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Ostkreis "Irgendwas stimmt da doch nicht"
Landkreis Ostkreis "Irgendwas stimmt da doch nicht"
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17:00 27.10.2019
Der Vermieter der Wohnblocks in der Königsberger und der Leipziger Straße nutze sozial schwache Menschen aus, kritisiert der Sohn einer Mieterin, die auf Rückzahlungen wartet. Quelle: Tobias Hirsch
Neustadt

Rund 1.000 Euro müsste Falk Meiers Mutter gemäß der Nebenkostenabrechnungen zurückbekommen. Und das nur aus den Jahren 2016 und 2017. Für 2018 liege noch keine Abrechnung vor, erklärt der Mainzer, der kurz vor dem Verzweifeln ist: Der Vermieter, eine GmbH mit Sitzen in Frankfurt und Leipzig, zahlt seiner Mutter und, wie er berichtet, noch anderen Mietern ihr Geld nicht zurück, lässt weitere Geschäftspartner zappeln und bringt sogar die Stadt Neustadt an den Rand der Verzweiflung.

Seine 88-jährige Mutter habe bei einem Telefonat die Auskunft erhalten, dass zu viel gezahlte Nebenkosten nicht zurückerstattet werden könnten, weil das Unternehmen kein Geld habe. Ein örtlicher Gärtnereibetrieb bestätigt dieser Zeitung, dass er seine Tätigkeit rund um die Wohnblocks eingestellt habe, weil er noch auf einen fünfstelligen Betrag warte. Und die Stadt stößt mit Anfragen auf taube Ohren: Die Wohnblocks liegen im Bereich, in dem die „Soziale Stadt“ greift.

Aus diesem Grund suchte die Kommune den Kontakt zum Unternehmen, um über Fördermöglichkeiten zu informieren und dazu zu animieren, sich einzubringen und das Programm zu nutzen. „Das scheint sie aber alles nicht zu interessieren“, sagt Bürgermeister Thomas Groll.

Auch die Kommune stößt auf taube Ohren

Dabei hatte alles so gut angefangen: Vor fünf Jahren kaufte die Ayco Hyp die Wohnblocks in der Leipziger und der Königsberger Straße, wollte rund 700.000 Euro in die Renovierung stecken und das Wohngebiet aufwerten. Beispielsweise sollte eine Ladenzeile entstehen, und das Unternehmen wollte auch noch ein eigenes Verwaltungsbüro für die rund 130 Wohnungen einrichten. Passiert ist so gut wie nichts, wie Groll erklärt: „Wir sind als Stadt sehr unzufrieden mit der Entwicklung. Außer ein paar Renovierungsarbeiten an der Fassade ist aus den hochtrabenden Plänen der Vergangenheit nichts geworden.“

Er sorgt sich, dass die Blocks „verwohnt“ werden. Noch dazu gebe es immer wieder Probleme mit Müll – und es falle schwer, das Unternehmen zu erreichen. Eine Erfahrung, die auch diese Zeitung im Zuge der Recherchen machen musste. Ein Geflecht aus Firmen macht die ­Suche nach einem Ansprechpartner nicht leichter.

Das Vorstandsmitglied, das der OP einst die Pläne für die Zukunft der Wohnblocks präsentierte, ist laut ­Informationen aus dem Internet dort nicht mehr angestellt. Noch dazu ist nicht mehr die Ayco Hyp Vermieter, sondern inzwischen die Süd Hyp, die die Geschäfte wiederum von der Nord Hyp übernommen hatte, wie aus einem Schreiben hervorgeht. Um die Verwaltung kümmert sich die Ost Hyp.

Alle diese Unternehmen haben den gleichen Sitz in Leipzig, und als Geschäftsführer und Vorstandsmitglieder tauchen immer wieder die gleichen Namen auf. Die genauen Details lassen sich im Internet nicht klar nachvollziehen – und telefonische Nachfragen scheinen unmöglich.

Mitarbeiterin ist nicht zuständig und blockt ab

Bei Telefonnummern, die im Internet zu finden sind, hebt niemand ab. Ein Anruf bei einer Nummer, die auf einem Geschäftsbrief zu finden ist, macht dann nachvollziehbar, warum Stadt und Falk Meier nur noch mit den Köpfen schütteln. Zunächst ignoriert die Vorgesetzte der Frau, die den Anruf entgegennimmt, die Bitten um Rückruf. Als die vermeintlich Zuständige dann eines Tages tatsächlich am Apparat ist, erklärt sie, nicht die richtige Ansprechpartnerin zu sein.

Sie sei schließlich für die Ost Hyp tätig, also den Verwalter. Und nicht für die Nord Hyp, unter deren Briefkopf ihre Nummer zu finden war. Informationen gebe es beim Vermieter, eben jener Nord Hyp – der erste Punkt, an dem die Frau irrt. Schließlich ist ja laut Schreiben des Unternehmens die Süd Hyp inzwischen Vermieter. Eine Telefonnummer der richtigen Ansprechpartner gibt sie auch nicht heraus.

Dabei beruft sie sich auf den Datenschutz – was Irrtum Nummer zwei ist, da sich die Anfrage dieser Zeitung auf eine generelle Nummer des Unternehmens bezog, die nicht unter den Datenschutz fällt. Anders wäre das bei der Frage nach einer konkreten Durchwahl gewesen, die sie tatsächlich nicht hätte herausgeben dürfen.

Rechtsanwalt rät Mietern zur Klage

Die Frau behauptet, die notwendigen Telefonnummern ließen sich im Internet problemlos finden. Aller guten Dinge sind bekanntlich drei – das gilt wohl auch für Irrtümer, denn die Suche nach einer funktionierenden Nummer stellte sich als hoffnungslos heraus.

„Irgendwas stimmt da doch nicht. Das ist alles ein bisschen krass“, ärgert sich Falk Meier und kritisiert, dass der Vermieter sozial schwache Menschen ausnutze. Am liebsten würde er zu einem Anwalt gehen – doch seine Mutter befürchtet, dies könne mit ihrem Rauswurf aus der Wohnung enden.

„Das kann nicht passieren“, sagt Winand Koch, Rechtsanwalt aus Stadtallendorf, auf Anfrage dieser Zeitung: „Ein Mieter kann nicht rausgeworfen werden, bloß weil er sein Geld zurückverlangt.“ Sein Rat ist, den Vermieter zu verklagen, wenn dieser den Überschuss der Abschlagszahlungen nicht zurücküberweist. Sozial schwache Menschen könnten dafür Prozesskostenhilfe beantragen: Formulare dafür ließen sich beispielsweise in Anwaltskanzleien finden.

„Diese müssen ausgefüllt werden. Anschließend entscheidet das Amtsgericht Kirchhain darüber, ob Prozesskostenhilfe gewährt wird – aber bei Menschen, die in Sozialwohnungen leben, sollte dies überhaupt kein Problem sein.“ Ein Vermieter sei verpflichtet, die für Nebenkosten gezahlten Gelder gesondert aufzubewahren – entsprechend müssten sie noch vorhanden sein.

von Florian Lerchbacher