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Ostkreis Überholen verboten
Landkreis Ostkreis Überholen verboten
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14:59 05.07.2020
In der Straße Pilgrimstein in Marburg fährt ein Autofahrer hinter einem Radfahrer her. Quelle: Thorsten Richter
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Emsdorf

Wenn sich Radfahrer Eckhard Wind an die Regeln hält, dann dürfte ihn kein Auto überholen – landwirtschaftliche Maschinen oder Lkw schon gar nicht. Aber sie tun es trotzdem.

Und dabei erlebte der begeisterte Radfahrer schon manch prekäre Situation. „Kürzlich hat mich der Sog eines LKW beim Überholen fast vom Rad geholt“, berichtet der Emsdorfer. „Weil er nicht genug Abstand halten konnte.“

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Denn laut Novelle der Straßenverkehrsordnung (StVO) müssen innerorts 1,50 Meter und außerorts zwei Meter Abstand beim Überholen von Radfahrern eingehalten werden. Das wird auf der Kreisstraße zwischen Emsdorf und Stadtallendorf schwierig.

Denn die StVO schreibt auch vor, dass der Radfahrer genügend Sicherheitsabstand zum Fahrbahnrand halten soll. Die Vorschrift, dass sie „äußerst rechts“ fahren sollen, gibt es schon seit Jahren nicht mehr. Und der Bundesgerichtshof hatte schon 1957 einen Abstand von 75 bis 80 Zentimetern als ausreichend genannt.

Fahrbahnbreite von 5,50 Meter nötig?

Das bedeutet also, dass der Radfahrer etwa 80 Zentimeter von der markierten weißen Linie auf der Straße fährt. Die durchschnittliche Lenkerbreite beträgt etwa 70 Zentimeter. Das überholende Fahrzeug muss zwei Meter Abstand halten, Autos sind zwischen 2 und 2,50 Meter breit. Das bedeutet, dass die Straße mindestens eine Breite von 5,50 Meter bräuchte, um alle Regeln zu befolgen. Die meisten Straßen sind aber nur knapp fünf Meter breit, die Kreisstraße zwischen Emsdorf und Stadtallendorf sogar nur 4,50 Meter.

Also entweder muss der Radfahrer anhalten und in den Straßengraben gehen, damit das Auto überholen kann oder das Auto fährt an den äußersten linken Rand und riskiert dort abzurutschen. Die sicherste Variante wäre, nicht zu überholen. Vor allem für die Pendler keine attraktive Alternative und auch nicht für den Schwerlast- oder landwirtschaftlichen Verkehr – oder gar für Busse.

Widerspruch zwischen Kreis und Club

Angesprochen auf diese Situation, schrieb der Landkreis: „Eine Regelung, dass Radfahrende außerhalb geschlossener Ortschaften eine Lenkerlänge Abstand zum markierten Fahrbahnrand halten sollen, gibt es in der StVO nicht.“

Wolfgang Schuch vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub schreibt hingegen: „Es gibt tatsächlich Anforderungen an Radfahrende, vom markierten Randstreifen eine Lenkerbreite Abstand zu halten, um in schwierigen Situationen eine Ausweichmöglichkeit zu haben. Genauer gesagt kann man als Fahrradfahrender eine Mitschuld bekommen, wenn man bei einem Unfall diese Ausweichmöglichkeit nicht gehabt hatte.“

Landkreis und Polizei: Keine Schilder nötig

Die Polizei appelliert: „Der Radfahrer hat keine ,Knautschzone’ und ein etwaiger Unfall ist fast immer mit einem Personenschaden verbunden. Aus diesem Grund sollte der Radler natürlich unbedingt an seine Sicherheit denken, nötigenfalls auf sein Recht verzichten und einer eventuellen Gefahr durch besonnenes, eigenes Verhalten aus dem Weg gehen. Festgestelltes Fehlverhalten des Fahrzeugführers kann der Radler selbstverständlich bei der Polizei direkt oder aber auch über die Online-Wache anzeigen.“

Wird es denn jetzt aufgrund der Novellierung mehr Schilder geben, die auf eine Überholverbot von Radfahrern hinweisen? „Nein“, sagen sowohl der Landkreis als auch die Polizei, die auf OP-Anfrage antwortete:

„Wo der notwendige Seitenabstand beim Überholen wegen der zur Verfügung stehenden Fahrbahnbreite nicht eingehalten werden kann, darf der Radfahrer nach den Vorschriften der Straßenverkehrsordnung auch nicht überholt werden. Das galt schon immer – die Neuerungen der StVO beinhalten die jetzt erforderlichen größeren Seitenabstände. Es bedarf also keines zusätzlichen Überholverbotes, keiner zusätzlichen Beschilderung, wo es aufgrund der örtlichen Gegebenheiten ohnehin bereits gesetzlich verboten ist, einen Radfahrer zu überholen.“

Vorfreude auf neuen Radweg

Gerade zum Schutz der „schwachen Verkehrsteilnehmer“ will die Polizei auch zukünftig sowohl stationäre als auch mobile Kontrollen durchführen und noch mehr Präventionsarbeit durch entsprechende Beiträge auf den eigenen Internetseiten leisten. „Selbstverständlich bezieht die Polizei bei diesen Kontrollen alle Örtlichkeiten mit ein, also auch die schmale Straße von Emsdorf nach Stadtallendorf“, so Polizei-Pressesprecher Martin Ahlich.

Das freut Eckhard Wind. Aber noch mehr freut er sich, dass es bald einen durchgängigen Radweg von Emsdorf nach Stadtallendorf geben wird. Das letzte Teilstück bis zum Wasserwerk soll laut Information des Landkreises noch in diesem Jahr gebaut werden (die OP berichtete), die Stadt Stadtallendorf beteiligt sich an den Kosten. Mit der Novellierung der StVO hat das aber nichts zu tun:

„Der Landkreis hatte 2018 in enger Abstimmung mit den Städten und Gemeinden einen Radverkehrsentwicklungsplan beschlossen, der nun von den jeweiligen Baulastträgern umgesetzt wird. Es sind zunächst alle planungsrechtlichen Schritte bis zur Schaffung des Baurechtes abzuarbeiten. Dies ließe sich nicht durch Änderungen in der StVO beschleunigen“, heißt es aus der Pressestelle.

Von Katja Peters

05.07.2020
03.07.2020