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Ostkreis Praktikumsprobleme durch Absagen-Flut
Landkreis Ostkreis Praktikumsprobleme durch Absagen-Flut
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18:58 24.05.2021
Bisher haben nur 9 von 25 Schülern, die eigentlich den Kurs besuchen, einen Praktikumsplatz.
Bisher haben nur 9 von 25 Schülern, die eigentlich den Kurs besuchen, einen Praktikumsplatz. Quelle: Foto: Florian Lerchbacher
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Kirchhain

Anfang Juli müssten die Schülerinnen und Schüler des Powi-Kurses der Jahrgangsstufe zwölf an der Alfred-Wegener-Schule ein Praktikum absolvieren. Doch bislang haben erst 9 der 25 Teenager im Alter zwischen 17 und 19 Jahren die Zusage für einen Platz. Aber nicht etwa, weil sie keine Lust haben, sich zu bewerben, oder weil das Talent fehlt: Nein, es gibt Absagen, in denen die Corona-Pandemie als Grund angegeben wird. Acht schriftliche und vier mündliche Absagen hat die traurige Spitzenreiterin des Kurses bereits kassiert. „Das ist total nervig und ernüchternd“, kommentiert ein Mitschüler – der nach einigen Absagen nun zwar einen Platz gefunden hat, aber eben nur einen „Notnagel“, den er über Beziehungen bekommen hat. Er bekommt nun einen Einblick ins Modedesign – hätte aber lieber an einer Grundschule, bei der Polizei oder in einem Labor sein Praktikum absolviert. „Aber ohne Connections geht halt fast nichts“, weiß er.

Wegweisend

Dabei sei gerade das Praktikum in der Jahrgangsstufe zwölf ein wegweisendes, betont Lehrer Jan-Gernot Wichert. Während es bei den Gymnasiasten in Klasse neun eher darum gehe, einen generellen Einblick in die Arbeitswelt zu bekommen, stecke drei Jahre später viel mehr dahinter. „Es geht um Reflexion: Wo liegen meine Talente, was kann, will ich, was kann ich mir vorstellen? Das Ziel ist, dass sie klarer sehen, wie es nach der Schule weitergehen könnte“, sagt der Koordinator für Studien- und Berufswahlorientierung am Gymnasium der AWS. Entsprechend beginne die Vorbereitung auch schon in Jahrgang elf mit einer speziellen wöchentlich stattfindenden Stunde, die der Berufsorientierung gewidmet ist. Den Schülern werde jede Menge Material zur Verfügung gestellt, um Interessen, Stärken und Schwächen abzuklappern, ein Eigen-, aber auch ein Fremdbild von den einzelnen Persönlichkeiten zu erstellen und am Ende die Ziele etwas klarer zu sehen. Schon die Praktikumsvorbereitung fiel nahezu komplett der Pandemie zum Opfer, denn eine solche Analyse von Menschen sei natürlich nur im direkten, persönlichen Kontakt durch Interaktion vernünftig möglich, betont Wichert. Und nun hagelt es eben auch noch Rückschläge bei den Bewerbungen. „Firmen teilen immer wieder mit, dass Corona unberechenbar und das Risiko ihnen zu groß ist“, sagt auch Nikola Schouler, die an der AWS insgesamt für die Berufsorientierung zuständig ist: „Dabei muss man sich bei Schülern kaum Gedanken machen, denn auch sie achten auf die Vorschriften und sind noch dazu regelmäßig durchgetestet.“ In den vergangenen Wochen seien bei den zahlreichen Tests lediglich vier positiv ausgefallen – und noch dazu würden jetzt die Zahlen insgesamt sinken. Überall werde Nachwuchs gesucht, betont Wichert. Und Schouler wirft ein: „Wenn man der Jugend Perspektiven geben möchte, darf man das nicht auf die lange Bank schieben.“

Besonders kurios sei, dass das Kultusministerium Hessens nach einer kurzen Phase, in denen es von Praktika abriet, sich nun wieder für sie ausspreche – die Polizei aber ihre Zusage für einen Praktikumsplatz bei einem Schüler mit Verweis auf die Pandemie jüngst zurückgezogen habe. Ihm sei ein „Ersatz“ für „die Zeit nach Corona“ angeboten worden, erklärt dieser, während Wichert hinzufügt: „Die meisten Online-Angebote wie virtuelle Rundgänge durch Firmen sind aber einfach kein Ersatz für ein Praktikum vor Ort.“ Schouler liegen in diesem Zusammenhang vor allem die Schülerinnen und Schüler der sogenannten Praxisklassen am Herzen, die in den Jahrgangsstufen acht und neun insgesamt vier Blockpraktika durchlaufen und parallel zur Schule einen Tag wöchentlich in Betrieben tätig sind. „Viele gehen aus den Praxisklassen direkt in ein Ausbildungsverhältnis über. Daher ist es gerade für sie wichtig, dass sie in Berufe reinschnuppern und sich und ihre Talente in Firmen zeigen können“, stellt sie heraus.

Chancen auf Einblicke

Nun, da die Fallzahlen deutschlandweit zurückgehen, gesellt sich zu den coronabedingten Absagen noch ein weiterer Grund, warum Unternehmen Schülern im Juli keine Praktikumsplätze mehr zur Verfügung stellen: Immer wieder werde gesagt, dass Bewerbungen für diese Zeit viel zu spät kämen, bedauern die Schülerinnen und Schüler und wünschen sich entsprechend mehr Flexibilität und Offenheit. Sie hoffen, dass sich die Menschen einen Ruck geben, Ängste überwinden und ihnen Chancen geben auf Einblicke, zu schnuppern, zu testen und sich zu beweisen. Im Powi-Kurs des Jahrgangs zwölf ist der Bedarf groß. Gesucht werden vor allem Praktika bei Architekten, im medizinischen, sozialen und Bildungsbereich.

Von Florian Lerchbacher

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