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Ostkreis Ein zweites Camp verschwindet
Landkreis Ostkreis Ein zweites Camp verschwindet
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19:58 13.10.2020
Polizeibeamte und spezielle Höhenretter räumten das jüngste Baumhaus-Camp im Herrenwald. Quelle: Michael Rinde
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Stadtallendorf

Die Polizei ging gestern schon früh zu Werke. Gegen 7.40 Uhr gab es die ersten Twitter-Meldungen, dass Beamte das noch junge Baumhaus-Camp im Herrenwald, das Camp „Neuerdings“, wie es die Waldbesetzer getauft hatten, umstellten. Camp „Neuerdings“ lag südlich der B 454 und bestand aus mehreren Plattformen, einer großen Barrikade und zahlreichen „Bewohnern“ am Boden und in luftiger Höhe.

Wiederum waren einzelne Waldbesetzer mehr als 20 Meter hoch in Bäume geklettert. „Teilweise ist das schon lebensgefährlich“, sagte Polizeisprecher Volker Wegmann gegenüber der OP.

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Mehr als 40 Bewohner hatte die Polizei bei Beginn im Camp „Neuerdings“ gezählt. Wieder waren vor allem die Experten der Höhenrettungsteams der Spezialeinsatzkommandos gefordert. Camp „Neuerdings“ war erst wenige Tage alt und deshalb bei Weitem nicht so ausgebaut wie manches Baumhaus im Dannenröder Forst, das sogar über Solardächer zur Stromerzeugung verfügt.

Die Campbewohner am Boden stellten für die Polizei gestern kein größeres Problem dar. Sie ließen sich wegtragen. Vorher hatten alle die von der Polizei ausgesprochene Aufforderung, das Feld freiwillig zu räumen, ignoriert. An jeder Plattform versuchten es Beamte erneut. Sie erinnerten an die Allgemeinverfügung des Landkreises, die den Bau solcher Plattformen im Herrenwald untersagt. Hinzu kommt die Allgemeinverfügung des örtlichen Forstamtes, die das Betreten von Rodungsflächen und den Sicherheitsabstand regelt. Bei Baumfällungen mit Harvestern gilt ein Abstand von 90 Metern, weil stets die Gefahr besteht, dass eine Kette am Fahrzeug reißen und durch die Luft fliegen könnte.

„Eigentlich ist es immer dasselbe“

Zwei Hebebühnen wechselten mehrfach ihre Position, um die Spezialisten der Polizei an die Baumbesetzer zu bringen. Teilweise seilten sich Beamte dann selbst wieder zum Boden ab, nachdem sie Plattformbewohner sicher in den Korb der Hebebühne gebracht hatten. Für die Polizei ein großer Aufwand. „Eigentlich ist es immer dasselbe, die Demonstranten sitzen im Baum und wir holen sie wieder herunter“, kommentiert ein Beamter, der schon bei mehreren Einsatztagen dabei war, im Maulbacher Wald wie auch im Herrenwald. Am Montag hatten Demonstranten die Sicherheitsabsperrungen durchbrochen und waren auf vergleichsweise kleine Bäume geklettert. Auch sie mussten von Polizisten des Höheninterventionsteams wieder sicher auf den Boden gebracht werden. Sehr viele der Waldbesetzer mussten anschließend von Beamten aus dem Wald herausgetragen werden.

Beim Camp „Neuerdings“ gab es während des Morgens auch Begleitmusik von außen. Mehrere Demonstranten jenseits der Sicherheitsabsperrungen trommelten unentwegt und mit großer Kondition. Am Mittag vermeldete die Polizei die komplette Räumung, damit hatte im Herrenwald auch das Camp „Neuerdings“ aufgehört zu existieren. Die Polizei sprach am Nachmittag von insgesamt 48 Platzverweisen in den zurückliegenden Stunden im Herrenwald. Am 1. und 2. Oktober hatten Beamte bereits das im September errichtete Baumhaus-Camp im Herrenwald nördlich der Bundesstraße 454 geräumt.

Zwei Sperrungen, massive Probleme

Neu war gestern, dass die Polizei die Bundesstraße 454 aus und in Richtung Neustadt sperrte und zugleich auch die Kreisstraße 12 wie erwartet in beiden Fahrtrichtungen dicht war. Das führte zwangsläufig zu erheblichen Verkehrsproblemen im Stadtgebiet, insbesondere während der Schichtwechsel von großen Industrieunternehmen im Stadtgebiet. Ein Polizeisprecher verteidigte die Straßensperrungen auf Nachfrage der OP: Sie seien wegen der Baumfällarbeiten in der Nähe der Fahrbahnen notwendig. „Sicherheit muss vorgehen“, so der Sprecher am Telefon.

Unterdessen blockierten Aktivisten am Dienstag die Autobahn 3 bei Idstein. Mehrere Personen hielten sich dort einem Polizeisprecher zufolge im Brückenbereich auf und seilten sich zur Mittelleitplanke ab. Die Blockade stehe in Bezug zum Protest gegen die Rodung, hieß es. Die Autobahn wurde in beide Richtungen voll gesperrt, der Verkehr geriet ins Stocken. Am Ende des Staus kam es in Richtung Köln zu einem Auffahrunfall mit einem Auto und einem Lastwagen - ein Mensch wurde dabei schwer verletzt. Die Polizei Mittelhessen setzte zu dem Unfall unter anderem auch einen Tweet ab, in dem aufgelistet wurde, was sich alles auf der A3 abspielte.

In einer Mitteilung der Initiative „Wald statt Asphalt“ hieß es mit Blick auf den Unfall: „Es ist schrecklich, dass es zu dieser Tragödie gekommen ist.“ Sie störte sich daran, dass die Polizei dies in Zusammenhang mit der Abseilblockade gebracht habe, „während Auffahrunfälle bei Autobahnstaus ansonsten als trauriger Alltag akzeptiert“ würden.

Von Michael Rinde und unserer Agentur