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Ostkreis Mardorf startet Leuchtturmprojekt
Landkreis Ostkreis Mardorf startet Leuchtturmprojekt
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15:57 13.10.2020
Rund um die Uhr betreut das Pflegeteam Conny Ridder die Pflege-WG in Mardorf. Daniela Petri (von links), stellvertretende Pflegedienstleitung, Wolfgang Schwalbe, Pflegedienstleiter und Teamleiterin Nadine Schiele. Quelle: Katja Peters
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Mardorf

„Meine Mutter wird hier wohnen“, sagt Ursula Mahr aus voller Überzeugung und zeigt auf das Zimmer mit Terrasse. Das befindet sich in der ersten Pflege-Wohngemeinschaft in Mardorf, die vom Pflegeteam Conny Ridder rund um die Uhr betreut wird, ähnlich der Demenz-Wohngemeinschaft in Marburg.

„Hier kann sie so leben, wie sie es gerne möchte“, ist die Rauischholzhäuserin überzeugt. Ihre 88-jährige Mutter hat viele Jahre im Gastgewerbe gearbeitet, schläft deshalb lieber aus und bleibt abends länger wach. „In einem Pflegeheim ist der Tag sehr durchorganisiert, das ist hier anders. Deswegen wird sie sich hier sehr wohl fühlen.“

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Die Pflege-WG, verbunden mit den sechs barrierefreien Bungalows und dem Angebot der Aura-Tagespflege, an der Falkenstraße am Ortsausgang von Mardorf, ist ein Leuchtturm-Projekt. Davon ist Amöneburgs Bürgermeister Michael Plettenberg überzeugt.

„Das Interesse bei den Nachbargemeinden ist bereits geweckt“, berichtet er beim Vor-Ort-Termin mit Thomas Bark von Geißler Infra und Wolfgang Schwalbe, der Pflegedienstleitung vom Pflegeteam Conny Ridder sowie Hans Loock, dem Aura-Geschäftsführer.

Bürgermeister: Dichter am Menschen geht es nicht

„Die Seniorenpolitik hat einen wahnsinnigen Wandel hinter sich“, sagt der Bürgermeister und verweist auf die Gründung des Bürgervereins 2011, der nicht zufällig den Zusatz „Leben und Altwerden in Mardorf“ trägt. „Die neue Wohngruppe ist sensationell. Dichter am Menschen geht es nicht und dass die Angehörigen sich kümmern können und sollen ist in meinen Augen sehr gut“, so Michael Plettenberg. Die neuen Praxisräume von Dr. Martin Steinkamp, die im ersten Obergeschoss barrierefrei erreichbar sein werden, sind für ihn noch ein i-Tüpfelchen.

Denn das Konzept der Pflege-WG sieht vor, dass die Angehörigen zu jeder Tages- und Nachtzeit ihre Angehörigen besuchen können, in die Entscheidungsprozesse und auch in die Abläufe mit eingebunden werden sowie ein Mitbestimmungsrecht haben. „Das ist uns sehr wichtig“, betont Wolfgang Schwalbe, der mit seinem Pflegeteam auch die Demenz-WG in Marburg betreut. „Wir sind keine stationäre, sondern eine ambulant betreute WG. Da gehört die familiäre Atmosphäre dazu. Die Angehörigen haben das Hausrecht“, ergänzt der Pflegedienstleiter noch.

„Wir wollen das Team nach und nach aufbauen“

„Das wird keine Ridder-WG und auch keine Aura-WG. Lediglich die Personalpolitik liegt beim Pflegeteam und auch das Entscheidungsrecht in diesem Bereich.“ Drei Vollzeitpflegekräfte und eine Betreuungskraft werden sich pro Schicht um die zwölf Bewohner kümmern. „Wir machen alles. Von der Hauswirtschaft über die Pflege bis hin zur Beschäftigung, wenn gewünscht. Jeder ist für alles zuständig“, erklärt Wolfgang Schwalbe das Konzept, dass er als sehr herausfordernd empfindet, angesichts der Bewohneranzahl.

Angefangen wird mit fünf. „Wir wollen langsam wachsen und das Team nach und nach aufbauen.“ Es ist keine Schwerpunkt-WG, jeder mit Pflegegrad 3 kann sich auf ein Zimmer bewerben. Derzeit liegt das Bewohneralter zwischen 46 und 83. Nadine Schiele gehört schon jetzt zum Team. „Es reizt mich sehr, hier etwas Neues entstehen zu lassen“, sagt die 40-Jährige, die mal als Hauswirtschafterin beim Pflegeteam angefangen hat, jetzt ausgebildete Altenpflegerin ist und nun die Teamleitung in Mardorf übernehmen wird. Sie freut sich sehr über das Vertrauen, das ihr entgegengebracht wird.

Konzept vom selbstbestimmten Leben in WG

Auch die Geißler Infra aus Kirchhain ist überzeugt von dem Projekt. Als städtebaulicher Entwickler hat sie das Gelände mit Blick auf altengerechtes Wohnen entwickelt. Auch für sie ist Mardorf ein Pilotprojekt. Die sechs barrierefreien Bungalows sind schon alle vermietet, und auch für die WG gibt es genügend Anfragen. Alle fünf festen Bewohner kommen aus dem Umland, sind also mit der Region verwurzelt. Und auch die Anfahrtswege der Angehörigen sind überschaubar.

Außer für Phil-Marius Schnell. Der 18-Jährige ist der Enkel von Ursula Mahr und seine Ur-Großmutter eine der Bewohnerinnen. Er arbeitet in Kiel als Krankenpfleger und schaute sich vor Ort um. „Ich mag das Konzept vom selbstbestimmten Leben in einer WG“, sagt er nach dem Rundgang. „Hier ist immer jemand da und meine Ur-Oma hat auch ein Telefon im Zimmer. Die Gemeinschaft wird hier groß geschrieben. Das ist ein super Mittel gegen die Vereinsamung, die viele Ältere in ihren eigenen vier Wänden erleben müssen. Ich könnte mir das hier auch als Wohnform für mich selbst später vorstellen. Das ist wirklich zukunftsfähig“, ist er sich sicher.

Von Katja Peters