Organistin seit 65 Jahren
Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Sie spielt, wo immer sie gebraucht wird
Landkreis Ostkreis Sie spielt, wo immer sie gebraucht wird
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:57 10.08.2021
Hiltrud Pitz sitzt an der Orgel in Kleinseelheim.
Hiltrud Pitz sitzt an der Orgel in Kleinseelheim. Quelle: Michael Rinde
Anzeige
Kleinseelheim

Der Aufstieg zu ihrem „Schatz“ ist etwas steil. Sicherheitshalber benutze sie inzwischen doch die Geländer, sagt Hiltrud Pitz. Ihr „Schatz“, das ist die Kirchenorgel in Kleinseelheim, eine Heinemann-Orgel aus dem Jahr 1758. Auf ihr spielt die 77-Jährige seit nunmehr 65 Jahren, eine kaum vorstellbare Leistung. Alles fing mit einem „Sprung ins kalte Wasser“ in ganz jungen Jahren an. Damals war Hiltrud Pitz zwölf Jahre alt, seit zwei Jahren hatte sie Orgelunterricht bei der damaligen Organistin. Doch die erkrankte plötzlich. „Und da hat sie zu mir gesagt, dass sie mir das zutraue und ich das doch bitte übernehmen sollte“, erinnert sich Hiltrud Pitz noch ganz genau.

Natürlich sei sie aufgeregt gewesen. Und wie! Welche Lieder sie spielen sollte, erfuhr sie kurzfristig. Stundenlang übte sie für ihr erstes Orgelspiel vor der Gemeinde. Alles sei gut gegangen. So begann ihre Zeit als Organistin. Seit Jahrzehnten ist Hiltrud Pitz bei Gottesdiensten und Messen im Einsatz. Sie habe dafür alle Ehrungen erhalten, die die Landeskirche von Kurhessen-Waldeck habe, berichtete Pfarrerin Evelyn Koch am vergangenen Sonntag im Gottesdienst. „Deshalb bleibt uns heute nur, wieder einmal Danke für deinen Einsatz zu sagen“, wandte sich Koch an Hiltrud Pitz.

Danke sagen ist für die 77-Jährige auch immer ein Anliegen, etwa, wenn sie wieder einmal eine musikalische Herausforderung gemeistert hat. „Dann sage ich Danke im Gebet“, berichtet sie von ihrem eigenen starken Glauben. Vorher bitte sie auch um die nötige Kraft.

Die „Klassiker“ liegen ihr am Herzen

Herausforderungen gibt es für sie immer noch und immer wieder. Wenn sie zum Beispiel Solisten in einem Gottesdienst begleitet, etwa bei einer Trauung. Oder sich an neue Stücke jenseits des Kirchengesangbuches heranwagt. Wobei Hiltrud Pitz keinen Hehl daraus macht, dass sie eine Vorliebe für viele klassische Kirchenlieder besitzt. Für den Dankgottesdienst hatte sie sich „Gott, gib uns Atem“ ausgesucht. Ihr musikalisches Gehör und ihr Gedächtnis ermöglichen es Hiltrud Pitz immer wieder, sich auf Neues einzulassen, sehr zur Freude ihrer Gemeinden. „Sie kann es einfach“, lobt sie Pfarrerin Koch.

Ihre Beliebtheit ist groß. Beim Gespräch der OP mit Hiltrud Pitz und Evelyn Koch bringt die Pfarrerin gleich einige neue Terminanfragen mit, dieses Mal auch für eine Trauung, die wegen der Pandemie schon mehrfach verschoben werden musste. Dieses Mal scheint im September alles zu passen und auch Hiltrud Pitz hat an diesem Wochenende glücklicherweise Zeit. „Das war der Braut sehr wichtig“, freut sich Pfarrerin Koch an dieser Stelle.

Sie spielt, wo immer Hilfe gebraucht wird und fährt dafür auch weitere Strecken, so sehr liebt sie die Musik und ihre ehrenamtliche Arbeit. Doch natürlich ist ihr die Kirchenorgel in Kleinseelheim die liebste von allen. Die Orgel kennt sie wie niemand sonst. Sie kennt auch die Gemeinden im Kirchspiel, weiß, was sie gesanglich können und was ihnen vielleicht auch Freude macht. Eine Herausforderung war es für Hiltrud Pitz am Anfang, dass sie für alle sichtbar in die Tasten greift.

Auch onlinegut vertreten

Die Organistin hat bereits unzählige Vikare und sehr viele Pfarrer musikalisch begleitet. Mancher habe sie um Rat bei der Musikauswahl gefragt, erinnert sie sich. Jeder habe einen eigenen Stil. Sie sagt aber auch selbstbewusst, dass sich Pfarrerinnen und Pfarrer auf Veränderungen einlassen müssten. „Es liegt an den Pfarrern, ob sie ihre Kirchen füllen können. Sie müssen einfach mit der Zeit gehen bei der Gestaltung“, bezieht die Kirchenälteste Position. Monatelang war Hiltrud Pitz während der Zeit ohne Gottesdienste nur online für ihre Gemeinden hörbar. Auch diese Neuerung hat sie gut gemeistert, wie Pfarrerin Koch erzählt. Es sei so gut wie nie vorgekommen, dass sie ein Lied hätten zweimal aufnehmen müssen. Auch das unterstreicht das große Können dieser Organistin.

Bei dem Dankesgottesdienst am Sonntag kamen 60 Gemeindemitglieder zusammen, weniger, als beim Fest vor fünf Jahren, als Hiltrud Pitz für ihr 60-Jähriges als Organistin geehrt wurde. Ein großes Fest ließ die Corona-Pandemie dieses Mal leider nicht zu. Doch Dank aus den Gemeindeausschüssen in Kleinseelheim, Großseelheim und Schönbach und von Küsterin Marlene Weber gab es natürlich trotzdem, auch beim kleinen Sektempfang nach dem Gottesdienst auf dem Hof der Familie.

Von Michael Rinde