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Ostkreis Ungewiss – aber gestaltbar
Landkreis Ostkreis Ungewiss – aber gestaltbar
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17:59 27.10.2021
Dr. Lars Witteck sprach über Chancen und Risiken des ländlichen Raums, Lisa Gensler über ihre Wünsche.
Dr. Lars Witteck sprach über Chancen und Risiken des ländlichen Raums, Lisa Gensler über ihre Wünsche. Quelle: Florian Lerchbacher
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Neustadt

Wie stellen sich die Menschen die Zukunft Neustadts vor? Was haben sie für Wünsche, was haben sie für Ideen? Diesen Fragen will die Stadt in Zusammenarbeit mit ihren Bewohnerinnen und Bewohnern mit der Zukunftswerkstatt 2030 angehen. Den Auftakt am Montagabend vor rund 30 Gästen prägten der ehemalige Regierungspräsident Dr. Lars Witteck, der Paderborner Zukunftsforscher Dr. Alexander Fink und Lisa Gensler, eine junge Mutter, die mit ihrer Familie in der Junker-Hansen-Stadt lebt.

Witteck widmete sich als erster Redner den Chancen aber auch den Risiken des Lebens im ländlichen Raum. Er sprach unter anderem über die Metropolregion Frankfurt am Main, die zwar eine Triebfeder des Fortschrittes sei, dadurch aber auch im Fokus der finanziellen Förderungen aus Brüssel stehe. Der benachbarte ländliche Raum profitiere zwar von Arbeitsplätzen, kulturellem Angebot und dem Image, das abstrahle, gleichzeitig habe die Rhein-Main-Region aber eben auch eine Sogwirkung auf Menschen, Kapital und Innovationen. Die Einwohnerzahlen auf dem Land sänken daher, während die Kosten blieben und das Leben teurer machten. Das Wachsen an der einen Stelle bringe eben einen Schrumpfungsprozess an anderen Stellen mit sich – und dem sei nur durch eine proaktive Gestaltung des ländlichen Raumes entgegenzuwirken.

Netzausbau

Ein entscheidender Faktor sei Bildung, doch es gebe noch viele weitere Faktoren: allem voran eine schnelle Internetverbindung, die das Arbeiten „auf dem Lande“ konkurrenzfähig mache. Außerdem wichtig seien beispielsweise gute Verkehrswege auf Straße und Schiene, die erneuerbaren Energien, die gute Chancen der Wertschöpfung und Arbeitsplätze böten, oder der Erhalt der sozialen Strukturen. Das seien zwar Herkulesaufgaben, doch Witteck machte den Neustädtern Mut: „Trauen Sie sich, Neues zu versuchen, statt den Versuch zu unternehmen, in alte Strukturen neue Menschen zu bringen.“

„Zukunft ist anders, ist ungewiss, ist gestaltbar, ist dynamisch“, fasste Fink anschließend seine vier Kernaussagen zunächst in einem Satz zusammen. Er lud seine Zuhörer ein, zunächst einen Blick auf die prägenden Themen der vergangenen 15 Jahre zu werfen und hielt – nachdem klar war, dass die meisten wieder in der Versenkung verschwunden sind – fest: „Gewissheiten können schnell überholt sein.“ Dies untermalte er mit einigen Vorhersagen der Vergangenheit, die sich alle als absolute Fehleinschätzungen herausstellten: So hatte Bill Gates noch 1997 erklärt, das Internet sei nur ein Hype.

Etwas wagen

„Wir brauchen ein zukunftsoffenes Denken“, sagte er und ergänzte, dass Entwicklungen natürlich unterschiedlich verlaufen könnten, daher also eher von „Zukünften“ die Rede sein solle. Der ländliche Raum könne beispielsweise entweder Zulieferer für urbane Regionen, aber eben auch „Dorf Deluxe“ mit besten Lebensbedingungen werden. Das brachte ihn zur Aussage, dass Zukunft beziehungsweise Zukünfte gestaltbar seien und die Menschen Experimente wagen und mutig sein sollten – aber eben auch nicht vergessen dürften, dass es unvorhersehbare Dinge geben könne wie beispielsweise Finanzkrisen oder Pandemien.

Zum Abschluss zählte Lisa Gensler auf, was sie sich für Neustadt – eine Stadt, die sie als Kind eher langweilig gefunden habe, die aber heute bunt, offen, kreativ und umweltbewusst daherkomme – wünscht. Unter anderem nannte sie Vereine und andere Treffpunkte für den zwischenmenschlichen Kontakt, aber auch sichere Arbeitsplätze, bezahlbare Bauplätze und bezahlbaren Wohnraum sowie ein Café. „Macht mit! Es kann sich lohnen“, rief sie ihre Mitmenschen dazu auf, sich in die Zukunftswerkstätten einzubringen und erinnerte daran, dass sie gemeinsam mit anderen Eltern den Anstoß für das Einrichten des Waldkindergartens gegeben habe. „So ein Ökoding – ob Neustadt dafür offen ist?“, habe sie sich einst gefragt. Inzwischen besteht die Einrichtung bereits aus zwei Gruppen.

Damit sprach sie Bürgermeister Thomas Groll aus dem Herzen, der ebenfalls zum Mitmachen an den Zukunftswerkstätten aufrief. Diese finden an drei Samstagen statt. Am 20. November geht es um das Thema „Mobilität“, am 27. November um das „Zusammenleben“ sowie am 11. Dezember um das „Beleben der Innenstadt“ (jeweils 10 bis 16 Uhr im Kultur- und Bürgerzentrum – mit Kinderbetreuung).

Passend dazu zitierte Gensler noch Albert Einstein: „Auf Veränderungen zu hoffen, ohne selbst etwas dafür zu tun, ist wie am Bahnhof zu stehen und auf ein Schiff zu warten.“

Sie möchten teilnehmen?

Für die Teilnahme an den Zukunftswerkstätten wird um Anmeldung gebeten – Kurzentschlossene können aber auch spontan mitmachen. Wer eine Kinderbetreuung benötigt, muss diese aber im Vorfeld anmelden. Kontakt: Svetlana Nerenberg, Marktstraße 6 (Quartiersbüro), Telefon 0 66 92 / 9 69 11 59 oder 01 51 / 56 96 54 75, E-Mail quartiersbuero@soziale -stadt-neustadt.de

Von Florian Lerchbacher

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