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Ostkreis Das Wegkreuz wird verschoben
Landkreis Ostkreis Das Wegkreuz wird verschoben
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21:50 09.03.2021
Nach mehr als 100 Jahren an seinem Platz muss das Wegkreuz im Zuge des Autobahn-Weiterbaus einem Regenrückhaltebecken weichen.
Nach mehr als 100 Jahren an seinem Platz muss das Wegkreuz im Zuge des Autobahn-Weiterbaus einem Regenrückhaltebecken weichen. Quelle: Florian Lerchbacher
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Niederklein

Jetzt ist es sicher: Das Wegkreuz, das an der Landesstraße 3290 zwischen Stadtallendorf und Niederklein steht, muss einem im Zuge des A-49-Weiterbaus entstehenden Regenrückhaltebecken weichen und bekommt einen neuen Standort – eine Entscheidung, mit der letztendlich viele der Beteiligten leben können, wie sie herausstellen. Allerdings herrscht teilweise auch große Verärgerung.

Der Grund dafür ist einfach: Aufseiten der Deges wurde nicht Wort gehalten. Niederkleins Ortsvorsteher Hartmuth Koch hatte einst von Pia Verheyen, der Sprecherin der Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH (Deges), die „mündliche Zusicherung“ bekommen, dass das Wegkreuz an Ort und Stelle bleiben kann. Sie habe zwei Tage später sogar nochmal bei ihm angerufen und ihre Aussage bestätigt, berichtet er.

Versetzung des Kreuzes „ist unvermeidlich“

Es sei ärgerlich, dass nun alles anders komme und das Kreuz im Planfeststellungsverfahren nicht beachtet wurde: „Das passt irgendwie in die Situation, vielleicht auch in unsere Zeit, dass Versprechungen keinen Wert und nur temporär – weil es gerade opportun ist – Gültigkeit haben.“ Ein Punkt, der beispielsweise auch bei Alexandra Baader vom Verwaltungsrat der Kirchengemeinde für Unmut sorgt.

Auf Anfrage dieser Zeitung teilt die in der Kritik stehende Verheyen mit, dass die Deges in den vergangenen Monaten die Möglichkeiten für den Verbleib des Kreuzes vor Ort eingehend geprüft habe: „Es hat sich herausgestellt, dass, entgegen der ersten Einschätzung, eine Versetzung des Kreuzes unvermeidlich sein wird. Der Grund dafür ist, dass die topographischen Bedingungen die Errichtung des Regenrückhaltebeckens mitsamt Fernableitung nur an dieser planfestgestellten Stelle zulassen.“

Anlaufpunkt während der Proteste

Und so fand in der vergangenen Woche ein Termin statt, um über die Thematik zu beraten und Alternativen durchzusprechen – ein Treffen, das allerdings die Stadt Stadtallendorf initiiert hatte. „Die Stadt kennt beide Beteiligten, also die Deges und die Kirchengemeinde. Uns war es wichtig, schnell einen möglichst vernünftigen Lösungsvorschlag zu erarbeiten“, erklärt Bürgermeister Christian Somogyi die eingenommene Vermittlerrolle – der damit bei Baader und einigen Mitstreitern für weiteren Unmut sorgt.

„Ich bin wirklich erschrocken, wie schnell hier Fakten geschaffen werden sollen vor der Wahl. Prima, wenn man sich hier einspannen lässt und quasi Beihilfe zur Unterdrückung von eventuellen Planungsfehlern leistet“, kritisiert sie und sagt, der Bürgermeister lasse sich benutzen. Vor allem vermisse sie aber auch Transparenz und Aufklärung und finde den aufgebauten Druck nicht gut: „Es ist davon auszugehen, dass die Deges/Strabag durchaus schon zeitnah Kenntnis von dem Kreuz hatte, nicht zuletzt aufgrund diverser Ortstermine.

Im Regenrückhaltebecken zersetzt sich der Sandstein

Es ist ja nicht so, dass dieses Kreuz auf einmal aufgetaucht ist und keiner will davon vorher gewusst haben.“ Pfarrer Diethelm Vogel berichtet von dem vom Bürgermeister initiierten Gespräch, dass das Kreuz versetzt werden müsse, weil ein Standort im Regenrückhaltebecken zu einer schnellen Zersetzung des Sandsteins führen würde – eine Option, die alle Beteiligten nicht für sinnvoll hielten.

Im Gespräch sei nun ein Standort auf einem Grundstück, das sich ebenfalls rechts der Landstraße nach Stadtallendorf befinde, aber 400 Meter näher Richtung Ortseingang liege und sich im Eigentum der Kirchengemeinde befinde (es ist derzeit verpachtet). Der alte Standort habe seine Atmosphäre bereits verloren. Dort wurden schließlich schon die Bäume gefällt. Die Stelle war auch Anlaufpunkt während der Proteste im Zuge der Fällarbeiten im Winter: Die Autobahn-Gegner hatten sie als „Jesus Point“ bezeichnet.

Kreuz soll eingefriedet werden

Das Kreuz soll an einer Ecke des Grundstücks in unmittelbarer Nähe zu zwei Radwegen stehen und eingefriedet werden. Außerdem, so hofft der Pfarrer, sollten dort noch Sitzbänke und vielleicht sogar ein Schutzraum stehen. „Das kann ein guter Standort sein, der auch gut erreichbar ist.“ Allerdings, so wirft Baader ein, sei das Gebiet feucht, weshalb sie ihre Zweifel hat.

Das sei dort überall der Fall, daher schlage er vor, dass die Stelle ein wenig aufgeschüttet und mit einem Fundament versehen werden soll. Die Stadt hat vorgeschlagen die rund 300 bis 400 Quadratmeter von der Kirchengemeinde zu erwerben – allerdings überlegen die Niederkleiner, auf den Verkauf zu verzichten und Eigentümer zu bleiben, was aber auch bedeuten würde, dass sie für die Pflege zuständig wären.

Schäden könnten noch größer werden

„Uns wäre wichtig, dass die Versetzung von einem Steinmetz erledigt wird, der das Kreuz auch fachmännisch aufarbeitet“, sagt Vogel und betont, dass es schon jetzt einige Schäden habe, die bei einem Umzug durchaus noch größer werden könnten. Die Kosten für Restauration und Versetzung solle die Deges tragen – ebenso für die Umgestaltung des Grundstücks. Außerdem müsse der Verwaltungsrat noch zustimmen, und es seien noch weitere Fragen zu klären, insbesondere rund um den Denkmalschutz. „So einfach und vor allen Dingen schnell geht das Ganze dann doch nicht über die Bühne“, wirft der Ortsvorsteher ein.

Das Flurkreuz sei ein Kulturdenkmal und als solches in der Denkmaltopographie verzeichnet, erklärt Bezirkskonservator Dr. Bernhard Buchstab. Da es nicht im Eigentum der Kirchengemeinde oder des Bistums Fulda sei, sondern der Stadt Stadtallendorf gehöre, sei im Vorfeld – wie bei anderen Kulturdenkmalen auch – hinsichtlich einer möglichen Versetzung beziehungsweise Sicherung und Restauration eine denkmalschutzrechtliche Genehmigung bei der Unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises einzuholen. Dies sei seiner Kenntnis nach aber noch nicht geschehen.

Weiter Termin geplant

Für den morgigen Mittwoch (9. März) ist ein weiterer Ortstermin geplant. Dann kommen Vertreter von Stadt, Kirchengemeinde und der Deges zusammen.

Von Florian Lerchbacher