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Ostkreis Kleines Amöneburg in der großen Kunst
Landkreis Ostkreis Kleines Amöneburg in der großen Kunst
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15:00 04.06.2022
Reinhard Forst steht an der Stelle, an der Otto Ubbelohde die größte der drei Skizzen zeichnete. Sie zeigt das Wasenmeisterhaus (das Haus des Abdeckers) und ein weiteres Gebäude.
Reinhard Forst steht an der Stelle, an der Otto Ubbelohde die größte der drei Skizzen zeichnete. Sie zeigt das Wasenmeisterhaus (das Haus des Abdeckers) und ein weiteres Gebäude. Quelle: Florian Lerchbacher
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Amöneburg

„Der Berg in der Ebene hat eben etwas ganz Besonderes.“ So begründet Reinhard Forst, warum der aus dem Landkreis stammende und vor 100 Jahren verstorbene Künstler Otto Ubbelohde in zahlreichen seiner Werke Motive aus Amöneburg verwendete. „Das Bergfieber hatte eben auch ihn erwischt“, fügt Gabi Clement vom Verein Amöneburg 13Hundert hinzu, während Forst von der Schlossruine, der Brücker Mühle und der markanten Brücke sowie der damals unberührten Natur schwärmt: „All das dürfte Ubbelohde, der auch die Weite liebte, angetrieben haben.“

Natürlich sind das nur Vermutungen, doch eins ist bei Forst sicher: Wenn er sich mit einem Thema beschäftigt, dann intensiv. Und für den weltberühmten Künstler aus dem Landkreis interessiert er sich seit seiner Kindheit. Seine Mutter habe nach der Aussiedlung aus dem Böhmerwald im April 1946 nach Hessen erfahren, dass Ubbelohde eng mit Marburg verbunden war und sich erinnert, dass sie seinen Namen aus ihrer Zeit beim Wandervogel kannte – einer naturverbundenen Jugendbewegung, der sich auch der Künstler verbunden fühlte. Und so habe sie eine Ausgabe der von ihm illustrierten Grimm’schen Märchen erworben, deren Zeichen den jungen Reinhard schon als Kind faszinierten. Außerdem habe er einen Klassenkameraden gehabt (und besucht), der im Ubbelohde-Haus in Goßfelden wohnte.

Begeisterung war früh geweckt

Die Begeisterung war also schon früh geweckt, und Forst begann, die Bilder eingehend zu studieren. „Kunst öffnet Augen“, betont er und berichtet, dass ihm beispielsweise erstmals auf Ubbelohde-Zeichnungen aufgefallen sei, dass Wolken Schatten werfen: „Erst danach habe ich das auch in der Realität gesehen.“ Und im Lauf der Zeit konnte er sogar mehrere Radierungen und eine Bleistiftzeichnung erwerben. Letztere habe ihn 500 Mark und ein paar Nerven gekostet, wie er lachend zugibt – denn zu Hause habe er zunächst Kritik für den Kauf geerntet. Doch seine Frau habe die Investition verschmerzt – und er genießt noch heute, jedes der drei Motive aufs Genaueste zu analysieren. Zu sehen sind ein kleiner Turm der Schlossruine mit Blendarkaden, der kurz vor der vorgesehenen Reparatur (rund um 1909) einstürzte sowie das Haus des Abdeckers und ein weiteres Gebäude aus zwei Richtungen.

Reinhard Forst steht an der Stelle, an der Otto Ubbelohde die größte der drei Skizzen zeichnete. Sie zeigt das Wasenmeisterhaus (das Haus des Abdeckers) und ein weiteres Gebäude. Quelle: Florian Lerchbacher

Die Besonderheit: Vom Motiv „Bergstädtchen“ – auf dem die beiden Häuser von oben mit Blick ins Ohmtal zu sehen sind – gibt es zwei Radierungen, zwei Feder- und vier Bleistiftzeichnungen. Und die hat Forst natürlich genauestens studiert und feinste Unterschiede festgestellt. Am auffälligsten ist, dass ein Gebäude zwischen 1897 und 1909 einen Anbau bekam, den Ubbelohde natürlich in seinem späteren Werk festhielt.

Vor einigen Jahren beschloss Forst, sein Wissen mit seinen Mitmenschen zu teilen und gestaltete gemeinsam mit dem Stadtallendorfer Michael Feldpausch die Broschüre „Amöneburg im Werk von Otto Ubbelohde“. Von dieser gibt es nun eine erweiterte Zweitauflage, die dank Unterstützung von Rainer Zuch von der Otto-Ubbelohde-Stiftung mehr Skizzen und unveröffentlichte Werke zeigt. Die Finanzierung übernahm der Verein Amöneburg 13Hundert, der dafür die 1 000 Euro Preisgeld zur Verfügung stellte, die mit der Auszeichnungen mit dem Otto-Ubbelohde-Preis des Landkreises Marburg-Biedenkopf einhergingen.

Und dann gibt es noch weitere gute Nachrichten für alle Ubbelohde-Fans oder Menschen, die es noch werden wollen: Gemeinsam mit dem Stadtmuseum um Leiterin Antje Pöschl veranstaltet Forst am Sonntag, 12. Juni, sozusagen einen Amöneburger Otto-Ubbelohde-Tag. Ab 10 Uhr (Treffpunkt ist auf dem Marktplatz) lädt Forst zu einem Ubbelohde-Spaziergang ein und führt seine Gäste zu den Orten, an denen der Künstler die Amöneburger Motive zeichnete. Natürlich hält er dabei auch Kopien der jeweiligen Zeichnungen und Radierungen parat, damit die Teilnehmenden diese mit der aktuellen Situation vergleichen können. Um 13 Uhr steht in der Brücker Mühle noch einmal ein gesonderter Vergleich der Zeichnungen und Radierungen mit der heutigen Ansicht an.

Rainer Zuch berichtet über Arbeit der Stiftung

Um 14 Uhr (bis 18 Uhr) öffnet dann das Museum seine Pforten. Dort sind neben der Sonderausstellung zum Stadtjubiläum sechs Ubbelohde-Amöneburg-Radierungen und eine Originalzeichnung zu sehen, die Forst zur Verfügung stellt. Um 15 Uhr gibt dann Rainer Zuch von der Otto-Ubbelohde-Stiftung Informationen zum Wirken Ubbelohdes und zur Arbeit der Stiftung. „Ob er noch ein paar Werke mitbringt, ist nicht ausgeschlossen“, hofft Forst auf eine Erweiterung der ganz besonderen und nur einen Tag zu sehenden Ausstellung.

Otto Ubbelohde

Otto Ubbelohde wurde am 5. Januar 1867 in Marburg geboren. Nach seinem Abitur studierte er Kunst in München und wurde als Porträtist ausgezeichnet. 1893 veröffentlichte er erste Radierungen. 1899 erwarb er in Goßfelden ein Grundstück, auf dem er ein Jahr später sein Atelierhaus baute. 1906 erschien der erste von ihm illustrierte Hessenkunst-Kalender, ein Jahr später der erste Jubiläumsband der von ihm illustrierten Grimm’schen Märchen, die ihn weltberühmt machten. 1917 wird er anlässlich seines 50. Geburtstages in Marburg zum Professor ernannt sowie später zum Ehrensenator der Philipps-Universität Marburg (1921) und Ehrendoktor der Uni Gießen (1918). Im Jahr 1921 unternimmt er eine letzte Reise zum Zeichnen in den Vogelsberg, am 8. Mai 1922 stirbt er in Goßfelden. Sein einstiges Wohnhaus ist heute ein Museum.

Von Florian Lerchbacher