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Ostkreis Pfarrer auf Bewährung
Landkreis Ostkreis Pfarrer auf Bewährung
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19:52 06.01.2020
Pfarrer Andreas Rhiel ist sich auch nicht zu schade, zur Kirmes den Wagen mit der katholischen Kirche selber zu fahren.  Quelle: Florian Lerchbacher
Neustadt

Stromlinienförmig­ ist Pfarrer Andreas Rhiel nicht. Für die meisten Gläubigen ist das völlig in Ordnung, doch schon seit seinem Amtsantritt vor sieben Jahren meldeten sich immer wieder Kritiker zu Wort. Sie monierten – auch gegenüber der Oberhessischen Presse – zum Beispiel, dass der Pfarrer selber Holz mache, im Talar ab und zu eine selbstgedrehte Zigarette rauche, auch schon einmal einen Hund in die Sakristei mitgebracht habe und in Kirchhain lebe (wo Rhiel seine inzwischen verstorbene Mutter pflegte).

Nach OP-Informationen wendeten sich einige Gemeindemitglieder auch ans Bistum in Fulda – das den Pfarrer, wie er am Wochenende vor Weihnachten während der Gottesdienste mitteilte, dann auch ins General­vikariat einbestellte.

„Momberg will nicht viel, außer Pfarrer Rhiel“

Aus welchen Gründen genau ist nicht bekannt: Am Donnerstag (2. Januar) hatte der frisch im Amt befindliche Generalvikar Christof Steinert eine Anfrage dieser Zeitung noch dahingehend beantwortet, dass nicht bekannt sei, warum Gläubige aus Neustadt und Momberg für ihren Pfarrer Unterschriften sammelten. Auch Rhiel selber hielt sich bedeckt und wollte sich nicht äußern – wohlwissend, dass am Freitag (3. Januar) ein Gespräch unter anderem zwischen ihm, Steinert und den Mitgliedern des Pfarrgemeinde- und des Verwaltungsrates stattfinden sollten.

An diesem Abend gab es dann auch noch eine Solidaritätsbekundung einiger Momberger, die mit Kerzen auf der Straße standen und ein Plakat in den Händen hielten mit der Aufschrift „Momberg will nicht viel, außer Pfarrer Rhiel“. Bürgermeister Thomas Groll hatte­ sich noch vor Weihnachten an das Generalvikariat gewandt und darum gebeten, etwaige Entscheidungen nicht auf Einzelmeinungen zu treffen, sondern die Sachverhalte genau zu analysieren und die Gremien der Kirchengemeinden mit einzubeziehen.

Pfarrstelle würde bei einem Wechsel neu besetzt

Am Samstag (4. Januar) kam es dann im Gottesdienst in Neustadt sowie am Sonntagmorgen in Momberg zur Verlesung der Ergebnisse des freitäglichen Gesprächs. In der Kirche St. Johannes übernahm Diakon Stephan Weigand diese Aufgabe. Das Bistum habe festgestellt, dass der Pfarrer seinen Aufgaben nicht ausreichend nachkomme, es gebe aber Gespräche, um die Situation zu verbessern, „Perspektiven zu erarbeiten“ – und es seien auch schon Fortschritte gemacht worden.

Das Bistum biete dem Pfarrer nach sieben Jahren in Neustadt und Momberg eine Veränderung an – was keinesfalls eine Anordnung einer Versetzung sei. Ein eventueller Wechsel müsse einheitlich erfolgen. Und die Stelle in Neustadt und Momberg würde auch danach wieder besetzt – eine Zusammenlegung mit Stadtallendorf sei nicht geplant. Neustadt und Momberg würden in jedem Fall einen eigenen Pfarrer behalten. 

Bistum, Pfarrer und die kirchlichen Gremien teilten außerdem ihr Bedauern mit, dass es in den vergangenen Wochen in den Gemeinden zu Anfeindungen via E-Mail und Messengern gekommen sei. Außerdem sprachen sie sich für Frieden und Zusammenhalt aus und appellierten dafür, Abstand von Unterstellungen und Anfeindungen zu nehmen. Jeder Gläubige solle darüber nachdenken, was er oder sie zu einem friedlichen und konstruktiven Miteinander beitragen könne. „Wir hoffen, dass Sie sich für einen Verbleib entscheiden“, betonte Rafael Diele, Mombergs stellvertretender Verwaltungsratvorsitzender, noch im Gotteshaus und sprach sich dafür aus, Ruhe zu bewahren „und das Schiff in ruhigere Gewässer zu tragen“.

Ähnlich sahen das Birgit Sack und Pia Stumpf, die nach dem Gottesdienst im Gespräch mit dieser Zeitung die gute Zusammenarbeit des Pfarrers mit der Frauengemeinschaft herausstellten und betonten, dass sie gut mit ihm kommunizieren könnten. „Jeder Mensch ist, wie er ist. Wir stehen voll hinter unserem Pfarrer“, resümierten sie.

Pfarrer Rhiel freute sich über die Unterstützung der Gläubigen und bezeichnete die Solidaritätsbekundungen als „eine­ Umarmung“. Auf Nachfrage dieser Zeitung erklärte er: „Ich würde gerne bleiben.“ Es seien­ schließlich starke Bindungen gewachsen. Dabei scheint er auch willig, zu vergessen und zu vergeben: Er sprach sich jedenfalls für Versöhnung aus.

von Florian Lerchbacher