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Ostkreis "Weit weg von Misshandlung"
Landkreis Ostkreis "Weit weg von Misshandlung"
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11:00 14.07.2019
Ehemalige Pflegeeltern eines 11-jährigen Mädchens mussten sich wegen Körperverletzung vor dem Kirchhainer Amtsgericht verantworten. Quelle: Thorsten Richter
Kirchhain

Die Pflegeeltern waren ursprünglich wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung angeklagt worden. Die Anschuldigung lautete, dass die Pflegemutter ihre damals elfjährige Tochter mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen und der Pflegevater sie in den Hintern getreten hatte. Beide räumten diese Taten ein – allerdings betonten sie, dass sie nicht gemeinsam gehandelt hätten: Der 53-Jährige war gar nicht zu Hause gewesen, als seine Frau das Mädchen schlug.

„Es gab große Schwierigkeiten mit ihr“, berichtete er vor dem Kirchhainer Amtsgericht über das Verhältnis zur Pflegetochter, die zehn Jahre in der Familie gelebt hatte. Sie habe immer wieder gelogen und noch dazu andere Kinder drangsaliert – und es habe sogar das Angebot einer psychotherapeutischen Behandlung für sie gegeben.

Als die Elfjährige dann im Hausaufgabenheft die Unterschrift der Pflegemutter gefälscht hatte, dabei erwischt wurde und dann auch noch Widerworte gab, sei das Fass übergelaufen, erklärte der Anwalt der Pflegemutter und räumte ein, dass seine Mandantin das Mädchen geohrfeigt hatte: „Es hatte sich so einiges angestaut (...). Sie wusste nicht mehr, wie sie mit ihr umgehen soll.“

"Ich trat sie reflexartig"

Auch der Pflegevater gestand, das Mädchen in den Hintern getreten zu haben. Er berichtete, dies sei eine Kurzschlussreaktion gewesen, nachdem er beobachtet hatte, wie die Elfjährige den Familienhund trat. Er wisse, dies sei falsch gewesen: „Ich trat sie reflexartig – um ihr zu zeigen, wie das ist, wenn man getreten wird.“

Die Elfjährige kam, nach zehn Jahren in der Pflegefamilie, in eine Gruppeneinrichtung. Die leiblichen Kinder der Pflege­eltern kommentierten dies – wie vor Gericht erklärt wurde – mit dem Hinweis, dass sie ausziehen würden, wenn das Mädchen ins Haus zurückkehre. Die Pflegemutter musste sich in der Folgezeit einer psychologischen Behandlung unterziehen.

Die Befragung der inzwischen Zwölfjährigen erfolgte vor Gericht unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Richter Joachim Filmer berichtete während der Urteilsverkündung später nur kurz, dass das Gespräch schwierig gewesen sei: Zum einen sei ein Jahr – so lange liegt die Ohrfeige zurück – für ein Kind eine große Zeitspanne, zum anderen sei die Angelegenheit sehr belastend gewesen: „Das machte die Beweisaufnahme schwierig.“

Leibliche Großmutter beklagt weitere Vorfälle

Eine Zeugin – die Mutter einer Freundin – erklärte während ihrer Vernehmung, dass das Mädchen nach der Ohrfeige bei ihr Unterschlupf gesucht habe: „Sie schrie, dass sie da nicht wieder hinwill und hatte gesagt, sie werde dort geschlagen. Dauernd ging sie zum Fenster und hatte große Angst.“

Noch dazu habe die Elfjährige behauptet, dass sie eingesperrt werde und nun habe fliehen können. „Und sie hat mir erzählt, dass die Pflegemutter immer strikt und rigide reagiert und ihr öfters Hausarrest gegeben habe.“ Diese Zeugin war es dann auch, die das Jugendamt einschaltete. Zunächst habe sie dem Mädchen erklärt, was dies für Konsequenzen haben werde – unter anderem, dass sie die Familie verlassen und in eine Wohngruppe umziehen müsse.

Dies sei es der Elfjährigen jedoch Wert gewesen. Die Staatsanwaltschaft forderte letztendlich Geldstrafen, die unter Vorbehalt stehen – also quasi Geldstrafen auf Bewährung. Zudem sollten die Angeklagten Geld an eine gemeinnützige Einrichtung zahlen. Die Anwälte schlossen sich an – mit dem Unterschied, dass sie niedrigere finanzielle Auflagen anregten.

Richter Filmer entschloss sich bei den Auflagen für den Mittelwert, bei den Geldstrafen folgte er den Anregungen. Der ehemalige Pflegevater muss 500 Euro zahlen und, wenn er sich in den kommenden zwei Jahren eines weiteren Vergehens schuldig macht, 25 Tagessätze à 40 Euro zahlen. Auf die einstige Pflegemutter kommen 200 Euro sowie gegebenenfalls 30 Tagessätze à 15 Euro zu.

Spannungen haben sich hochgeschaukelt

Der Richter erklärte, es sei nach wochenlangen Auseinandersetzungen mit dem Mädchen zu Streit und anschließenden Kurzschlusshandlungen gekommen: „Die Situation war auch für die Pflegeeltern nicht leicht. Die Spannungen haben sich wohl hochgeschaukelt und den Erwachsenen ist letztendlich der Geduldsfaden gerissen“, sagte er und ergänzte in Richtung der Angeklagten: „Das mag zwar nachvollziehbar sein, aber Sie müssen sich auch in solchen Situationen im Zaum halten. Wenn Sie damit überfordert waren, hätten sie auch die Möglichkeit gehabt, Hilfe beim Jugendamt zu suchen.“

Insgesamt seien die Taten jedenfalls „weit weg von Misshandlung Schutzbefohlener“ gewesen. Die leibliche Großmutter richtete nach der Verhandlung noch das Wort an Richter und Staatsanwaltschaft und kritisierte, dass ihre Enkelin mehrfach geschlagen worden sei – was auch davor schon angesprochen worden war.

„Eine Tat muss zumindest ein bisschen bestimmbar sein. Aber man weiß nicht, was genau wann passiert sein soll“, erklärte Filmer, warum weder er noch die Staatsanwaltschaft darauf hätten reagieren können. Es sei zwar nicht notwendig, den genauen Tatzeitpunkt benennen zu können – aber doch zumindest, was ungefähr passiert sei und wann dies geschehen sei. Die Staatsanwaltschaft ergänzte, es sei wichtig, nach Vorfällen zur Polizei oder zum Jugendamt zu gehen, damit die Geschehnisse zumindest protokolliert würden.

von Florian Lerchbacher