Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Niederklein verliert seinen Supermarkt
Landkreis Ostkreis Niederklein verliert seinen Supermarkt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:42 01.07.2022
Über Jahrzehnte kauften (von links) Stephan Sprenger und Walter Gruß bei Martina und Reiner Koch sowie ihrer Mitarbeiterin Renate Gruß ein – so auch am letzten Tag noch einmal. 
Über Jahrzehnte kauften (von links) Stephan Sprenger und Walter Gruß bei Martina und Reiner Koch sowie ihrer Mitarbeiterin Renate Gruß ein – so auch am letzten Tag noch einmal.  Quelle: Florian Lerchbacher
Anzeige
Niederklein

„Ab jetzt heißt es: Zettel schreiben und beim Einkaufen in Stadtallendorf nichts vergessen. Das ist schon eine Umstellung, denn man kann ja nicht mehr einfach schnell etwas im Ort holen“, sagt Willi Koch und bedauert, dass der Niederkleiner Supermarkt schließt. Schon als Kind ging der inzwischen 75-Jährige dort einkaufen: „Damals gab es noch Salzheringe aus dem Pott.“ Und Salz, Mehl oder Zucker habe man sich abfüllen lassen.

„Eine Ära geht zu Ende“, betont er, während Heinz Kempf ergänzt: „Früher gab es vier Lebensmittelgeschäfte im Ort – jetzt keins mehr.“

Vor allem das Persönliche werde ihm fehlen – zum einen mit den Betreibern, zum anderen mit seinen Mitmenschen. Denn beispielsweise beim Brötchenkauf am Samstagmorgen habe man immer jemanden getroffen und kurz geplauscht.

„Jetzt müssen wir nach Kirchhain oder Stadtallendorf, wenn wir Brötchen haben wollen. Das ist dann alles mit Aufwand verbunden“, wirft Willi Kochs Frau Gertrud ein.

Die Anfänge

Im Jahr 1890 begann Christian Botthof (Martina Kochs Urgroßvater), Waren zu verkaufen: Zunächst zog er mit einem Tragegestell auf dem Rücken übers Land, um etwa Seife, Wagenfett oder Vaseline anzubieten. Etwa drei oder vier Jahre später eröffnete er dann seinen Laden. Auf Christian Botthof geht auch der Dorfname „Christs“ zurück. Ihm folgten drei Generationen, die den Familienbetrieb weiterführten und bis auf 230 Quadratmeter ausbauten.

Rund 130 Jahre gab es den Supermarkt, den Martina und Reiner Koch nun schließen. Es sei Zeit, in Rente zu gehen, erklärt sie und freut sich, künftig endlich auch Zeit für sich und ihre zwei Töchter beziehungsweise die vier Enkel zu haben. Spontan bei der Betreuung zu helfen, sei einfach nicht gegangen: „Wir waren selbst und ständig“, scherzt sie darüber, wie viel Zeit der Betrieb in Anspruch nahm.

Zeit, die sie aber immer gerne investiert habe: „Es hat großen Spaß gemacht. Vor allem mochte ich den Kontakt zu den Menschen. Wir waren hier nie einsam, nicht einmal in Corona-Zeiten.“ Als Martina Koch 15 Jahre alt war, hatten ihre Eltern sie gefragt, ob sie den Betrieb später übernehmen wolle. Sie sagte zu, die Eltern bauten den Markt noch einmal aus, Martina Koch begann mit 18 Jahren dort zu arbeiten und wurde 1985 zur Chefin.

Was die Schließung für sie bedeute, werde ihr wahrscheinlich erst in drei Wochen bewusst, wenn das erste „Urlaubsfeeling“ verfliegt. Das Geschäft an jemand anderes zu übergeben, sei aber nicht in Frage gekommen: „Es lohnt sich nur, wenn man auch Eigentümer ist – wenn man auch noch Pacht zahlen muss, ist das Dorf zu klein.“

Dabei war es einst ganz anders, wie sich Bürgermeister Christian Somogyi – selber Niederkleiner – erinnert: Früher sei die Schweinsberger Straße in seinem Heimatort eine echte Einkaufsstraße gewesen, in die Menschen aus der ganzen Umgebung gekommen seien, um Friseur, Lebensmittelgeschäft, Schuster, Metzgerei, Textilhandel oder die Tankstelle aufzusuchen. Jetzt gebe es nur noch ein Landhotel und ein Motorradgeschäft.

„Eine Ära geht zu Ende“

„Die Infrastruktur ist deutlich ärmer geworden. Mit dem Verlust des Supermarktes geht eine Ära zu Ende“, sagt der Rathauschef und betont, dass insbesondere diejenigen, die nicht mobil seien, nun ein erhebliches Problem hätten und zum Einkaufen in die Kernstadt fahren müssten. Und das, obwohl es im Stadtgebiet einen „gut funktionierenden Nahverkehr“ gebe. Viele müssten nun eben Freunde und Verwandte um Unterstützung bitten – oder die Bürgerhilfe.

Die Eheleute Koch hatten insbesondere Senioren stets geholfen und ihnen beispielsweise Getränke auch ins Haus geliefert. „Den Stammkunden wollen wir weiterhelfen: Sie bekommen unsere Privatnummer, und wir kaufen für sie ein und bringen ihnen die Ware“, erklärt Martina Koch.

Aber: Das Einkaufserlebnis im Kreise der Mitbürgerinnen und Mitbürger ist nun Geschichte. Die Erinnerungen bleiben: Stephan Sprenger, der seit 1970 bei Kochs beziehungsweise Christs einkaufte, wird stets im Gedächtnis bleiben, wie er als Kind die Comics durchstöberte und am liebsten die Bessy-Heftchen erwarb, die sich um einen Collie drehen. Angelika Koch und ihre Enkelinnen Johanna und Elisabeth Baader mochten es immer, dass sie „um die Ecke“ und spontan noch etwas kaufen konnten.

Angela Goldbach hebt hervor, dass „die Martina“ immer Eltern unterstützte: Diese hätten vor den Sommerferien nur einen Zettel abgeben müssen mit Infos, welche Materialien die Kinder brauchen – und dann am Ende der Ferien einfach eine komplett gepackte Kiste abholen können: „Das war echt eine Erleichterung.“

Und Walter Gruß, ebenfalls ein regelmäßiger Kunde, hebt das freundschaftliche Verhältnis zu den Kochs hervor: „Das behalten wir bei.“

Von Florian Lerchbacher

02.07.2022
02.07.2022