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Ostkreis Lautlos und flott bergan
Landkreis Ostkreis Lautlos und flott bergan
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10:00 27.11.2019
Rauschenbergs Bürgermeister Michael Emmerich (links) und OP-Redakteur Matthias Mayer machen einen Zwischenstopp an der Heizzentrale der Genossenschaft Nahwärme Rauschenberg. Quelle: Nadine Weigel
Rauschenberg

Das ist immerhin ein Zuwachs um 29.000 Fahrzeuge. Gleichwohl bleiben die Elektroautos noch ein Nischenprodukt. Mehr als 98 Prozent aller in Deutschland zugelassenen Autos werden von Verbrennungsmotoren angetrieben – trotz Klimawandel.

Die Stadt Rauschenberg ist der Vorreiter der Erneuerbaren Energien im Landkreis. Und die Stadt hat frühzeitig auch auf E-Sharing-Autos gesetzt für die Bürger, die nur gelegentlich ein Auto benötigen. Bürgermeister Michael Emmerich hatte das Thema vor gut drei Jahren auf die Agenda gesetzt. Das Autohaus Horst stellte der Stadt für die Verwirklichung des Projekts einen Peugeot ION zur ­Verfügung – schon vor gut zwei Jahren.

Michael Emmerich räumt ein, dass das Carsharing-Projekt mit einem Elektroauto bis jetzt kein Renner ist. Nur rund 25 Rauschenberger haben sich für das Projekt registrieren lassen (siehe Infobox). Liegt es am Auto? Liegt es an der Reichweite? Die OP machte den Praxis-Test.

E-CarSharing: So geht es

So funktioniert‘s: Interessenten müssen sich zunächst unter https://regio-mobil-deutschland.de anmelden. Ist das unter „Anmelden“ geschehen, folgt der einmalige Gang ins Rauschenberger Rathaus. Dort bekommen Interessenten einen Aufkleber, der auf die Rückseite des Führerscheins aufgeklebt wird. Jetzt kann es losgehen. Über regio-mobil-deutschland kann das Elektro-Auto für eine bestimmte Uhrzeit online gebucht werden.

Auf der Innenseite der Windschutzscheibe hat das Auto einen Chip. Zur Legitimation des Nutzers legt dieser seinen ­Aufkleber in Höhe des Chips auf die Windschutzscheibe. Das Auto öffnet nun die Türen; der Fahrer findet den Schlüssel im Handschuhfach. Gibt der Kunde das Auto wieder ab, legt er den Schlüssel ins Handschuhfach und verriegelt das Fahrzeug mittels Aufkleber und Auto-Chip.

In diesem Moment werden Fahrtzeiten und gefahrene Kilometer automatisch registriert. Die angefallenen Kosten werden einmal monatlich abgebucht. Der Vorteil dieses Systems: Es erlaubt größtmögliche Flexibilität bei geringstmöglichem Personalaufwand.

Der Peugeot ION glänzt im strahlenden Weiß, die Stromzapfsäule gegenüber des Rathauses kommt in Grün daher. Meine erste Begegnung mit dem Auto: Ich trenne das Stromkabel von Fahrzeug, während Bürgermeister Michael Emmerich mithilfe eines Chips den ION öffnet, um dann das Kabel im Kofferraum zu verstauen. Ich steige zum zweiten Mal in meinem Leben in ein Elektroauto ein.

Das erste Mal“ passierte in einem Tesla, der zwei Fahrmodi hatte: „Sport“ und „Wahnsinn“. Wer „Wahnsinn“ wählt, mobilisiert 777 PS. Das muss ich nicht haben. Wie gut, dass ich auf dem Beifahrersitz saß. Die ersten Meter im ION verfolge ich gleichfalls vom Beifahrersitz aus. Michael Emmerich nutzt die Strecke zum Heizkraftwerk, um mich in das Auto einzuweisen. Viel ist es nicht. Aber: Der Bürgermeister mahnt zum vorsichtigen Umgang mit dem Bremspedal.

Alles klar. Wir haben vor der Fahrt vereinbart, einige Stationen der Energiequellen anzufahren, die die Rauschenberger Stadtteile und die Kernstadt mit umweltfreundlicher Energie versorgen. Am Rauschenberger Heizkraftwerk wechseln wir die Plätze. Das Auto liegt gut auf der Straße und hat erstaunliche Beschleunigungswerte.

Wer den Bleifuß reichlich einsetzt, bezahlt das mit schwindender Batterie-Kapazität. „Bis 100 Kilometer schafft er. Das heißt, es geht knapp von Rauschenberg bis Gießen und zurück. Wer auf der sicheren Seite sein möchte, belässt es auf eine Fahrt nach Marburg und zurück“, sagt Michael Emmerich, während ich den Blinker rechts setze und ­abbiege.

Die Kamera fliegt durch das Auto

Es geht rauf auf die Wolfskaute, dem mit etwa 30 Einwohnern mit Abstand kleinsten Stadtteil von Rauschenberg. Und der höchstgelegene. Der Peugeot zeigt keine Schwächen, schnurrt sanft bergan bis hoch auf die Kuppe. Der Weg von Albshausen aus ist spektakulärer, erinnert an eine alpine Passstraße, die beim Burgwald-Marathon den Läufern den letzten Zahn zieht. Leben ist im kleinsten Dorf.

Ein Paar spricht den Bürgermeister an, während ich das Auto wende. Um dann auf die Bremse zu treten … mit durchschlagenden Erfolg. Das Auto steht sofort. Die Kamera fliegt zirkusreif durchs Auto und landet unbeschädigt im Fußraum. Uff. Kenne so etwas von meinem ersten Auto, einem Citroen DS 21 Injektion Elektronique. Der hatte kein Bremspedal sondern einen runden Knubbel mit fünf Millimetern Bremsweg. Der bremste ebenso unbarmherzig wie der Peugeot.

Weiter geht es runter nach Schwabendorf zum Hof der Familie Müller. Die dortige Biogasanlage versorgt die Schwabendorfer mit Nahwärme zum vermutlich günstigsten Preis kreisweit, der von den Genossen selbst bestimmt wird. Heinrich Müller, der den Hof zusammen mit seinem Sohn Karsten betreibt, kommt auf einen Plausch hinzu.

Bremsen ist eigentlich überflüssig

Wir müssen weiter und ich lerne, dass das Bremsen eigentlich überflüssig ist. Es reicht, den Fuß vom Gas zu nehmen. Gesegnet mit dieser Weisheit steuern wir den neuen Rauschenberger Windpark an. Unterwegs berichtet der Bürgermeister, dass Rauschenberg ein Vierfaches von Strom produziert, als die Stadt verbraucht. Dazu kommen die Bioenergiedörfer Josbach und Schwabendorf mit ihrer Nahwärme und die Bioenergiestadt Rauschenberg.

Und dann hat die Stadt noch einen dicken Pfeil im Acker: Die große Chance von Bracht, Solarthermiedorf zu werden. Noch in diesem Jahr soll es eine weitere Informationsveranstaltung geben. 2020 folge die Umsetzung. „Dass muss einfach klappen“, sagt der Bürgermeister.

Unterdessen stehen wir unter einem riesigen Windrad auf einem matschigen Weg. Habe ein schlechtes Gewissen, weil der Peugeot ION nicht mehr ganz reinweiß ist. Wir fahren zurück und ich bin inzwischen vollends begeistert. Es macht großen Spaß, das Auto zu fahren. Seinen Nachfolgern gehört die Zukunft. Wenn nicht morgen, dann übermorgen.

von Matthias Mayer