich sieht das seine Nachbarin: „Ich freue mich auch nicht auf die Autobahn, denn wir werden bestimmt etwas von dem Verkehrslärm abbekommen. Aber sie wurde beschlossen – und das müssen wir nun akzeptieren.“

Menschenketten doch erlaubt

Unterdessen hat gestern der hessische Verwaltungsgerichtshof in Kassel entschieden, dass auch auf den A-49-Trassen in Dannenrod und Maulbach Menschenketten und Versammlungen für die Dauer von bis zu einer Stunde vor Beginn von Baumfällarbeiten erlaubt sind. Das Regierungspräsidium in Gießen hatte die ursprünglich für gestern und für den 29. Oktober geplanten Menschenketten zunächst verboten. Das Gießener Verwaltungsgericht hatte dieses Verbot in erster Instanz im wesentlichen bestätigt und die Sicherheitsbedenken der Behörde bestätigt. Das sieht der Verwaltungsgerichtshof differenzierter. Die Verzögerung von einer Stunde einmal in der Woche sei den bauausführenden Firmen durchaus zumutbar, so die 2. Kammer. Allerdings gilt ein Sicherheitsabstand von 120 Metern zu gerodeten Flächen, unterstreicht Hessens oberstes Verwaltungsgericht in seinem Beschluss.

Die von der Projektgesellschaft Deges beauftragten Forstunternehmen setzten gestern ihre Baumfällarbeiten im Gebiet zwischen der geplanten Anschlussstelle Stadtallendorf-Süd und der Joßklein fort. Im Ergebnis wurde etwa ein Hektar Bäume gefällt. Der Beginn der Arbeiten hatte sich verzögert, da die eingesetzten Polizeikräfte zunächst zahlreiche Protestierer aus den Bäumen holen mussten. Die eigentlichen Fällarbeiten hätten erst am späten Nachmittag beginnen können, erklärte ein Sprecher des Presseteams der Polizei auf OP-Anfrage. Ein Polizeibeamter wurde gestern leicht verletzt. Eine Person, die vorher von Höhenrettern aus einem Baum geholt worden war, habe dem Beamten ins Gesicht getreten, berichtet die Polizei. Sie habe auch beim Weitertransport Widerstand geleistet. Außerdem berichtete die Polizei erneut von gefundenen „Krähenfüßen“, die Autoreifen durchdringen und beschädigen.

Von Florian Lerchbacher und Michael Rinde

Ostkreis Corona - Ausladung
22.10.2020