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Ostkreis Polizei räumt bisher größtes Baumhaus
Landkreis Ostkreis Polizei räumt bisher größtes Baumhaus
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20:08 19.11.2020
Polizisten stehen vor einem Baumhaus im Dannenröder Forst. Quelle: Foto: Tobias Hirsch
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Dannenrod

Vom Camp „Woanders“ war gestern vor allem noch ein großes, zentrales Baumhaus im Dannenröder Wald übrig. In unmittelbarer Nachbarschaft befand sich noch ein kleineres Gebilde. Das Baumhaus selbst war für die ausgebildeten Höhenretter der Polizei keine Herausforderung. Auch die Waldbesetzer in den nahegelegenen Bäumen ließen sich widerstandslos herunterholen.

Doch eine Frau auf einer Art Terrasse hatte ihre Arme in Autoreifen gesteckt. Die Reifen waren mit Beton und Fäkalien gefüllt, wie die Polizei berichtet. Ein sogenannter „Lock-On“. Offenbar war die Konstruktion kompliziert. Am Mittag begannen Spezialisten der Polizei Stück für Stück die Frau aus ihrer selbst gewählten Zwangslage zu holen. Doch bis sie sicher wieder am Boden war, dauerte es bis gegen 17 Uhr. „Je länger eine solche Aktion dauert, umso mehr ist die Gesundheit eines Menschen im Lock-On gefährdet“, erläutert Polizeisprecherin Sylvia Frech. Grundsätzlich seien bei einem solchen Lock-On Spezialisten und technisches Gerät nötig. Jede Situation sei anders. Ein Kollege von ihr ergänzt: „So etwas kann 30 Minuten dauern, aber leider auch 8 Stunden, was dann wirklich gefährlich für die Gliedmaßen werden kann.“

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Polizei nach Gewaltaufruf hochsensibilisiert

Für die Polizei ist es auch eine besondere Aufgabe, mit Menschen umzugehen, die einen Baum umklammern und sich die Hände mit Sekundenkleber verbunden haben. Oft helfe der Einsatz von Öl, sagt Sylvia Frech. Auch da gebe es verschiedene Techniken. Ignorieren darf die Polizei Situationen wie beispielsweise das Einbetonieren von Armen und Beinen nicht. „Es sind Menschen in dem Moment in Gefahr“, hebt ein Polizeisprecher gegenüber der OP hervor. Problematisch war es auch einen A-49-Gegner aus einer 30 Meter hohen Fichte zu holen, was vor Einbruch der Dunkelheit aber auch gelang.

Am Morgen, so berichtet es die Polizei, hatte es im nördlichen Teil des Dannenröder Waldes wieder einen Angriff mit Pyrotechnik auf Beamte gegeben. Es habe keine Verletzten gegeben, so Sylvia Frech.

Die Waldbesetzung ist aber nicht nur von jungen Menschen geprägt. Gestern am frühen Morgen holten Polizeibeamte beispielsweise einen der Veteranen des A-49-Widerstandes aus eben jenem großen Baumhaus im Süden des Dannenröder Waldes. Der gerade 80 Jahre alte Reinhard Forst ließ sich von zwei Polizeibeamten aus dem Wald begleiten. Er erhielt einen fünftägigen Platzverweis für den Wald. „Ich bin vortrefflich behandelt worden“, sagte Forst am Nachmittag gegenüber der OP. Was er da getan habe, sei sehr wenig in der Sache gewesen. Er habe sehen müssen, welches Risiko andere eingingen. Respekt für seinen gewaltlosen Widerstand zollte ihm die grüne Landtagsabgeordnete Katy Walther im Gespräch mit der OP.

Es gab auch anderen Protest. Die 66 Jahre alte Cornelia Osterherz aus Speyer hielt es stundenlang auf einem wackligen Ast in einigen Metern Höhe aus. „Es gibt auch Alte, die die Vorstellung der Jungen haben“, sagt sie im OP-Gespräch. Nein, Hoffnung darauf, dass sich die Fällarbeiten im Dannenröder Wald noch stoppen ließen, habe sie nicht mehr, räumt sie ein. Aufgeben will sie aber auch nicht.

Der anonyme Gewaltaufruf, der im Netz verbreitet wurde (die OP berichtete ausführlich), war auch gestern wieder Thema im Wald. Die Polizei prüfe strafrechtliche Ermittlungen deswegen, erklärte Sprecherin Sylvia Frech. Die Sorge der Polizei ist, dass sich tatsächlich Sympathisanten wegen solcher Aufrufe zu Gewalt animieren lassen könnten. „Wir waren vorher schon hochsensibilisiert. Eigensicherung hat für alle Beamten von uns Vorrang im Einsatz“, so Frech.

Gestern Nachmittag begannen auch Räumarbeiten am Camp mit Namen „Askaban“. Laut Polizeiangaben vom Abend wurde es geräumt.

Von Michael Rinde

Abgeordnete wehrt sich gegen Angriffe

Die Grünen-Landtagsabgeordnete Katy Walther ist parlamentarische Beobachterin im Dannenröder Wald. Sie sagt selbst, dass sie von Beginn ihres Einsatzes vor einem Jahr an einen politisch schweren Stand in Diskussionen im Wald gehabt habe. In einer Presseerklärung hatten die hessischen Grünen und Walther am Mittwoch alle Beteiligten zur Deeskalation aufgerufen und für eine Distanzierung von Gewaltbereiten geworben. Darauf gab es gestern eine Antwort im Internet aus Reihen der Waldbesetzung mit sehr scharfen Angriffen auf Walther persönlich. Sie selbst fasst diese Reaktion als eine Bedrohung auf und reagiert entsetzt.

Von einer „Hassschrift“ ist dort auf der Seite „Wald statt Asphalt“ die Rede. Walther will aber ihre Arbeit als Beobachterin weiter fortsetzen. Leider zeige die Reaktion auch die eingetretene Polarisierung. Sie habe großes Verständnis für Enttäuschung und Wut bei Waldbesetzern über die fortschreitenden Rodungen, warnt aber vor Gewalt.

Walther stellt auch das Verhalten infrage: „Ist es das wirklich wert, dass Menschen schwere Schäden in Kauf nehmen oder gar ihr Leben riskieren?“ Gemeint sind die Einbetonierung von Armen oder Beinen oder Kletteraktionen in extremen Höhen beispielsweise.