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Ostkreis Neue Hinweise nach Attacke auf Polizei
Landkreis Ostkreis Neue Hinweise nach Attacke auf Polizei
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21:50 07.12.2020
Schwerstarbeit auf den letzten Metern: Polizisten tragen drei Aktivisten, die ihre Arme in rote Metallrohre gesteckt und sich so miteinander verbunden haben, aus dem letzten verbliebenen Camp im Dannenröder Forst. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Dannenrod

Bereits um 6 Uhr trafen die ersten Beamten im Dorf ein, bewusst früh, um möglichst wenigen Waldbesetzern in den Bäumen und Baumhäusern gegenüberzustehen. Das erläuterte Polizeisprecherin Sylvia Frech. Augenzeugen hatten das anders berichtet, hatten davon gesprochen, dass die Polizei das Dorf regelrecht „gestürmt“ habe und gewaltsam gegen die Menschen im Camp vorgegangen sei. Über die sozialen Netzwerke kursierten Aussagen über einen von der Polizei verletzten Pressevertreter. Laut Sylvia Frech lagen bis zum Mittag darüber keine gesicherten Informationen vor, es gab auch keine Anzeige. Sie appellierte, dass sich der Betreffende an die Polizei wenden sollte, damit Ermittlungen eingeleitet werden könnten.

Es ist ein Kampf um die letzten Baumhäuser und die letzten etwa 80 Meter A-49-Trasse, die noch gerodet werden müssen. Etwa 100 Autobahngegner hielten sich nach Schätzungen der Polizei am Montagmorgen im Baumhausdorf auf: einzeln auf Bäumen oder Schaukeln sitzend, in den eigentlichen Baumhäusern oder unter Holzbarrikaden am Boden. Bei dem Dorf mit Namen „Oben“ handelt es sich um die Keimzelle für die Besetzung des Dannenröder Waldes. Dort entstanden vor mehr als einem Jahr die ersten drei Baumhäuser, am Anfang nicht mehr als Plattformen auf Astgabeln.

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Gestern hatte es die Polizei bei der Räumung vor allem mit Baumhäusern in über 20 Metern Höhe zu tun oder mit sehr vielen Menschen auf einzelnen Bäumen.

Nur noch der Kopf über der Erde

Zahlreiche Waldbesetzer machten ihre Räumung besonders schwer, indem sie sich einbetonieren oder festketten ließen. Die Polizei spricht in diesem Zusammenhang von „Lock-Ons“. In einem Fall hockte eine junge Frau in einem Erdloch. Lediglich ihr Kopf schaute ein bisschen raus, zugedeckt mit Ästen und Müll. Ihr Arm steckte in einem im Boden einbetonierten Metallrohr. Ein Bagger grub die Erde rund um sie herum ab. Sie wurde unverletzt aus dem Erdloch herausgeholt.

Ein anderer „Lock-On“ brachte die Polizei ebenfalls zum Schwitzen: Drei Menschen hatten ihre Arme in Metallrohre gesteckt und sich dann miteinander verbunden. Mehrere Beamte mussten die drei Aneinanderhängenden aus dem Sicherheitsbereich tragen. Die Feuerwehr wurde verständigt, weil die Polizei die Metallrohre nicht lösen konnte. Unter den drei Aktivisten, die stundenlang in ihrem „Lock-On“ bei feuchter Kälte im Schlamm ausharrten, war auch ein 66-Jähriger aus Bielefeld: „Ich mache das, weil mir meine eigene Gesundheit nicht so wichtig ist wie die Zukunft meiner Kinder und Enkel. Und die wird hier kaputtgemacht“, betonte er und plädierte für ein Umdenken in der Verkehrspolitik – weg vom Autobahnbau hin zu mehr Schienen-Infrastruktur.

Metallzaun rund um Baumhauscamp

Danach entschieden sich der Bielefelder und die anderen beiden im „Lock-On“, nicht auf die Feuerwehr zu warten, möglicherweise wegen der Kosten des Einsatzes, den sie zu bezahlen gehabt hätten. Sie könnten sich selbst befreien, ließen sie wissen – und gingen. Am Montagnachmittag schlossen Beamte den Metallzaun rund um die letzten verbliebenen Baumhäuser. Die Polizei kündigte an, dass sie bis zum heutigen Morgen keine Hilfe beim Abstieg aus den Baumhäusern leisten werde und kein Zugang von außen möglich sein soll.

Polizei fahndet nach Mann

Außerdem gab es gestern Neuigkeiten zu einem der größeren Ermittlungsverfahren rund um den Protest und die Räumung des Dannenröder Waldes: Es war am Montag, 23. November, als ein Unbekannter offenbar die Seile einer Konstruktion aus zwei Baumstämmen löste (die OP berichtete). Die Konstruktion wird Duopod genannt. Das passierte genau in dem Moment, als Polizeibeamte in unmittelbarer Nähe waren und ein Bagger.

Die Beamten retteten sich rechtzeitig aus dem Gefahrenbereich und zwar nach Aussage der Ermittler „im letzten Moment“. Die Stämme trafen allerdings die Baggerkabine. Glücklicherweise ist die besonders geschützt. Es gab keine Verletzten. Allerdings leiteten Polizei und Staatsanwaltschaft Gießen ein Ermittlungsverfahren ein wegen versuchten Totschlags, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Sachbeschädigung.

Inzwischen gibt es ein Foto des Unbekannten und eine genauere Beschreibung: Demnach ist die Person männlich, etwa 1,85 Meter groß, von schlanker Statur, hat längeres Haar und wohl Oberlippen- und Kinnbart. Er hat blaue Augen und sprach Englisch mit osteuropäischem Akzent. Für das Geschehen gab es nach Angaben der Ermittler mehrere Zeugen. Es liegen Fotos des Tatverdächtigen vor. Die Staatsanwaltschaft Gießen und die Polizei bitten darum, Hinweise zum Sachverhalt oder zur tatverdächtigen Person an den Führungs- und Lagedienst des Polizeipräsidiums Mittelhessen, Telefon 06 41 / 70 06-33 10, oder jede andere Polizeidienststelle zu übermitteln.

Von Nadine Weigel und Michael Rinde